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Olympia 2012
Die Olympischen Sommerspiele vom 27. Juli bis 12. August in London - Hintergründe, Bilder, Emotionen.

27. März 2012

Olympische Spiele in London: Vertrieben im Namen Olympias

 Von Barbara Klimke
Das graue East End sollte etwas Goldstaub abbekommen. Aber der hat dann doch nicht so richtig funktioniert. Im Hintergrund ist der neue ArcelorMittal Orbit zu sehen, der 115 Meter hohe Stahl-Aussichtsturm im Olympiapark.  Foto: bloomberg

Schöne neue Welt? Im Londoner East End, dem alten Arbeiterbezirk, ist in den vergangenen Jahren ein pompöser Olympiapark entstanden. Und einiges ist auch verschwunden. Zum Beispiel die ehemaligen Bewohner.

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London –  

Bis zum Olympiastadion hätte es Mike Wells in diesem Sommer normalerweise nicht weit, drei Kilometer etwa, auf dem Wasser. Sein Boot liegt in Nord-London am Regent’s Kanal. Die Planken schaukeln sacht, im Herd mit dem langen Ofenrohr bollert ein Feuer, und draußen ziehen Blesshühner vorbei. Die Zahl der Hausboote innerhalb der Stadtgrenze hat stark zugenommen.

Aber Sehnsucht nach Idylle ist es nicht, die die Leute auf die Kähne treibt. „Auf dem Wasser zu wohnen, das ist keine einfach Option, sondern Schwerarbeit“, sagt Mike Wells bei einer Tasse Grüntee in der Kajüte. Er sitzt unter einem Foto von äthiopischen Kühen. Es gibt keine Elektrizität an Bord, nur Kerzen, geheizt wird mit zerhackten Holzpaletten, und auf den Decks der anderen Boote an diesem Kanalabschnitt in Hackney stapeln sich Taue, Farbeimer und Winden. London ist eine sündhaft teure Stadt zum Leben, und viele von Wells’ Nachbarn finden hier auf dem Wasser eine karge Art der Unterkunft, die sie sich gerade noch leisten können. Mike Wells nennt sie „Flüchtlinge einer Mietpreisinflation“.

Wie es aussieht, steht dem Fotografen Mike Wells und seinen Nachbarn nun eine weitere Vertreibung bevor, diesmal wegen der Londoner Sommerspiele. Die zuständige Behörde, British Waterways, will im Juli und August eine Olympiazone auf Londons Kanälen und Flüssen einrichten, die von Paddington im Westen bis nach Osten, ins East End, reicht.


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Für Boote ohne festen Liegeplatz wird dann eine Olympiagebühr fällig, die bis zu 360 Pfund (420 Euro) pro Woche betragen kann. Sie gilt für Urlauber, die während der Spiele an den mittlerweile abgesperrten Olympiapark schippern wollen; aber auch für Londoner wie Wells, der eine preiswerte Jahreslizenz zum Cruisen hat, mit der er bisher nur gehalten ist, sein Hausboot alle vierzehn Tage ein Stückchen auf dem Wasser zu bewegen. Er sagt: „Die wollen uns raushaben aus der Stadt, weil ihnen unsere Boote zu schäbig sind. Für die sind wir so etwas wie anarchische Künstlertypen. Womit sie nicht ganz unrecht haben.“

Ein Kriegsschiff auf der Themse

Den Vorwurf, dass die Hausboote Opfer einer großen Putz- und Säuberungsaktion werden, bevor die Touristen kommen, weist British Waterways empört zurück. Die Maßnahmen seien wegen der Regulierung von Wasservorkommen und wegen der Sicherheitsvorschriften erforderlich, sagt eine Sprecherin. Und sie seien mit dem Londoner Olympiaorganisationskomitee LOGOG und der Polizei abgesprochen. „Die Olympischen Spiele sind ein außergewöhnliches Ereignis, sowohl für British Waterways als auch für London. Auf der Themse wird sogar ein Kriegsschiff liegen.“

Allerdings fühlen sich die Hausbootbesitzer auf ihren schmalen Kähnen weniger durch einen Zerstörer in den Docklands als durch den Gebühreneinfallsreichtum von Beamten bedroht. Das hat auch British Waterways eingesehen und plant nun, im Sommer eine kleine Zahl von Anlegeplätzen in London einzurichten, an denen sich Hausboote aufhalten dürfen, ohne den speziellen Olympia-Obulus zu zahlen. „Uns ist bewusst, dass Hausboote eine billige Wohnalternative geworden sind“, räumt die Sprecherin ein. „Wenn die Wohnung bedroht ist, dann löst das natürlich Ängste aus.“

Ausquartiert und umgesiedelt

Für Mike Wells enthält eine solche Bemerkung von offizieller Stelle ein Maß bitterer Ironie. Denn er wird bereits zum zweiten Mal im Namen Olympias vertrieben. Beim ersten Mal wurde er aus einer Wohn-Kooperative ausquartiert, ehe 2007 die Abrissbirne kam. Wo sich früher der Clays Lane Estate in Stratford im Londoner Verwaltungsbezirk Newham befand, steht heute der Olympiapark. Was Wells generell von dem olympischen Spektakel hält, ist an seinem T-Shirt abzulesen. Da formt sich das London-2012-Logo zu den Buchstaben S-H-I-T.

