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Olympia 2012
Die Olympischen Sommerspiele vom 27. Juli bis 12. August in London - Hintergründe, Bilder, Emotionen.

03. August 2012

Olympia 2012 - Judo: Märchen im Mief

 Von Wolfgang Hettfleisch
Wojdan Sharkhani: Kein Problem mit dem "Turban". Foto: dpa

Die 16-jährige Judoka Wojdan Shahrkani und ihr Auftritt als erste saudische Athletin bei den Olympischen Spielen ist vor allem eines: Instrumentalisierung. Denn das Interesse an ihr als Person ist geheuchelt.

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Die 16-jährige Judoka Wojdan Shahrkani und ihr Auftritt als erste saudische Athletin bei den Olympischen Spielen ist vor allem eines: Instrumentalisierung. Denn das Interesse an ihr als Person ist geheuchelt.

London –  

Es stank. Menschliche Ausdünstungen verdichteten sich zu einem Geruchsteppich, der einem den Atem nahm. Und es war eine Menge Mensch, die  sich da am Freitagvormittag in der Mixed Zone der Judo-Halle im Exhibition Centre in den Londoner Docklands drängte – Rempelei und Rüpelei inbegriffen. Es galt einen Star dieser Spiele abzupassen, nur ja jedes Wort mitzukriegen, bloß nichts zu versäumen.

Ende nach 82 Sekunden

Die Medienmeute wartete nicht auf Usain Bolt, Michael Phelps und Jessica Ennis. Sie wartete auf ein 16-jähriges Mädchen, das gerade in der Runde der letzten 32 der Schwergewichtsklasse der Frauen seinen ersten olympischen Kampf bestritten und verloren hatte. Begrüßt worden war Wojdan Shahrkani, die erste Frau aus Saudi-Arabien in einem Wettbewerb der Olympischen Spiele, von den Zuschauern mit einem Jubelsturm. Und so wurde sie auch verabschiedet, nachdem Melissa Mojica aus Ruerto Rico ihre junge und unerfahrene Gegnerin nach 82 Kampfsekunden mit einem Schulterwurf auf die Matte geschickt und so vorzeitig gewonnen hatte.

Es war ein weit würdigeres Schauspiel als jenes, das die Journalisten der sich gern als zivilisiert bezeichnenden westlichen Welt nach dem kurzen Kampf des Mädchens aus dem erzkonservativen wahhabitischen Königreich auf der gelben Matte 1 anschließend hinter den Kulissen aufführten. Der pummelige Teenager, dessen Auftritt eine längere sportdiplomatische Vorgeschichte hat, nahm das Tohuwabohu erstaunlich gelassen.

Sharkhanis Bruder Hasan und der Präsident des saudischen Judoverbands, Hani Najm, geleiteten die 16-Jährige letztlich sicher durch den Höllenschlund aus Armen, Kameras, Handys und Diktiergeräten. Wojdan Shahrkani, die nicht englisch spricht, sagte ein paar Sätze, Doktor Najm, ein Herzchirurg, übersetzte: Sie sei stolz und glaube, dies sei ein Meilenstein für den Frauensport in Saudi Arabien. Nur habe es leider nicht zu einer Medaille gereicht. „Danke für Ihre Unterstützung.“

Geheucheltes Interesse

Die Zitate-Sammler im Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees, die nicht durch Metallzäune von den Athleten getrennt werden, waren erfolgreicher und gaben später die Sätze heraus, die nun in den vielen, vielen Artikeln rund um den Globus als Sharkhanis Sätze wiederholt werden. Sie habe, heißt es da, große Angst gehabt angesichts der vielen Menschen in der Halle und es sei schwierig für sie gewesen, mit so vielen Zuschauern konfrontiert zu sein. Sie sei aber stolz, ihr Land repräsentiert zu haben und wolle beim nächsten Mal besser abschneiden. Zitat: „Hoffentlich gewinne ich dann eine Medaille.“

Das ist nicht sonderlich wahrscheinlich, in den Augen der westlichen Medienindustrie aber auch nicht wichtig. Wojdan Sharkhani ist das, was im Jargon des Metiers „eine Geschichte dieser Spiele“ genannt wird. Das Interesse an ihr als Person ist geheuchelt. Deutlich wurde das schon bei einer ersten flüchtigen Lektüre der fabrizierten Nachrichten zu ihrem Olympia-Debüt. Da ist Sharkhani mal 18 Jahre alt, mal kommt ihre Gegnerin aus Peru. Alles nicht so wichtig. Die Spiele schreiben Geschichte: Das ist die Zeile, um die es geht.

