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25. Oktober 2013

"Doktor der Unsterblichkeit": Zauberkünstler muss vor Gericht

 Von 
War mal kurz Doktor der Unsterblichkeit: Zauberkünstler Stefan Sprenger.

Der Zauberkünstler Stefan Sprenger verleiht sich im Spaß einen Ehrentitel, aber Staatsanwälte in Lübeck lachen nicht - sie klagen ihn an. Eine Journalistin hat ein ähnliches Problem.

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Oliver Welke müsste von Rechts wegen richtig Ärger mit dem Staatsanwalt haben. Und nicht nur er. Die drei Spaßmacher des Zweiten Deutschen Fernsehens, Welke von der „Heute-Show“, die Kollegen Urban Priol und Erwin Pelzig von „Neues aus der Anstalt“ – sie alle warben gemeinsam auf Plakaten, die sie als „Dr. Oliver Welke“, „Dr. Urban Priol“ und „Dr. Erwin Pelzig“ auswiesen. Dass die drei tatsächlich akademische Titel hätten, ist nicht bekannt. Ebenso wenig eine Anklage gegen sie. Da ergeht es einer Menge Leute ganz anders. Wer ihre Fälle ansieht, muss sich fragen, wer hier eigentlich in die Anstalt gehört.

Eva Ihnenfeldt etwa wird am heutigen Freitag um 13 Uhr vor dem Lübecker Amtsgericht erwartet. Die Unternehmerin und Journalistin muss sich dafür verantworten, einen Titel geführt zu haben, der „einem inländischen oder ausländischen akademischen Grad zum Verwechseln ähnlich“ sei. Und hier der Titel: „Dr. h.c. of Ministry“. Stefan Sprenger ist erst am 20. November in Lübeck an der Reihe. Buß- und Bettag, einst Feiertag. Für Berufszauberer Sprenger könnte er zum Bußtag werden, denn auch er war mal kurz Doktor: „Dr. h.c. of Immortality“. Doktor der Unsterblichkeit. Macht 1200 Euro, sagt der Staatsanwalt. 15 Tagessätze à 80 Euro.

Beide, die Wittenerin Ihnenfeldt und der Frankfurter Sprenger, haben die Ehrentitel von ihren Lieben geschenkt bekommen. Da sind sie nicht die einzigen, denn die Aktion der Rabatt-Plattform Groupon im vergangenen Jahr fand großen Anklang: verrückte Doktorwürden für 39 Euro im Sonderangebot. Es hätte auch einen „Doktor der Engeltherapie“ als Schnäppchen gegeben, einen „Doktor der Motivation“ oder einfach einen „Doktor der Göttlichkeit“. Aber Sprenger, 42, entschied sich für die Unsterblichkeit. „Ich habe extra einen Titel ausgewählt, der in sich schon bescheuert ist“, sagt der Zauberer, der sich beruflich gern auch – ebenso scherzhaft – als Hochstapler bezeichnet: „Die Unsterblichkeit bot sich an für einen Hochstapler. Das klingt am dämlichsten.“

Morgens steht die Kripo vor der Tür

Offenbar nicht dämlich genug. Eines Morgens klingelte es an der Tür. Draußen: die Kriminalpolizei. Zu Eva Ihnenfeldt kamen vier Beamte um zehn nach acht und sagten der im Bademantel vor ihnen stehenden Frau etwas verlegen, sie müssten mal das Haus durchsuchen. Ziel der Fahndung: eine Urkunde der Miami Life Development Church (MLDC) aus den USA, der Kirche also, die die witzig gemeinten Doktorwürden verleiht.

Zeitgleich war die Kripo in zig anderen Haushalten in derselben Mission unterwegs – sogar in den Redaktionsräumen von Eva Ihnenfeldt in Dortmund. Dort betreibt sie ihre Business-Akademie und ihr Internetportal „Steady News“, und spätestens dort hört es für die 54-Jährige auf, lustig zu sein. Den Arbeitsplatz einer Journalistin zu durchsuchen, um Hinweise auf einen ganz offensichtlich im Spaß verwendeten Doktortitel zu finden: „Das geht zu weit“, sagt sie. Hunderte Reaktionen im Internet bestätigen sie in ihrer Auffassung.

Nach Angaben der Lübecker Staatsanwaltschaft wurden mehr als 80 Verfahren gegen Doktoren der Göttlichkeit und ähnliche eingeleitet. Von Lübeck aus verschickt die MLDC ihre Urkunden. Vielleicht muss man den behördlichen Aktionismus vor dem Hintergrund verstehen, dass zu jenem Zeitpunkt noch die Welle der fragwürdigen Doktorarbeiten über die höchsten Deiche der deutschen Spitzenpolitik schwappte. Aber nein – man muss es eigentlich gar nicht verstehen, sagt Eva Ihnenfeldts Rechtsanwalt Maik Swienty.

