Herr Willemsen, Sie sind gerade von einer Lesung aus Ihrem neuen Buch zurückgekommen.
Nein. Ich lese kaum aus meinen Büchern. Meist erzähle ich daraus, stehe mit einem Mikrofon auf der Bühne und erzähle.
Das ist ja etwas komplett anderes als dazusitzen und aus dem Buch – mehr oder weniger gut – vorzulesen.
Es erfordert mehr Kraft, mehr Präsenz. Man muss produzieren, nicht reproduzieren, und oft steht man ja nicht in einer Buchhandlung, sondern im Theater. Die Leute erwarten etwas Besonderes. Ich will sie nicht enttäuschen, ich will ihre Zeit nicht vergeuden. Würde ich aus meinem Text vorlesen, könnte es nach Wochen des Auftretens passieren, dass ich während des Lesens an etwas Anderes denke. So etwas ist an einem Theaterabend undenkbar. Er folgt Bühnen-Gesetzen, deshalb sehe ich mir vor jedem Abend immer erst mal die Bühnensituation an, überprüfe Licht und Ton, kontrolliere die Akustik.
Was Sie da machen, ist ein Schritt hinter die Literatur zurück. Weg vom Schriftsteller. Zurück zum Erzähler.
Ich mache beides. Ich möchte mein Buch vorstellen. Dazu gehört, dass es geschrieben wurde, es ist Schriftstellerei. Also trage ich ein Kapitel oder ein paar Passagen wörtlich vor, damit das Publikum eine Ahnung davon hat, was es erwartet, wenn es das Buch kauft. Darum lese ich also zum Beispiel zwölf Minuten lang die Geschichte aus dem Bordell in Bombay. Das ist die schwärzeste Stelle des Buches. Aber es ist mir wichtig, auf das Jenseits der gesprochenen Rede, auf das Buch also hinzuweisen. Dann ist der Performer dran und ich erzähle Geschichten aus dem Buch. Manchmal auch Geschichten, die gar nicht im Buch stehen. Das Publikum spielt bei alledem eine wichtige Rolle. Wenn ich den Eindruck habe, da sitzen ein paar junge Leute, die einzudämmern drohen, dann kriegen die aber die grellsten Wachmacher serviert.
Sie sind auch die Rampensau.
Gewiss. Aber die Kehrseite der Rampensau ist: Sie bekommt die Leute auch, wenn es ganz leise, ganz intim wird. Gestern Abend war der Saal hochkonzentriert, mucksmäuschenstill an Stellen, wo es um Armut und Trauer, ums Trösten ging. Bei dem Sterbenden in Minsk zum Beispiel. Das sind Stellen ganz ohne Oberflächenreize, die ihre Wirkung eher in der Tiefe entfalten. Ich weiß nicht, ob sie ohne den Vortragenden auch so stark wirken würden, aber gestern taten sie es. Es ist eine schöne Erfahrung zu merken, dass die eigenen Texte Menschen in Bann schlagen können. Das ist doch genau das, warum man ursprünglich der Literatur verfiel.
Die Performance hat noch ganz andere Möglichkeiten. Ich war einmal bei einer Veranstaltung, da tanzte eine russische Künstlerin. Sie griff zur Wodkaflasche, trank und tanzte, trank wieder, tanzte, trank, trank, tanzte.
Etwas Ähnliches hatte ich einmal im Fernsehen vorgeschlagen. Es war eine Sendung ohne Publikum. Nur ich mit einem Gast und meine Idee war, wir sollten beide kiffen und der Zuschauer sollte uns dabei beobachten, wie unsere Gedanken, während sie immer unklarer wurden, uns immer klarer vorkamen. Das war dem Sender dann aber doch zu viel und wurde nie realisiert.
Ich verstehe das Fernsehen nicht. Warum gibt es dort niemanden, der etwas entdeckt, erfunden, wirklich gemacht hat? Warum immer nur Schauspieler, Musiker, Politiker und Moderatoren? Können Sie mir das erklären?
