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Interview zu 25 Jahren Tschernobyl: „Alle starrten auf diese Wolke“

Der Soziologe Ulrich Beck schrieb kurz vor dem Super-GAU ein Buch namens "Risikogesellschaft" - und ordnete Tschernobyl faszinierend ein. Nun spricht er mit der FR über die große Angst und die Neubewertung von Risiken.

5. Mai 1986: Ein Arbeiter in Berlin sammelt verstrahltes Gemüse ein.
5. Mai 1986: Ein Arbeiter in Berlin sammelt verstrahltes Gemüse ein.
Foto: dapd

Herr Beck, wo waren Sie am 26. April 1986?

Wir waren wandern. Meine Frau Elisabeth und ich sind ja gerne zu Fuß unterwegs. Auf den langen bayerischen Wanderwegen. Man packt den Rucksack für mehrere Tage. Aber ganz genau weiß ich es nicht mehr. Ich erinnere mich an etwas anderes: Ich hatte das Buch über die Risikogesellschaft gerade abgeschlossen. Und der Eindruck, dass dieses Ereignis es in einem von mir niemals für möglich gehaltenen Umfang bestätigte, der war sehr, sehr stark. In dem Buch geht es ja darum, dass wir es inzwischen mit Gefahren zu tun haben, die unsere Sinne nicht wahrnehmen können. Genau so war das jetzt: ein blühender, wunderbarer Frühling, aber es konnte auch alles verseucht sein. Wir konnten das nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken. An diesen Eindruck, an diesen Schreck kann ich mich noch gut erinnern.

3. Mai 1986: Deutsche Grenzer schrubben aus Polen kommende Autos.
3. Mai 1986: Deutsche Grenzer schrubben aus Polen kommende Autos.
Foto: dapd

Standen Sie auch da und haben auf die nukleare Wolke gewartet?

Mir wurde klar, wie abhängig wir von den Experten waren und sind. Wir konnten, wie gesagt, die Gefahren nicht sehen. Die Experten erklärten uns, was eine Gefahr war und was nicht. Die unterschiedlichen Experten kamen zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen. Wie viel Verseuchung ist erträglich? Wann wird sie gesundheitsgefährdend? Wann lebensgefährlich? Wer wusste das schon? Alle starrten auf diese Wolke. Nichts war lächerlicher gewesen als vom Wetter zu reden. Jetzt schien unser Leben daran zu hängen. Was ich als durchaus auf Fakten beruhendes Großrisiko, also als drohendes, zukünftiges Schauerdrama ausgemalt hatte, kam jetzt stündlich in den Nachrichtensendungen.

8. Oktober 1986: Anti-Atom-Demo in Brokdorf.
8. Oktober 1986: Anti-Atom-Demo in Brokdorf.
Foto: dapd

Haben Sie jemals überlegt, hinzufahren, sich Tschernobyl, sich den Reaktor anzusehen?

Nein. Nie. Mich interessierte mehr unsere Reaktion darauf. Unser Umgang damit. Erinnern Sie sich noch daran, dass die Sandkästen auf den Kinderspielplätzen und in den Kitas tabu waren. Sie galten als Terrains mit besonderem Seuchenrisiko. Frischer Salat, Pilze gar galten als gefährlich. Man griff wieder nach der Dose. Die Renaissance der Konserve!

Lächerlich?

Nein, hilflos. Das fing doch schon damit an, dass die deutschen Katastrophenvorschriften nur deutsche Katastrophen vorsahen. Man wusste also nicht, wer zuständig war für diese Bedrohung aus der Fremde. Franz Josef Strauß sprach von einem kommunistischen Reaktor. Der war natürlich nicht zu vergleichen mit unseren. Das war ein genialer, demagogischer Schachzug im immer noch Kalten Krieg. Niemand war zuständig. Niemand konnte irgend etwas tun.

Und in Tschernobyl?

Fast das Gleiche. Die hatten keine Ahnung, wie sie mit diesem Unfall umgehen sollten. 200 Aufräumarbeiter – Liquidatoren nannte man sie – wurden in den ersten Tagen eingesetzt. Später viele mehr. Wie viele davon an der Strahlung starben oder schwer erkrankten – darüber gehen die Schätzungen sehr weit aus einander.