Das ist eine Meinung, die in London nicht unbedingt mehrheitsfähig ist, vor allem nicht im Alten Rathaus von Newham, einem liebevoll restaurierten viktorianischen Bau mit Kronleuchtern, wo Richard Crawford in einem Konferenzraum sitzt. Crawford, seit 14 Jahren Mitglied des Bezirksrats und Lokalpolitiker der Labour-Partei, hat eine Weile selbst in der Wohngenossenschaft Clays Lane Estate gelebt.

Er streitet nicht ab, dass der heutige Olympiapark einst eine „kontaminierte Industriebrache“ war, wie das Organisationskomitee LOCOG sagt. Aber abseits der Schrotthändler, Verpackungsbetriebe und Recycling-Halden, sagt er, habe es auch einen Streifen Land gegeben, wo 500 Menschen in einer Kooperative lebten, wo ein Studentenwohnheim und die Wagen der irischen Traveller-Gemeinde standen. „Es war ein interessanter Mix“, erinnert sich Crawford, ein gebürtiger Schotte, der nach dem Studium nach London zog. Den umgesiedelten Bewohnern wurde alternativer Wohnraum angeboten.

        

Spielwiese Olympia: London ist bereit.
Spielwiese Olympia: London ist bereit.
 Foto: reuters

Der Olympiapark in Stratford ist das Herzstück der Spiele, errichtet in einem der ärmsten Londoner Verwaltungsbezirke. Umgerechnet 11,1 Milliarden Euro wurden hier verbaut. Stadion, Olympisches Dorf, neue Arenen für Schwimmen, Handball, Basketball, Hockey, Radsport sowie riesige Medienzentren sind fertig. An die alte Wohn-Kooperative indes erinnert sich kaum jemand mehr.

Und das war auch der Masterplan, der von Anfang an hinter der Olympiabewerbung stand: Londons Stadtväter hatten gedacht, dass es Ecken im East End gibt, denen am besten damit gedient sei, wenn sie schnellstmöglich verschwinden. Bei der Vergabe der Spiele 2005 bezauberte Londons ehemaliger Bewerbungs- und heutiger Organisationschef Sebastian Coe das IOC zwar mit Zukunftsvisionen von Jugend, Tugend und Sport.

Londons damaliger Bürgermeister Ken Livingstone aber, ein Sozialist alter Schule, hatte Bagger im Sinn: „Ich habe mich nicht um die Olympischen Spiele bemüht, weil ich drei Wochen Sport wollte“, stellte er später mit fröhlicher Unbekümmertheit klar. „Ich habe mich darum bemüht, weil es die einzige Möglichkeit war, der Regierung die nötigen Milliarden für die Entwicklung des East Ends abzuringen – für Erdreichreinigung, Infrastruktur und Wohnungsbau.“

Das East End, der alte Arbeiterbezirk nördlich der Londoner Docks, liegt seit der Industrialisierung unter einem schweren Grauschleier. Er hat ein bisschen Goldstaub bitter nötig. Hier wurden nie, wie im feinen Westen, Laternen mit Krönchen verziert, sondern die Baulücken der Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs mit der Brutalo-Architektur der 60er-Jahre gefüllt. Von den fünf Olympic Boroughs, den Stadtvierteln rund um die Sommerspiele im Osten, ist Newham der strukturschwächste. „Wir sind eine arme Gegend“, sagt Newhams Ortsrat Richard Crawford.

Höchste Arbeitslosenquote in der Metropole

Die Arbeitslosenrate liegt bei 14,7 Prozent. Das ist die höchste Quote in der Metropole, fast doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. 18 000 Menschen, sagt Crawford, hatten hier noch nie im Leben einen Job. 55 Prozent der Erwachsenen sprechen nicht Englisch zu Hause – auch das ist Londoner Rekord. Somit ist es kaum verwunderlich, dass Newham eine Hochburg der sozialdemokratischen Labour-Partei ist: Der erste unabhängige Labour-Abgeordnete, Keir Hardie, wurde 1892 in dieser Gegend, die damals offiziell South West Ham hieß, ins Parlament gewählt. Noch heute kommen alle 60 Bezirksräte , ohne Ausnahme, wie Crawford aus der Labour-Partei.

So genanntes Hot-Bedding ist in Newham noch verbreitet: Darunter versteht man ein Wohn-Arrangement, bei dem sich drei Leute, meist Wanderarbeiter aus allen Teilen der Welt, ein Einbettzimmer teilen. Weil billiger Wohnraum knapp ist, mieten die Männer den Raum nur stundenweise, abwechselnd zwischen ihren Arbeitsschichten.

Sozialdienste berichten zudem von Menschen, die – ein paar Kilometer von den milliardenteuren Olympiabauten entfernt – in Garagen, Geräteschuppen und leeren, abgeschalteten Industrieanlagen schlafen. Sogar die Lebenserwartung ist geringer als in anderen Vierteln, was East Ender, die über genug Sinn für makabre Scherze verfügen, sogar erheiternd finden. Ein Witz jedenfalls besagt, dass das maximale Lebensalter am U-Bahn-Verlauf der Jubilee Line abzulesen sei: Mit jeder Haltestelle Richtung Osten sterbe es sich ein Jahr früher.

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