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"Emmely": "Die Kasse ist mein Leben"

Am Donnerstag beschäftigt sich das Bundesarbeitsgericht mit der Kündigung von "Emmely", die Pfandbons im Wert von 1,30 Euro unterschlagen haben soll. Von Sabine Deckwerth

Emmely würde gerne wieder an der Kasse arbeiten - auch bei Kaiser's.
"Emmely" würde gerne wieder an der Kasse arbeiten - auch bei Kaiser's.
Foto: ddp

Die Kassiererin "Emmely" ist berühmt. So berühmt, dass selbst Briefe bei ihr ankommen, auf denen lediglich steht "Emmely, Hohenschönhausen". Unzählige Briefe hat der Postbote schon in ihren Briefkasten eingeworfen - viele von Menschen, die sie gar nicht kennt. Sie wünschen ihr "viel Kraft", "viel Mut", sie schicken ihr "solidarische Grüße". Barbara E., genannt "Emmely", heftet alles sorgfältig ab. Inzwischen hat sie elf Leitz-Ordner mit ihrer Post gefüllt.

52 Jahre ist "Emmely" alt, mehr als 30 Jahre lang arbeitete sie als Kassiererin. Im Februar 2008 wurde ihr gekündigt. Die Supermarktkette Kaiser’s wirft ihr vor, zwei Pfandbons im Wert von 1,30 Euro unterschlagen zu haben. Morgen verhandelt das Bundesarbeitsgericht in Erfurt den Fall. Kunden hatten die Bons verloren, Barbara E. soll sie eingelöst haben. Im Februar 2009 entschied das Landesarbeitsgericht, dass die Kündigung zu Recht erfolgte - und löste eine Protestwelle aus.

Kündigung nach Bagatellen

März 2010: Eine Altenpflegerin in Konstanz hatte sechs Maultaschen mitgenommen, die für die Bewohner des Seniorenheims bestimmt waren, aber im Müll gelandet wären. Wegen Diebstahls wurde ihr fristlos gekündigt. Vor dem Landesarbeitsgericht einigen sich die 58-Jährige und ihr Arbeitgeber auf eine Abfindung - die Kündigung bleibt bestehen.

November 2009: Eine Sekretärin des Bauverbandes Westfalen kämpft um ihren Job, weil sie ohne Erlaubnis zwei halbe Brötchen und eine Frikadelle vom Buffet genommen hatte. Der "Brötchen-Streit" endet mit einer "sozialverträglichen" Abfindung. Der Verband hatte der Frau nach 34 Jahren fristlos gekündigt.

Oktober 2009: Ein Arbeiter hatte gebrauchte Kartons seiner Firma für einen Umzug mitgenommen. Das Unternehmen kündigte ihm fristlos. Die Klage dagegen endet vor dem Arbeitsgericht Villingen-Schwenningen (Baden-Württemberg) mit einem Vergleich. Die Kündigung wird gegen eine Abfindung von 6000 Euro aufrechterhalten.

September 2009: Ein Bäcker aus dem westfälischen Bergkamen hatte am Arbeitsplatz ein gekauftes Brötchen mit firmeneigener Paste bestrichen. Das Landesarbeitsgericht Hamm hebt die fristlose Kündigung durch die Bäckereikette als unverhältnismäßig auf. Bei dem Belag habe es sich um eine "äußerst geringwertige Sache" gehandelt.

Juli 2009: Ein Prozess um drei angeblich gestohlene Brötchen endet mit einem Vergleich. Das Arbeitsgericht Heilbronn hebt die Kündigung einer 59 Jahre alten Küchenhilfe eines Krankenhauses zwar nicht auf. Die Klinik warf der Frau aber nicht länger Diebstahl vor und zahlte ihr Gehalt noch bis Ende September.

Juli 2009: Eine Abfallentsorgungsfirma in Mannheim kündigt einem Mitarbeiter fristlos, weil der Vater zweier Töchter ein Reisekinderbett aus dem Müll mit nach Hause genommen hatte. Eine Kündigung sei unverhältnismäßig, urteilten sowohl das Arbeits- wie auch im Februar 2010 das Landesarbeitsgericht Mannheim.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse sprach von einem "barbarischen Urteil", Johannes B. Kerner lud "Emmely" in seine Talk-Show ein, Gewerkschafter aus der ganzen Welt schicken ihr seitdem Grüße. Auch andere Stimmen gab es. Ein Münchner Rechtsprofessor hat sie "eine notorische Lügnerin" genannt und ihre Beschäftigung als "unzumutbar" bezeichnet. "Das war so bösartig, das hat mich sehr getroffen", sagt Barbara E.

