Herr Ganz, in Ihrem neuen Film spielen Sie den Journalisten Tiziano Terzani, der angesichts des nahenden Todes seine entscheidende Erkenntnis verkündet: „Das Ende ist mein Anfang.“ Ist das auch Ihre Perspektive?
Ich lasse mich überraschen, aber ich glaube nicht, dass nach dem Tod noch etwas kommt – schon seit längerer Zeit nicht.
Damit kommen Sie gut zurecht?
Die Vorstellung, dass man einfach spurlos verschwindet und nicht mehr Teil hat, die finde ich schon schwierig. Andererseits ist es nun einmal unausweichlich. Und insofern mache ich mir da nicht mehr so viele Gedanken. Ich muss das nicht bis zum Ende zergrübelt haben, bevor ich sterbe. Aber ich habe mich lange Zeit sehr mit der Haltung von Thomas Bernhard beschäftigt, der gesagt hat: Da der Tod das Ende ist, ist das Ganze sowieso sinnlos. Das hat mir sehr eingeleuchtet.
Leuchtet es Ihnen immer noch ein?
Ich kann es nicht widerlegen. Es hat etwas für sich. Der Tod macht alles völlig sinnlos. Das ist eine schwere Beleidigung. Andererseits spricht mich auch die Haltung eines Tiziano Terzani an.
Könnte unser Dasein nicht also doch einen Sinn haben?
Dazu müsste es ein Ordnungsprinzip geben, in das selbst das vergangene Jahrhundert, das eine solche Katastrophe war, hineinpasst. Aber falls ein solcher Heilsplan, mit dem sich all diese Kriege und Verbrechen erklären lassen, existiert, dann ist der für unsere Perspektive viel zu groß, viel zu weit weg. Und damit ist er nutzlos. Andererseits: Irgendein böser alter Mann in irgendeiner Ecke, der sich ein bisschen geirrt hat – das funktioniert auch nicht als Gottesvorstellung, das ist zu klein.
Bruno Ganz, 69, gebürtiger Schweizer, arbeitet seit den 60ern am Theater mit Regisseuren wie Peter Zadek und Peter Stein zusammen. Eine seiner spektakulärsten Rollen war 2000 der Faust in Steins 21-stündiger Inszenierung.
Als Filmschauspieler wurde er international für die Darstellung Hitlers in „Der Untergang“ (2004) gefeiert.
Im Kino ist er jetzt in der Verfilmung von Tiziano Terzanis „Das Ende ist mein Anfang“ zu sehen (Filmstart 7.10.). Ganz stellt den todkranken Ex-Journalisten dar, der seine Lebenserinnerungen in ausgedehnten, intensiv gespielten Dialog-Sequenzen ausbreitet.
Haben Sie einen Sinn in Ihrem eigenen Leben entdeckt?
Ich habe meine Zeit relativ gut ausgefüllt, da ich mich mit einigen interessanten Sachen beschäftigen konnte, und ich denke, daraus sind Produkte entstanden, die niemandem geschadet haben. Aber in der Geschichte als solcher sehe ich keinen Sinn.
Tiziano Terzani stürzte sich als engagierter Linker und Asien-Korrespondent in den Mahlstrom der Geschichte. Sie dagegen sind in der Sphäre der Kunst, des ästhetischen Spiels tätig, das einen Sinn zu stiften versucht...
Das dürfen Sie nicht voneinander trennen. Ich habe die Schaubühne mit gegründet, und für uns war politische Schulung sehr wichtig. Wir haben nicht einfach nur über den Kommunismus und Leninismus geschwatzt, sondern versucht zu lernen und zu verstehen, wovon da die Rede ist. Insofern war ich ein Teil der damaligen Linken– bis mich dann die Baader-Meinhof- Aktivitäten davon weggebracht haben.
Wie können wir uns den kämpfenden Linken Bruno Ganz vorstellen?
Ich bin 1941 geboren und gehöre somit zur Generation, die man die 68er nennt – politisch. Ich habe an den Geschehnissen der 60er mit Leidenschaft teilgenommen – seien es die um die ob die Ermordung Benno Ohnesorgs, den Anschlag auf Rudi Dutschke oder den Vietnamkrieg. Mich hat das schwer beschäftigt. Ich habe gehofft, dass die Amerikaner dort untergehen. Ich habe Rudi Dutschke sprechen hören und an Demonstrationen der Studenten teilgenommen. Aber hauptsächlich versuchten wir mit unserem Theater, uns diesen Herausforderungen zu stellen.
Wie würden Sie Ihre heutige politische Einstellung beschreiben?
Als relativ konservativ, dennoch könnte ich mich in bestimmten Punkten sehr schnell mit den Linken verbünden, womit ich aber weniger die Linkspartei meine.
Aber Sie wollten nie in die Politik gehen, sondern immer Schauspieler werden?
Richtig. Dabei war ich einmal ein sehr schüchterner Junge, was für diesen Beruf nicht so gut ist. Aber in meinem jugendlichen Leichtsinn dachte ich, ich hätte vielen Menschen etwas zu erzählen und die würden mir dann auch gerne zugucken (lacht). In der Pubertät wurde das eine fixe Idee, und ich habe mich bedingungslos reingehängt. Letztlich hatte ich Glück.