Roger Willemsen, 1955 geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Er promovierte über die Dichtungstheorie von Robert Musil. Er arbeitet als Fernsehjournalist, Moderator und Essayist . Er schrieb Bestseller wie „Die afghanische Reise“, „Der Knacks“. Sein Buch „Kleine Lichter“ wurde mit Franka Potente in der Hauptrolle verfilmt. Er ist außerdem „Amnesty“- Botschafter und Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins.
„Die Enden der Welt“, Willemsens aktuelles Buch, ist im Fischer Verlag erschienen, 542 S., 22,95 Euro.
Der Erfindergeist, die Lust am Unausgegorenen, das Halbstarke, hat sich weitgehend aus dem Fernsehen zurückgezogen. Es gibt ja noch ein paar Lichtblicke bei Harald Schmidt, Gert Scobel, Anke Engelke, Bastian Pastewka, es gab sie bei Charlotte Roche und Sarah Kuttner. Aber im Wesentlichen ist die Lust auf Neues aus dem Fernsehen verschwunden. Man hat begriffen, was Fernsehen ist: ein Medium, das nur in der Massenabstimmung existiert. Dazu kommt die Gremienwirtschaft. Benn hat einmal gesagt: „Penthesilea“ wäre niemals geschrieben worden, wäre vorher darüber abgestimmt worden. Das ist die Lage des Fernsehens. Bei den Jungen, die etwas im Fernsehen machen wollen, ist doch das anarchische Potential denkbar gering und halb erloschene Beamte bestimmen über die Amüsierbarkeit der Nation. Den interessantesten Köpfen der Nation wird nicht mal mehr ein Sendeplatz um drei Uhr früh eingeräumt, aber alle klagen über Pisa, über Kulturverfall...
Haben Sie schon etwas von Silent Disco gehört? Jeder Discobesucher bekommt Kopfhörer und kann unter verschiedenen DJs sich einen aussuchen, zu dem er tanzt. Was sagen Sie dazu?
Leibniz. In dieser Silent Disco tanzen seine fensterlosen Monaden. Jeder für sich. Die Kommunikationsbrücken abgebrochen. Höchste Selbstbefriedigung. Die Disco war doch immer das große Gemeinschaftsgefühl. Das ist vorbei. Der eine hört Blues, der andere Techno. Wir versammeln uns ohne die Torturen der kommunikativen Anstrengung.
Aber die findet doch statt. Die machen sich sicher tanzend an, berühren einander.
Aber jeder zu seinem eigenen Soundtrack?
Das halten Sie für ausgeschlossen?
Das ist als läse ich ein Hölderlingedicht und hörte dazu Britney Spears. Bestrahlt von zwei Informationsquellen, die mir eine völlig unterschiedliche Sensibilität abverlangen. Ich tanze auf eine Frau zu in einem Rhythmus, den nur ich im Ohr habe. Ich versuche eine Verständigung mit einer Person, die nicht nur eine andere Persönlichkeit hat, sondern sich auch noch in einem anderen Zustand befindet…
Ist das nicht immer so? Aber stellen Sie sich vor, man tanzt auf einander zu, tanzt mit einander und dann stellt man fest, dass man zur selben Musik tanzt…
Wunderbar! Großartig! Magisch! Aber der erste Schritt ist der in die Isolierung, in die Vereinsamung. Wir fließen und wir stocken gemeinsam, weil es diese eine Musik gibt, die uns eintaktet. Wenn die fehlt, dann gibt es doch nur noch das Auge. Die Chinesen kennen die Distanzorgie. Die Menschen sitzen einander gegenüber. Sie dürfen sich nicht berühren. Sie müssen sich so fixieren, dass sie durch den bloßen Augenkontakt zum Höhepunkt kommen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite warum Roger Willemsen keine Politikergespräche mehr führt.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.