„Ich bin fassungslos über die Borniertheit der Staatsanwaltschaft Lübeck“, sagt er. Die Behörde habe massiv das Grundgesetz gebrochen und etwa die Unverletzbarkeit der Wohnung und die Pressefreiheit missachtet. Daher bringt er den Fall seiner Mandantin vors Bundesverfassungsgericht; das Verfahren läuft gerade an. Was Swienty besonders überrascht: „Was die Staatsanwaltschaft angezettelt hat, ist ein Massenverfahren, das völlig schematisch vom Richter durchgewinkt wurde.“ So ist nicht nur der Sachverhalt samt Begründung auf vorformulierten Einheitsschreiben dargestellt, darin sind auch krasse Fehler in Anschriften und Daten enthalten.

Spaß-Titel besser nicht auf Dokumente schreiben

Der Amtsbrief an Eva Ihnenfeldt stammt vom 9.1.1201 – „aus dem Mittelalter“, sagt die Bloggerin. Normalerweise müssten Richter bei grundgesetzrelevanten Eingriffen eine Einzelfallabwägung machen, sagt Anwalt Swienty. Er könne sich nicht vorstellen, dass das in diesem Verfahren geschehen sei.

Einen komischen Doktortitel erwerben ist das Eine – ob man ihn dann auch führt, darum geht es rechtlich. Steht der Titel so auf Dokumenten, dass jemand auf die Idee kommt, es handelt sich wirklich um einen akademischen Doktor, dann ist das strafbar. Visitenkarten, Briefsignaturen, da ist Vorsicht angesagt. Die Lübecker Staatsanwaltschaft sammelte ihre Beweise nach dem Anfangsverdacht im Internet. Dort stieß sie beim Geschäftsleute-Netzwerk Xing auf Einträge. Hochstapler Sprenger etwa präsentierte seinen Unsterblichkeitsdoktor – neben einer Ehrenurkunde von den Bundesjugendspielen. „Daran hätte man eigentlich merken können, dass das nicht ernst gemeint ist“, findet er. Andere finden das eben nicht. Die Staatsanwaltschaft zum Beispiel.

Eva Ihnenfeldt veröffentlichte ihren „Doctor h.c. of Ministry“ – das Wort soll übrigens hier für „Dienst“ oder „Geistlichkeit“ stehen – nicht bei Xing, sondern schrieb einen launigen Beitrag darüber in ihrem Blog. Den fanden die Ermittler und nahmen ihn zum Anlass für die Hausdurchsuchung. Späßchen am Rande: Wenn sich die Streitparteien heute vor Gericht treffen, geht es gar nicht mehr um den Blogbeitrag. Denn in der Justiz hat man wohl inzwischen eingesehen, dass ein Text, der sich witzig damit beschäftigt, dass man einen witzigen Doktortitel erhält, nicht als Beleg für Titelmissbrauch taugt. Also stützt sich die Anklage nur noch auf eine private E-Mail, in der Eva Ihnenfeldt ihren Titel in einen Reim einbindet.

"Das ist so absurd, das ist zum Heulen"

„Man muss sich ernsthaft fragen: Ist das wirklich Titelmissbrauch?“, sagt Anwalt Swienty. Und antwortet sich selbst: „Das ist so absurd, es ist wirklich zum Heulen, dass wir am Freitag nach Lübeck fahren müssen. Das Verfahren ist der Staatsanwaltschaft doch völlig außer Kontrolle geraten. Die haben sich in eine bescheuerte Situation manövriert.“ Voriges Jahr habe die Behörde selbst vorgeschlagen, die Verfahren gegen die Titelkäufer einzustellen und sich um den Verkäufer zu kümmern, die MLDC in den USA. Das klappte wohl nicht so prächtig – die Lebensentwicklungskirche aus Miami gibt weiterhin ihre Titel heraus, dazu rechtliche Tipps, und verweist darauf, dass alles in Ordnung sei, denn es handle sich ja um kirchliche Ehrentitel und keine akademischen.

Von den gut 80 Verfahren gegen die Groupon-Doktoren sind rund 50 inzwischen eingestellt, sagt Günter Möller, Sprecher der Lübecker Staatsanwaltschaft. Die reuigen Doktoren haben dafür jeweils 600 bis 900 Euro an gemeinnützige Organisationen gespendet – etwa an die Telefonseelsorge. Die wird auch von einer Kirche betrieben, genau wie der Titelverkauf. Wenn auch von einer ganz anderen Kirche.

