Bitterfotze. In fetten, rosafarbenen Lettern prangt dieses Wort auf dem Buchcover. Aufmerksamkeit ist garantiert. Doch das Buch der schwedischen Autorin Maria Sveland ist mehr als plumpe Provokation. In Schweden, wo Svelands Debüt Anfang 2007 erschien, hat sich "Bitterfittan", so der Originaltitel, über 150 000 Mal verkauft. Bei neun Millionen Einwohnern keine schlechte Quote. Vor allem aber hat die Geschichte über die 30-jährige Sara, die Mann und Sohn zurücklässt, um eine Woche all-inclusive auf Teneriffa auszuspannen und über die Rolle der Frau in der Gesellschaft nachzudenken, in Schweden eine neue Debatte über Feminismus entfacht. Jetzt ist das Buch in Deutschland erschienen.
Sveland beteuert, nur ein kleiner Teil des Romans sei autobiografisch. Die Parallele drängt sich aber auf: Sara ist 30, Journalistin und Mutter eines Sohnes. Maria Sveland ist 34, ebenfalls Journalistin und Mutter von zwei Kindern. Ihr Buch hat sie nicht nur wohlhabend gemacht, sondern auch zur Fürsprecherin der Frauen und alleinstehenden Mütter. Anfang Januar verlieh ihr der Landesverband der Alleinerziehenden einen Preis für ihren Mut, "die Kernfamilie zu problematisieren". Die Juroren würdigten auch die Radiosendung "Die Heilige Familie", in der Sveland über die Schattenseiten des Familienlebens diskutiert.
Sie bekomme täglich Mails von Leserinnen und Lesern aus allen sozialen Schichten, die sich bei ihr bedanken, sagt Sveland. Dafür, dass sie ausgesprochen hat, was viele denken: Dass auch im als fortschrittlich gepriesenen Schweden der Karrierezug abfährt, sobald eine Frau Mutter wird. Auch in Politikerkreisen soll das Buch diskutiert worden sein - offizielle Statements blieben weitestgehend aus. Sveland ärgert sich über die Selbstzufriedenheit der Regierenden. Die benutzten nicht selten das "ziemlich selbstgerechte Image" Schwedens als sozial fortschrittliches Land, "um kritische Stimmen mundtot zu machen", sagte sie in einem Pressegespräch.
Im Sommer 2008 legte die inzwischen zur gefragten Autorin avancierte Sveland nach. In der Tageszeitung Dagens Nyheter beschimpfte sie ihre Landsleute als "Meister der Familienheuchelei", und beklagte die "Romantisierung der Ehe" als Rückfall in die Vegangenheit. Frauen - und auch Männer -, die sich von Mode- und Familienmagazinen einlullen und ins vermeintliche häusliche und familiäre Glück führen lassen - für Sveland ein Gräuel: "Es scheint 2008 fast so, als hätte es die 60er und 70er Jahre nicht gegeben."
Es ist für die bekennende Feministin unbegreiflich, warum ihre Generation nicht weiter für die gleichberechtigte Gesellschaft kämpft. Eine Leitartiklerin von Dagens Nyheter warf Sveland im Gegenzug vor, die "Gnällkultur", die Nörgel-Kultur, zu repräsentieren. Dabei seien die schwedischen Verhältnisse noch immer vorbildlich.
Ihre Auftritte im schwedischen Fernsehen zeigen: Sveland, eine attraktive Mittdreißigerin mit bunten Strähnen im Haar, die zum schicken Kleid gern Boots und Stulpen trägt, ist keine Krawallmacherin. Sie schreibt drastisch, aber sie spricht mit Bedacht und wohlformuliert. Für den Buchtitel habe sie gemeinsam mit ihrem Lektor lange gekämpft. Der Titel sei "eine Art Selbstverteidigung": Sie habe die Frauen vor Diffamierung schützen wollen, weil "Verbitterung" und "Fotze" Begriffe seien, die Männer gerne auf unbequeme, nörgelnde Frauen anwenden. Andererseits: Als Journalistin weiß Sveland natürlich, wie die Medien ticken - und dass der irgendwie doch obszöne Titel sicher für Aufsehen sorgen würde.
Ungeachtet des Titels sind die deutschen Kritiker voll des Lobes. Sveland gelinge das Kunststück, den Feminismus zu modernisieren, heißt es in der taz. Der Spiegel hat Rita Süssmuth und zwei kulturschaffende Frauen zusammengebracht, um sie über "Bitterfotze" und den deutschen Feminismus debattieren zu lassen. Das Trio war ebenfalls angetan. Svelands Buch zeige, dass einige der früheren Konflikte zwar gelöst worden, an ihre Stelle aber neue getreten seien.
Manche Rezensenten verweisen auf Charlotte Roches Skandalbuch - aber Sveland will keine neuen Feuchtgebiete ergründen. Sie deutet auf die wunden Punkte der Gesellschaft. Deshalb ergibt ihr All-inclusive-Szenario Sinn: Es geht nicht um Selbstfindung - Sara weiß ja, dass sie sich mies fühlt und warum. Sie will die Gesellschaft studieren. Das tut die Romanheldin im Hotel, wo die Mütter den Kindern hinterher rennen und schreien, während die Väter an der Bar sitzen und reden. Teneriffa beweist Sara: Der Fehler liegt immer noch im System, nicht im Lebensentwurf des Einzelnen.
Sveland bezieht sich explizit auf Erica Jongs Buch "Angst vorm Fliegen", das 1973 erschien und die Initialzündung für die Selbstbefreiung der Frau darstellte. Für Jong hieß das damals aber auch, dass Frauen sich Genuss und Spaß am Leben zugestehen und erkämpfen sollten. Stark verkürzt: Sex und Champagner, immer und überall. Sveland knüpft hier zwar an, macht aber zugleich klar: Es geht nicht um den Spaß. "Ich kann gut ohne Rosen und Champagner leben, aber die Ungleichheit ertrage ich nicht", sagt Sara.
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