Längst geht es nicht mehr um 1,30 Euro. Die Kassiererin ist vielmehr zu einer Symbolfigur im Kampf gegen Ungerechtigkeit geworden. Ein Unterstützerkomitee hat sich gebildet, linke Gruppen halten für sie Mahnwachen ab. Und gerade erst sprachen sich 40 Wissenschaftler für eine Abschaffung von Bagatellkündigungen aus. Sie nimmt es irgendwie hin. "Ich habe das alles nicht gewollt. "Ich hatte keinen Einfluss darauf. Ich könnte gut darauf verzichten."

Seit 1977 lebt sie in Berlin. Aufgewachsen ist sie in Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern, dort hat sie "Fachverkäuferin für Waren des täglichen Bedarfs" gelernt. Sie war Kassierin in der DDR-Ladenkette HO, ihre Filiale wurde nach der Wende von Kaiser’s übernommen. Seit 1984 wohnt sie in Hohenschönhausen. Ihre Wohnung im zweiten Stock eines Plattenbaus ist vollgestopft mit Möbeln. Sie musste umziehen, von vier Zimmern in zwei. Sie lebt allein, das Arbeitsamt hat acht Monate nach ihrer Kündigung auf dem Umzug bestanden. Sie sagt, sie vermisst vor allem die Aussicht, früher hat sie ganz oben gewohnt und konnte bis zum Fernsehturm sehen, heute sieht sie auf Bäume im Hof. Bücher über Tiere und Pflanzen, Krimis und Science-Fiction-Bände stehen im Bücherregal. An den Wänden hängen Fotos ihrer Töchter, heute 30, 29 und 23 Jahre alt. Und von den Enkeln, sechs und drei. "Die Familie hält fest zu mir", sagt Barbara E. Manchmal würden die Töchter auf die Mutter angesprochen. "Aber nie negativ."

Barbara E. sagt, ob die Nachbarn in ihrem Haus sie kennen, das wisse sie nicht. Angesprochen habe sie noch keiner. Sie trifft sich auch nicht mit Kollegen ihrer alten Filiale. "Die wollen nicht. Das ist offenbar vom Management so gewollt." Dafür geht sie zu Gewerkschafts-Demos oder sitzt mit Politikern auf Podiumsdiskussionen. Das hat sie selbstbewusst gemacht. Vor einem Jahr noch, nach dem Urteil des Landesarbeitsgerichts, hat sie kaum ein Wort herausgebracht. Inzwischen redet sie wie eine Funktionärin. Davon, dass es nicht nur um sie gehe sondern um die Ungerechtigkeit solcher Kündigungen an sich. Sie spricht von Menschen, die "mit einem blauen Auge davon kommen, obwohl sie Millionen versenken", während andere, die nichts gemacht hätten, ihre Arbeit verlieren. Sie sagt, dass die Reichen immer verschont würden, während die Armen weiter an den Abgrund gedrängt würden, "was man ja gerade wieder sieht".

Oft klingelt ihr Telefon. Sie soll ein Interview geben. Dann wieder teilt ihr eine Frau vom Jobcenter mit, dass es in Ordnung gehe, wenn sie zur Verhandlung nach Erfurt fährt. Denn eigentlich hätte sie ja Bewerbungstraining, da darf sie nicht unentschuldigt fehlen, da ist sie korrekt. Barbara E. lebt von Hartz IV. Sie sagt, drei Stellenangebote hätte sie bisher bekommen. "Aber das hat sich ganz schnell zerschlagen, als die mitkriegten, wer ich bin. Da habe ich nichts mehr gehört."

In dem Revisionsverfahren in Erfurt soll es insbesondere darum gehen, ob "Emmely" vorgeworfen werden darf, die Unwahrheit gesagt zu haben. So hatten ihr die Berliner Arbeitsrichter nicht nur den Diebstahl der Bons zur Last gelegt, sondern auch, dass sie bei Befragungen durch ihren Arbeitgeber immer wieder falsche Angaben gemacht und Kolleginnen zu Unrecht belastet hätte. Ist letztere Begründung unzulässig, müsste noch einmal verhandelt werden.

Was erwartet sie von dem Erfurter Termin? Sie sagt, "ich will mein Recht. Ich habe nichts getan. Ich habe die Kundenbons nicht genommen." Sie glaubt, dass Kaiser’s sie loswerden wollte, weil sie sich an den Streiks im Einzelhandel beteiligt hatte. "Auf jeden Fall würde ich gern wieder meine Arbeit machen." Auch bei Kaiser’s. "Die Kasse ist mein Leben."

Autor:  Sabine Deckwerth
Datum:  9 | 6 | 2010
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