Sie erwähnten eingangs, dass Ihr Buch „Risikogesellschaft – Auf dem Weg in eine andere Moderne“ gerade fertiggeworden war. Inklusive Vorwort. Dann platzte die Wirklichkeit in die Theorie und Sie schrieben eine Vorbemerkung „Aus gegebenem Anlass“. Die begann mit den Sätzen: „Arm an geschichtlichen Katastrophen war dieses Jahrhundert wahrlich nicht: Zwei Weltkriege, Auschwitz, Nagasaki, dann Harrisburg und Bhopal, nun Tschernobyl. Das zwingt zur Behutsamkeit in der Wortwahl…“ Da musste ich jetzt bei der Lektüre lachen. Denn wirklich behutsam war diese Wortwahl, war diese Reihung ja nicht.

Ja, da hat der Autor sich vielleicht ein wenig überhoben. Aber man muss das auf dem Hintergrund meiner These verstehen. Tschernobyl ist ein Einbruch. Hier entsteht auf dem Hintergrund zivilisatorischer Siege etwas, das unsere Fähigkeit, mit den von uns bewegten Kräften umzugehen, radikal in Frage stellt.

Zur Person

Ulrich Beck, geboren 1944 in Hinterpommern, ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität München. 1986, unmittelbar nach dem Unfall im Kernkraftwerk von Tschernobyl, erschien sein Buch „Risikogesellschaft“, das, obwohl vor dem Unfall geschrieben, ihn auf verblüffende Weise einordnete in ein neues Bild unserer Gesellschaft.

Tschernobyl wie Auschwitz ein Zivilisationsbruch?

Nein. Es gibt einfach verschiedene Zivilisationsbrüche. Der Übergang zu der von mir so genannten Zweiten Moderne basiert auf ihnen. Hiroshima war sicher auch schon ein Schritt in die Risikogesellschaft. Aber da war alles beabsichtigt. Die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki war strategisches Handeln im Krieg. Ich war letztes Jahr in Hiroshima und mir waren dort zwei Dinge besonders interessant: 1. Die Amerikaner hatten schon 1943 beschlossen, nicht Deutschland sondern Japan atomar anzugreifen. 2. Die Städte, die sie atomar zerstören wollten, wurden bis dahin nicht angegriffen. So sollte man die Auswirkungen des Atombombenabwurfs besser berechnen können. Hiroshima war ein riesiges, Hunderttausende involvierendes Experiment. Das war Tschernobyl nicht. Tschernobyl war die unvorhergesehene, aber riskierte Folge ganz andere Ziele verfolgender Handlungen.

Tschernobyl war die Geburtsstunde der Risikogesellschaft?

Tschernobyl machte deutlich, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir Risiken eingehen, die wir – gebrauchten wir unseren Verstand – nicht eingehen dürften.

Es wurde weiter auf Atomkraft gesetzt.

Ja. Die Einsicht, dass wir dabei waren, zu überreizen, war noch nicht verbreitet genug.

Wie viele Fukushimas werden wir noch brauchen, um die Atomkraftwerke abzuschalten?

Für Deutschland, da bin ich mir ziemlich sicher, reicht dieses Fukushima. Vielleicht auch für die Schweiz, die nordischen Länder. Selbst das stolze Frankreich kippelt, nach neuesten Befragungen lehnt eine knappe Mehrheit der Franzosen die Kernenergie ab. Aber entscheidend für den Lernprozess ist nicht die Zahl der Toten, wie manche meinen. Entscheidend ist die Einsicht, dass die Kernenergie eine extrem teure Energiequelle ist. Sie wird künstlich billig gerechnet. Man muss der Öffentlichkeit eine aufrichtige Rechnung des Preises für Strom aus Kernkraftwerken vorlegen. 40 Kilometer um die Katastrophenreaktoren sehen wir eine kaum vorstellbare Verseuchung. Welche Kosten da anfallen, entzieht sich unserer Vorstellungskraft. Ein Schlüssel zum Ausstieg wäre es, wenn man eine komplette private Haftpflichtversicherung für Kernkraftwerke vorschreibt. Dann wäre die Mär von den niedrigen Kosten des Atomstroms schnell entkräftet. Dieser Strom wäre nicht mehr konkurrenzfähig. Tatsächlich ist die Kernenergie das Beispiel einer staatssozialistischen Industrie. Jedenfalls was die Kosten der Fehler angeht. Dass die Haftung der Betreiber gedeckelt ist und am Ende der Staat einspringen muss, steht im offenen Widerspruch zur allseits verkündeten Marktwirtschaft.

Interview: Arno Widmann

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Datum:  25 | 4 | 2011
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