Das Mädchen aus Saudi Arabien wurde vom IOC benutzt, um dem Weltfest des Sports und seinen Machern einen progressiven Anstrich zu geben. Der Sport als Katalysator für gesellschaftspolitische Fortschritte in der arabischen Welt – das ist eine Botschaft nach dem Geschmack der Olympier. Und die reaktionäre Saud-Dynastie hatte wohl ein ganz ähnliches Anliegen, als Prinz Nawaf, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees und Angehöriger des Königshauses, dem Drängen des IOC nachgab und sich bereiterklärte, wegzuschauen, wenn Sportlerinnen aus dem eigenen Land bei Olympischen Spielen antreten. Offiziell entsandt hat das NOK sie nicht. Die Duldung setzte voraus, dass sich die saudischen Starterinnen (es sind zwei) den Vorgaben des Islam entsprechend kleiden und verhalten.

"Kein Problem mit dem Turban"

Daraus ergab sich zwangsläufig die nächste Kontroverse. Eine, die einen sehr mäßigen Judokampf, den nun die halbe Welt als Sternstunde der Durchsetzung der Frauenrechte feiert, beinahe noch verhindert hätte. Wojdan Shahrkani sollte und wollte ihr Haar bedecken, während die Regeln der International Judo Federation Kopfbedeckungen im Kampf verbieten, weil sie angeblich Verletzungen verursachen können. In hektischen Verhandlungen wurde auch diese letzte Hürde aus dem Weg geräumt. Das Mädchen von der Arabischen Halbinsel durfte sein Haar unter etwas verbergen, das stark an jene Mützen erinnerte, die in den Docklands noch vor wenigen Jahrzehnten viele Hafenarbeiter trugen.

„Ich hatte kein Problem mit dem Turban“, erklärte die eine Runde später ebenfalls ausgeschiedene Gegnerin Melissa Mojica, die sich vermutlich noch nie in ihrem Leben so vieler Journalistenfragen erwehren musste. Und Hani Najm, der saudische Judo-Präsident, fand, die Kopfbedeckung sei kein Thema, „sie macht keinen Unterschied“. Dass der olympische Beitrag von Wojdan Shahrkani hinsichtlich der Rolle der Frau in der Gesellschaft Saudi Arabiens einen Unterschied machen könnte, bleibt eine optimistische Mutmaßung. Sportunterricht für Mädchen ist in den öffentlichen Schulen des Landes undenkbar, zu Sportvereinen und deren Einrichtungen haben Frauen keinen Zutritt.

Die Olympiateilnehmerin im Judo lernte die Griffe und Kniffe zuhause von ihrem Vater Ali, einem Judoka und Schiedsrichter. Sie versucht sich in dem Sport erst seit zwei Jahren. Einen schwarzen Gürtel, wie sie ihn am Freitag trug, darf sie sich eigentlich noch gar nicht umbinden. Der, der ihren Ausbildungsgrad widergibt, ist blau. „Ich hoffe, das ist ein Anfang auf dem Weg zu mehr Teilhabe auch in anderen Sportarten“, sagte Shahrkani laut amtlichem IOC-Bulletin. Sarah Attar, eine 800-Meter-Läuferin, wird ihr als zweite saudische Olympiastarterin am nächsten Mittwoch folgen. Attar ist eine selbstsichere Schönheit, spricht perfektes amerikanisches Englisch und ließ sich beim Training in San Diego filmen. Die Kopfbedeckung dürfte so ziemlich das Einzige sein, das sie mit Wojdan Sharkhani gemeinsam hat.

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