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Interview mit Neil Diamond: „Ein Song muss mein Herz brechen“

Pop-Legende Neil Diamond spricht über spottende Kritiker, seine flehenden Gebete als Kind – und seine tiefe Verbundenheit mit einem rosafarbenen Gummiball.

„Ich verkroch mich an einen düsteren Ort in mir selbst.“
„Ich verkroch mich an einen düsteren Ort in mir selbst.“
Foto: Jesse Diamond/sony music

Im Lärm um Bob Dylans Geburtstag hat man das kaum mitgekriegt, aber auch Neil Diamond hat in diesem Jahr – am 24. Januar – seinen Siebzigsten gefeiert. In den 60ern schrieb er die Hits der Monkees, seine Songs wurden von Elvis, Frank Sinatra und Johnny Cash interpretiert; den Alltag der 70er- und 80er-Jahre beschallte er mit großen Schlagern wie „Sweet Caroline“, „Song Sung Blue“, „Love on the Rocks“ und „September Morn“. Er trug glitzernde Hemden, man nannte ihn den „Jewish Elvis“, aber sein Prestige als Songwriter war nie so groß wie heute, seit er mit dem Johnny-Cash-Produzenten Rick Rubin zusammenarbeitet.

Erstmals seit Jahren geht Neil Diamond, geboren in Brooklyn, New York, zweifach geschieden, vier Kinder,, wieder auf Tournee, am kommenden Dienstag wird er in der Berliner O2 World Station machen. Zu unserem Interview im Dachgeschoss eines Londoner Hotels erscheint er in Jeans und schwarzer Lederjacke. Bevor wir beginnen, lässt Diamond zuerst einmal alle Fenster aufreißen.

Sie sitzen offenbar gern am offenen Fenster. Das erinnert an die Geschichte darüber, wie Ihr Song „Beautiful Noise“ entstand.

Ja, als ich diesen Song schrieb, war ich mit meinen Töchtern in einem Hotelzimmer in New York, und draußen auf der Fifth Avenue marschierte die puertorikanische Parade vorbei. Es war eine Symphonie der Klänge. Marjorie saß da und zeichnete, und sie sagte: „Was für ein schöner Lärm, Papa!“ Ich wusste sofort, dass das eine Idee für einen Song war, und ich versprach ihr: „Wir werden später diesen Song schreiben!“ Und das taten wir auch. Im Moment höre ich da gar nichts von draußen reinkommen. Wenn ich Paul Simon wäre, würde ich jetzt „The Sound of Silence“ schreiben. Aber das hat er ja schon getan.

Die Popgeschichte behauptet immer, die Beatles und Bob Dylan hätten den Popsong für ihre Generation emanzipiert, während davor die Profis der Tin Pan Alley die Kids mit ihren kalkulierten Hits belieferten. Sie selbst waren einer von jenen professionellen Songschreibern, tatsächlich waren sie damals aber genauso jung wie die Leute in den neuen Bands. Wie sahen Sie selbst Ihre Rolle?

Ich dachte nie, dass ich eine Rolle hatte. Ich tat, was zu tun war, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen und Essen auf den Tisch zu bekommen. Es war ein absurder Traum. Es ist doch unmöglich, davon zu leben, Melodien und Texte zu erfinden und davon die Miete zu bezahlen. Eine lächerliche Vorstellung! Nicht praktikabel! Aber es machte mir Spaß. Mit den Beatles und Dylan wendete sich für mich genauso wie für die anderen das Blatt. Was die machten, stellte den Songschreiber in den Vordergrund. Ich war ja bereits ein Songschreiber, und zufällig konnte ich auch noch singen, also wurde ich augenblicklich zu einem, der bei den Plattenfirmen und Musikverlagen auf mehr Interesse stieß, als es zuvor der Fall gewesen wäre. Es war genau die richtige Zeit für mich.

Woher wussten Sie oder ihre ebenso jungen Kolleginnen aus dem Brill Building wie Ellie Greenwich oder Carole King überhaupt, wie man Songs schreibt?

Keine Ahnung. Unterrichten kann man es jedenfalls nicht. Man muss es lieben. Man muss sich die Regeln selbst beibringen, falls es solche überhaupt geben sollte. Ich weiß immer noch nicht, wo diese Fähigkeit herkommt, aber ich will mich immer verbessern und lerne jeden Tag was dazu, mit jedem Song, den ich schreibe. Ein guter Song ist einer, der auf den Hörer wirkt, ob er ihn nun zum Tanzen bringt oder dazu, sich hinzusetzen und zu weinen, ob er davon inspiriert ist oder sich dadurch an etwas erinnert, ein Stück von sich selbst darin erkennt. Und diese Erfahrung beginnt immer mit mir selbst. Ein Song muss zuallererst mich selbst erheben, mich selbst inspirieren und mein eigenes Herz brechen. Ich bin ein menschliches Wesen, und wenn ein Song so etwas mit mir macht, heißt das, dass auch andere Menschen genauso darauf reagieren werden.

Bob Dylan, Leonard Cohen und Sie sind alle noch jenseits der Siebzig konzertierend unterwegs. Hätten Sie als junger Musiker gedacht, dass Sie sich in diesem Alter noch sowas antun würden?

Nein, absolut nicht. Aber ich hätte auch nicht gedacht, dass ich ein Künstler werden würde, der Platten macht. Es war von Anfang an mein Glück, dass ich ein gutes Gefühl für die Bühne hatte. Erwartet hätte ich das aber alles nicht.

Ihre Platten der letzten Zeit waren zum Teil sehr reduziert arrangiert. Bei Konzerten setzen Sie aber immer noch auf eine große Besetzung.

Man muss eben immer noch etwas drauflegen, wenn man eine Live-Performance macht. Da braucht es mehr, als auf der Platte zu hören ist. Meine Band besteht aus vierzehn Leuten, und hoffentlich werden wir gemeinsam zur selben Zeit denselben Song spielen. Meine liebsten Songs sind eigentlich die, die ich auf Konzerten spiele. Ich habe ungefähr 500 Songs geschrieben, vielleicht 50 davon gehören zu meinen liebsten, und die Hälfte davon bring ich in einer Show unter.

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Datum:  6 | 6 | 2011
Seiten:  1 2
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