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30. Juli 2012

Rekorde im Schwimmen: Rätselraten um Fabelrekord

 Von Jens Weinreich
Ye Shiwen gibt Rätsel auf - sie schwimmt schneller als die besten Männer.  Foto: dpa

Die Chinesin Ye Shiwen gewinnt Gold über 400 Meter Lagen. Die Art und Weise verblüfft: Auf den letzten 100 Metern schwimmt Shiwen teilweise schneller als die besten Männer. Die Wunderleistung sorgt für Spekulationen - angesichts der Dopinggeschichte des Landes ist das nicht verwunderlich.

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Es sollen die Olympischen Spiele der Frauen sein. Viel wurde vorher über Emanzipation gesprochen, denn erstmals nehmen aus allen Ländern Frauen teil. IOC-Präsident Jacques Rogge war dafür sogar von Frauenorganisationen belobigt worden. Aber hatte er sich das wirklich so vorgestellt, dieser Jacques Rogge: Dass Frauen nun schneller schwimmen als Männer?

Was war passiert am Sonntagabend im Aquatics Centre zu London, im Frauenfinale über 400 Meter Lagen? Ye Shiwen aus China, im März gerade 16 Jahre alt geworden und 2011 in Schanghai Weltmeisterin auf der halben Distanz, lag nach 300 Metern fast eine Sekunde hinter der Weltmeisterin Elizabeth Beisel(USA).

Atemraubendes Tempo

Dann – Achtung, Phrase – zündete sie den Turbo. Was soll man sonst dazu sagen? Die Schülerin aus Huangzhou nahm Beisel dreieinhalb Sekunden ab, setzte sich in atemraubenden Tempo an die Spitze, holte Gold und den Weltrekord (4:28,42 Minuten).

Das Außergewöhnliche dieser Performance aber ergab sich aus dem Vergleich mit dem Männer-Finale 15 Minuten zuvor. Die lange Lagendistanz wird als die schwerste Disziplin bezeichnet. Ye Shiwen hätte auf den letzten 100 Metern im Männer-Finale mithalten können. Sie war teilweise schneller als zwei der besten Schwimmer aller Zeiten.

Die vorletzte Bahn kraulte Frauen-Weltrekordlerin Ye in 29,75 Sekunden – Männer-Weltrekordler Michael Phelps brauchte dafür 29,88 Sekunden. Die letzte Bahn kraulte Olympiasiegerin Ye in 28,93 Sekunden – Olympiasieger Ryan Lochte brauchte 29,10 Sekunden.

"Ich werde künftig noch schneller sein"

Ye legte ihre letzten 100 Meter in 58,68 Sekunden zurück. Immerhin, Lochte war drei Hundertstel schneller. Es gibt Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit. Es gibt Grenzen der physiologischen Leistungsfähigkeit zwischen Männern und Frauen, selbst wenn sich, historisch betrachtet, die Bestleistungen des weiblichen Geschlechts denen der Männer nähern.

Ye Shiwen wurde natürlich gefragt, wie es möglich gewesen sei, dass sie auf zwei Bahnen schneller war als Ryan Lochte und Michael Phelps. „Weil ich hart trainiert habe“, antwortete sie artig.

Anders als bei ähnlichen Gelegenheiten zuvor, wenn Chinas Athleten sich erklären sollten, gab sie bereitwillig Auskunft – wenngleich kurz und nichtssagend. Es war kein Funktionär an ihrer Seite, der die Sätze vorgab oder korrigierte. „Ich werde künftig noch schneller sein“, sagte Ye Shiwen. „Ich habe zuletzt sehr gut trainiert.“

Seit ihrer Kindheit trainiere sie nach wissenschaftlichen Methoden, deshalb werde sie immer schneller. Und, nein: „Wir sind keine Schwimm-Roboter.“

Steigerung um sieben Sekunden

Ye Shiwen hat viel gelacht an diesem Abend. Wie ihr Landsmann Sun Yang (20), denn er wurde als erster chinesischer Schwimmer Olympiasieger und gewann die 400 Meter Freistil – wobei Paul Biedermanns Weltrekord aus dem Jahr 2009 bestehen blieb.

Ist es unfair, derartige Wunderleistungen mit Doping in Verbindung zu bringen? Keinesfalls. Denn die Welt ist keine Scheibe. Oft genug wurden Wunderschwimmer (wie Wunderradfahrer und Wunderleichtathleten) als Betrüger enttarnt. Ye Shiwen hat sich seit dem vorigen Jahr, als sie über 400 Meter, nach einem Infekt, WM-Fünfte wurde, um knapp sieben Sekunden gesteigert.

Das ist kein Indiz. Sie hatte als Vierzehnjährige bereits beide Titel bei den Asienspielen 2010 gewonnen.

China und besonders die chinesischen Schwimmer haben aber eine alarmierende Geschichte des Dopings, das integraler Bestandteil ihres Sportsystems ist. Ganze Mannschaften wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten aus dem Verkehr gezogen. Um die Jahrtausendwende wurde völlig neu aufgebaut. Sie kamen und siegten – und verschwanden wieder. Im Frühjahr flog eine Weltmeisterin mit dem Blutdopingmittel Epo auf.

Legende der großen Hände

Hört man sich am Beckenrand in London um, so schütteln alle Experten über Ye Shiwen den Kopf. „Das gibt es nicht“, sagen die Leute, ob Trainer oder Funktionär. Aber sie wollen nicht zitiert werden. Wogegen die üblichen Verdächtigen aus der kleinen Gilde der Dopingaufklärer erstaunlicher Weise zurückhaltend agieren.

Die Ferndiagnose des Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke, übermittelt von einer Nachrichtenagentur, lautet: „Ungewöhnlich, auffällig und überprüfungswürdig, aber physiologisch nicht unmöglich“. Auf Doping sei nicht automatisch zu schließen, weil „gerade junge, früh trainierte Athleten von ihren spezifischen Gewichtsverhältnissen profitieren“.

Von welchen spezifischen Verhältnissen Ye Shiwen sonst noch profitiert, weiß man nicht. Es geht die Legende, sie sei im Kindergarten fürs Schwimmen entdeckt worden, weil ihre extrem großen Hände aufgefallen seien. Man wird sie also wieder bewundern, diese Hände und diesen unglaublichen Endspurt, mit dem sie im Männer-Finale bestehen könnte: Am Montag im Vorlauf und Halbfinale über 200 Meter Lagen.

Übrigens war Ye Shiwen auf den letzten 100 Metern genauso schnell, wie Tarzan alias Johnny Weissmüller bei seinem Olympiasieg über die 100 Meter Kraul. Aber das war ja vor 84 Jahren.

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