Haben Sie keine Momente des Scheiterns oder Zweifelns erlebt?
Doch. Die gibt es auch heute noch. Wenn dieser Film untergeht, dann kriege ich eine sehr deprimierte Phase, obwohl ich weiß, dass ich Schauspieler bin, und mir das auch tausendfach bezeugt wurde. Aber das wäre eine schwere Niederlage.
Sie sind doch nicht für Erfolg oder Misserfolg eines Films verantwortlich – jede Produktion ist doch vor allem ein großes Teamwork.
Wenn man so zentral da drin ist, da fühle ich mich schon verantwortlich. Man kann das auch nicht auseinander splitten und sagen: „Das ist gut gespielt, aber der Film ist scheiße.“ Das heißt, man kann das schon, aber es bleibt dann irgendwie freudlos.
Aber Sie erkennen schon, wenn Sie selbst gut gespielt haben?
Ja, wenn ich sagen kann: „Da gibt es wenig, das du noch mal drehen möchtest. Das ist gut so.“ Und wenn das der Fall ist, dann macht mich das sehr glücklich.
Die Terzani-Figur stellt in der Filmversion vor allem zwei Aspekte heraus – einerseits ein Leben in historischen Umwälzungen und andererseits den Rückzug aufs Spirituelle. Mit welcher Seite davon können Sie sich am ehesten identifizieren?
Ich glaube, mir ist die spirituelle Seite näher, als, sagen wir, die Action-Seite. Ich lese viel und halte mich viel draußen auf, in der Natur – Flüsse, Seen, Bäume, Blätter.
Was finden Sie an Blättern spannend?
Blätter bewegen und verändern sich laufend, die machen wunderbare Geräusche und Reflexe mit Licht. Das ist etwas, was einen sehr beschäftigen kann, ohne dass man dazu poetisch veranlagt sein muss. Und je mehr die Leute auf virtuelle Sachen reagieren, desto trotziger werde ich und ziehe mich zurück auf reale Sachen zurück – im Zusammenhang mit Natur. Seit ich 20 bin, mache ich Spaziergänge und Wanderungen. Denn Natur macht mich ruhig, sie ist sauber. Sauber im Sinn von „nicht psychisch verschmutzt“. Das ist ein vollkommen gleichgültiges, wunderbares Material, das sich nach seinen eigenen Gesetzen bewegt. Und ich halte mich gerne darin auf, und ich fühle mich wohl darin.
Sind Sie auch mal im Internet unterwegs?
Ich habe ein iPhone und mache die üblichen Sachen damit. Aber ich habe keinen Computer, noch keinen.
Womit Sie im Gegensatz zu den meisten Zeitgenossen stehen.
Ich weiß. Natur hat für die Jüngeren etwas Altmodisches, und alles was altmodisch scheint, ist out. Zur Zeit sind eben diese Maschinchen und virtuellen Welten attraktiv, und die echte Welt, von der die Natur ein Teil ist, ist es nicht. Aber ich sehe nicht, was ich daran ändern kann.
Sie haben einen 18-jährigen Sohn, der nicht sehen kann. Wie haben Sie ihn an die Natur herangeführt, als er heranwuchs?
Er ist schon als kleines Kind mit mir mitgekommen. Aber er lebt heute in Berlin, und ich bin dort nicht mehr so oft. Doch wenn ich ihn sehe, gehen wir in Parks spazieren. Manchmal erzähle ich ihm davon, was ich sehe. Obwohl er das nicht braucht – er hört, er riecht, er fühlt – das ist ein großer Zugang zur Welt.
Könnten Sie sich vorstellen, ihm eines Tages die Erkenntnisse Ihres Lebens zu vermitteln, so wie das Tiziano Terzani bei seinem Sohn getan hat?
Ja, aber nur wenn er das wünscht.
Bei Terzani findet sich eine besonders berührende Erinnerung: Einmal sah er in 6000 Meter Höhe, wie ein Marienkäfer einen Grasstängel hinaufkletterte und dann über einen Abrund auf einen hohen Berg zuflog. Haben Sie Ähnliches schon erlebt?
Auch mich hat das sehr berührt. Wenn sich so ein Winzling solche Räume erobert, ist das eine Art von Glücksgefühl, das kann ich sofort nachvollziehen. Das kenne auch ich, vielleicht nicht gerade in 6000 Meter Höhe. Man fühlt sich nicht mehr so abgegrenzt, man ist mit allem eins.
Wann haben Sie das erlebt?
In der Kindheit ist das ein paarmal passiert, wenn ich bei meinen bäurischen Verwandten in der Schweiz nachts auf einem Heuwagen gefahren bin. Ich habe es auch einmal an einem Meeresstrand in der Abenddämmerung erlebt. Und heute Morgen war ich ganz dicht dran. Ich ging im alten botanischen Garten in München spazieren. Das Licht war wunderbar, der Wind wehte leicht, die Temperatur war angenehm und der Himmel war so blau. Da habe ich mich auf einmal irgendwie so aufgehoben gefühlt. Da habe ich sagen können: Ja, ich bin ein Teil von allem. Diese Blätter werden welken, und ich auch. Und irgendwie macht das doch alles Sinn. Aber dann musste ich telefonieren, und es war vorbei mit diesem schönen Gefühl.
Interview: Rüdiger Sturm
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.