20 bis 30 Verfahren laufen noch

Wie viele Personen nach Hausdurchsuchung und Strafandrohung stark geblieben sind und es auf den Prozess vor Gericht ankommen lassen, kann Möller auf Anhieb nicht sagen. 20 bis 30 Verfahren laufen jedenfalls noch, begründet mit Beweisen aus dem Internet, so wie bei Eva Ihnenfeldt. „Sie hat sich im Internet als Dr. h.c. bezeichnet, darauf kommt es an“, sagt Möller. Was da hinten dransteht, Göttlichkeit, Unsterblichkeit, und sei es Doktor des Wolfs und der sieben Geißlein: Zählt nicht, sagt der Staatsanwalt: „Es geht allein um den Dr. h.c. – die Unsterblichkeit wird da außer Acht gelassen.“ Und auch eine private E-Mail zählt als Beweis aus dem Internet? Der Staatsanwalt bejaht.

Der Paragraf 132a des Strafgesetzbuchs, um den es geht, soll die Öffentlichkeit vor Hochstaplern schützen. Er bezieht sich nicht persönlich auf den selbst ernannten Hochstapler Sprenger aus Frankfurt. „Ich sehe es nicht ein“, sagt er, „es ist eine Unverschämtheit.“ Dass die Kripo mit dem Durchsuchungsbeschluss kam, das hat ihn damals noch belustigt, auch dass man ihm die Urkunde wegnahm, die ihn zum unsterblichen Doktor machte – geschenkt. Man fragt sich zwar immer noch, was das soll; genauso gut könnte man einem Kind den Spielzeugführerschein oder seinen Superman-Anzug wegnehmen. Aber Stefan Sprenger blieb ruhig – bis die Lübecker Justizbehörden eine 600-Euro-Spende für die Einstellung des Verfahrens forderten. Als er sich weigerte, wuchs die Summe auf besagte 1200 Euro. Wird er verurteilt, ist er vorbestraft. Das macht sich auch bei einem Magier nicht gut. „Trotzdem, ich lasse es drauf ankommen“, sagt er. „Ich sehe es immer noch nicht ein.“

"Zur Not gehe ich ins Gefängnis"

Eva Ihnenfeldt auch nicht. Sie wird das heutige Urteil in Lübeck auf jeden Fall akzeptieren – aber keineswegs zahlen. „Zur Not gehe ich ins Gefängnis“, sagt sie. „Müssten so um die drei Wochen sein, das stehe ich durch.“ Schon, um anderen von Behördenwillkür Betroffenen zu zeigen, dass man in Deutschland nicht alles mit den Bürgern machen könne: „Das alles widerspricht so sehr meinem Rechtsempfinden.“

Ein pikantes Detail hat die Wittenerin hellhörig gemacht: Aus der gut 200-seitigen Akte gehe hervor, dass die Politik die Staatsanwaltschaft gebeten habe, in dem Ehrendoktoren-Fall tätig zu werden – es sei wohl eine „Inflation von Dr. h.c.s“ befürchtet worden. Staatsanwalt Möller bestreitet nicht, dass es „einen Hinweis aus Berlin“ an seine Behörde gegeben hat: „Dort war der Ausgangspunkt.“ Ob das für einen Rechtsstaat das richtige Verfahren ist, wenn die Politik der Justiz sagt, was sie tun soll, möchte Möller nicht kommentieren. Nur so viel: „Was von dort kommt, wird hier pflichtgemäß geprüft.“

Bei Groupon sind die lustigen Doktortitel weg vom Fenster. Eine „Lady of Kerry“ oder einen „Konsul des Minerva Ordens“ könnte man sich dort noch zulegen, für 34,90 statt 89,98 Euro. Aber im Moment sind sie ausverkauft. Dass Käufern „in einigen wenigen Fällen Unannehmlichkeiten entstanden sind, bedauern wir sehr“, sagt Groupon-Sprecher René Beutner. Der Doktor-Deal mit der MLDC sei „ganz klar erkennbar als lustige Geschenkidee vermarktet“ worden.

So haben ihn die Käufer auch verstanden. Die Behörden nicht. Wobei Justizsprecher Günter Möller durchaus den Eindruck macht, er persönlich würde künftig nicht gar so staatsgewaltig gegen Unsterblichkeitsdoktoren vorgehen. „Es gibt noch mehr Kriminalität“, sagt er.

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