Herr Gazendam, Sie haben gerade ein sieben Meter hohes Schloss Neuschwanstein aus Sand gebaut. Wieso ist mir so etwas nie gelungen?
Der richtige Sand ist das Geheimnis. Ich verwende sogenannten jungen Sand. Wenn man ihn unters Mikroskop legt, sieht man, dass die Sandkörner eine würfel-ähnliche Form haben. „Alter“ Sand dagegen besteht aus rundlichen Sandkörnern. Und aus runden Formen lassen sich keine stabilen Türme bauen.
Maxim Gazendam, 29, ist studierter Architekt, verdient seinen Lebensunterhalt aber als professioneller Sandbildhauer. Der Niederländer reist für Festivals, Wettbewerbe und Auftragsarbeiten um den gesamten Globus. Er arbeitet außerdem als Ausbilder für angehende Sandkünstler in der „World Sand Sculpting Academy“ in Den Haag.
Im niederländischen Hoensbroek findet noch bis zum 31. Oktober das größte Sandskulpturenfestival der Niederlande statt. Thema ist das Mittelalter. Auch Maxim Gazendams Neuschwanstein ist dort zu sehen. In dieser Woche kann man Gazendam täglich bei seiner Arbeit an einer historischen Folterszene beobachten.
Wo finden Sie Ihren „jungen“ Sand?
In jedem beliebigen Fluss. Aber Vorsicht: Je näher der Sand am Meer liegt, desto älter und abgeschliffener sind die Sandteilchen – wegen des natürlichen Erosionsprozesses. Der Sand, den man am Strand findet, ist nicht für Sandskulpturen geeignet.
Haben Sie einen Lieblingsfluss mit ganz besonders gutem Sand?
Nein. Ich versuche immer, den Sand aus der Nähe zu holen, alles andere wäre zu aufwändig. Für das Festival hier in Hoensbroek haben wir Sandkünstler zwei Millionen Kilogramm gebraucht. Der kam aus einer Kiesgrube.
Sie suchen also jungen Sand, lassen einen Riesenhaufen davon ankarren – und wie geht es dann weiter?
Im nächsten Schritt geht es darum, den Sand so dicht wie möglich zusammenzupressen. Ich verwende die gleichen Geräte wie beim Straßenbau: Bagger, Walzen, Presslufthammer. In der Vorbereitungsphase sieht es hier aus wie auf einer Baustelle. Der Sand wird in hölzerne Formen gepresst und dann schichtenweise gestapelt, bis die gewünschte Höhe erreicht ist. Dann kann man die Holzschalung entfernen und den Sandblock bearbeiten – und zwar von oben nach unten.
Aber sicher nicht mit Walzen und Presslufthammern?
Nein. Aber ich beginne tatsächlich immer mit den größten Werkzeugen, die ich finden kann, also Schaufeln oder Maurerkellen. Später kommen dann Spachtel, Küchenmesser, Löffel. Hauptsache, die Geräte haben eine scharfe Kante. Mit Kreditkarten zum Beispiel lassen sich hervorragend Fenster modellieren, mit Nägeln die Mauersteine zeichnen. Und mit einem Strohhalm kann ich die letzten Sandkörnchen von den Türmen pusten.
Sie sind ein Perfektionist!
Ja klar. Man muss das natürlich nicht so genau nehmen. Aber es ist mein Anspruch, alles so detailliert wie möglich zu machen.
König Ludwig II. hat 17 Jahre an seinem perfekten Neuschwanstein gebaut.
Ich habe zusammen mit einem Kollegen zehn Tage lang modelliert. Dazu kam etwa eine Woche für das Pressen und Stapeln der Sandquader.
Und wenn man nicht aufpasst, dann ist alles in ein paar Tagen wieder kaputt.
Nein. Denn wenn der Sand die richtige Struktur hat und fest genug zusammengepresst wurde, dann ist zwischen den Körnern kein Platz mehr für Luft oder Wasser, dann ist der Sand fast so hart wie Sandstein.
Ihr Neuschwanstein kann noch bis Oktober von der Öffentlichkeit bewundert werden – ich dachte ja, dass Sie jeden Morgen beschädigte Stellen ausbessern.
Nein, wenn die Skulptur einmal fertig ist, dann ist sie fertig. Ich sprühe sie nur am Schluss mit einer Flüssigkeit namens „Wind-screen“ ein. Eine Art flüssiger Klebstoff. Das Einzige, was an Instandhaltung nötig ist, ist Unkraut jäten. Wir pflücken die Grashalme heraus, die mit der Zeit zwischen den Skulpturen wachsen.
Wie lange würden Ihre Skulpturen ohne Klebeschicht halten?
Für einige Wochen sicherlich. Aber wenn es sich um mehrere Monate handelt, gehe ich lieber auf Nummer sicher. Das Wetter in Holland ist tückisch, Schloss Neuschwanstein hat schon eine ganze Reihe an Stürmen und Regengüssen überstanden.
Trotzdem: Sie haben Architektur studiert. Will man da nicht Bauwerke für die Ewigkeit erschaffen? Es muss Sie doch schmerzen, dass Ihre Werke nach ein paar Monaten zerfallen.
Im Gegenteil. Das Bauen der Skulptur macht mir Spaß, nicht das Betrachten. Die Arbeit am Sand ist ein fortlaufender Prozess. Man nimmt Material aus der Natur und formt etwas daraus. Nach einer gewissen Zeit gibt man das Material an die Natur zurück und baut woanders etwas Neues auf. Es ist diese Vergänglichkeit, die mir gefällt.
Haben Sie diese Faszination im Studium entdeckt? Oder im Sandkasten?
Weder noch. Ich habe zwar im Sandkasten gespielt, aber nicht mehr als andere Kinder auch. Ich kam mit 16 Jahren zur Sandbildhauerei, als ich eher zufällig an einem eintägigen Workshop teilnahm. Und jetzt, mehr als dreizehn Jahre später, sind die Sandskulpturen tatsächlich zu meinem Beruf geworden.
Man kann vom Sandburgen-Bauen leben?
Ich schon. Bei Festivals gibt es Gagen, bei Wettbewerben Preisgelder. Außerdem erledige ich viele bezahlte Auftragsarbeiten. Für VW habe ich zum Beispiel den neuen Beetle eins zu eins in Wolfsburg nachgebaut. Und für ein niederländisches Konsulat in Israel habe ich eine Büste des Tel Aviver Bürgermeisters gebaut.
Was sagen denn Familie und Freunde zu Ihrem Beruf?
Für manche bin ich ein großes Kind, das noch im Sandkasten spielt. Aber wenn ich denen erzähle, dass ich so meinen Lebensunterhalt verdiene und die ganze Welt bereise, verstehen sie langsam, dass es nicht nur eine Spielerei ist – sondern ein Vollzeitjob.
Aber nicht im Winter.
Da forme ich Eisskulpturen.
Gibt es denn überhaupt noch irgendetwas, das Sie unbedingt nachbauen möchten?
Ich habe massenweise unerfüllte Pläne. Ich will zum Beispiel ein riesiges Schachbrett aus Sand bauen.
Mit dem man aber schlecht spielen könnte…
Oh doch! Genau das ist der Witz daran. Man könnte die Schachfiguren zwar nicht bewegen, aber man könnte sie bei jedem Zug zerstören und dann ein paar Felder weiter wieder aufbauen.
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