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Sophie Marcaeu im FR-Interview: „In meinem Innern tobt der Sturm“

Filmstar Sophie Marceau spricht mit der FR über die Gefahren des Schauspielerberufs, ihre verpasste Jugend und warum sie Sarkozy gewählt hat, obwohl sie ihn für einen Angeber hält.

Die französische Schauspielerin Sophie Marceau kommt beim Internationalen Filmfestival in Marrakesch
Die französische Schauspielerin Sophie Marceau kommt beim Internationalen Filmfestival in Marrakesch
Foto: dapd

Madame Marceau, Sie sind gerade wieder zu Frankreichs beliebtester Schauspielerin gewählt worden. Wird Ihnen das nicht langsam unheimlich, dass die Franzosen Sie so lieben?

Ich bin mir sehr bewusst, dass das etwas sehr Zerbrechliches ist. Und obwohl es mich jedes Mal wieder überrascht, kommt es mir irgendwie auch normal vor. Vielleicht werden die Menschen mich irgendwann weniger mögen, dann werde ich damit leben müssen. Im Augenblick aber ist mein Verhältnis zu meinem Publikum eigentlich klar und einfach. Wir kennen uns schon so lange. Wir sind Teil ein- und derselben Familie.

Trotz Ihres Ruhmes empfinden Sie das Verhältnis als familiär?

Ja, das meine ich wirklich so. Es gibt nichts, was diese Beziehung verfälschen würde, obwohl gerade der Ruhm die Menschen verändert oder Bilder erzeugt, die nicht mehr stimmen. Manchmal wird es dann schief, irgendetwas passt nicht mehr zusammen. Zwischen mir und dem Publikum aber scheint nichts zu stehen, weil ich nie den Kontakt zum Leben und zum Konkreten verloren habe. Das spüren die Leute.

Wie haben Sie das geschafft? Sie waren schließlich erst 13, als Ihre Rolle in der Teenager-Komödie „La Boum“ Sie zum Star machte.

Wenn ich mit 13 das Geld, die Agenten und die Anwälte gehabt hätte, die heute jeder Kinderstar sofort bekommt, dann wäre es vielleicht anders gewesen. Die Kinder, die heute im Film anfangen, haben von Anfang an alles. Ich hatte nichts. Das war furchtbar. Ich war mutterseelenallein.

Wie meinen Sie das?

Ich musste alleine reisen. Musste mir selbst Englisch beibringen, hatte niemand, der mich verteidigt hätte. Aber das war eine gute Schule fürs Leben. So habe ich nie die Bodenhaftung verloren. Ich hatte keine Illusionen. Gar keine. Ich wusste, dass ich mich nicht einfach zurücklehnen kann, und dann würde sich schon alles fügen. Anfangs hatte ich keinen Führerschein, kein Auto. Ich musste Metro fahren, was ein Albtraum war, weil mich natürlich alle Leute erkannten. Ich erzähle das nicht, um zu jammern. Nur um klarzumachen, dass ich wirklich nie die Verbindung zur Wirklichkeit verloren habe. Ich war immer in der Realität, nie im „Bling-Bling“ dieses Berufes. Wenn es mal glitzerte und glamourös wurde, schrillten bei mir sofort alle Alarmglocken und ich dachte mir, „oh-là-là“ was ist hier los? Was stimmt jetzt nicht?

Die Karriere von Sophie Marceau

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Haben Sie das Gefühl, Ihre Jugend verpasst zu haben?

Das Leben, das ich führe und geführt habe, ist ein langes Erwachsenenleben. Ich hatte keine wirkliche Jugend. Mir wird das jetzt noch bewusster, weil ich selbst einen Sohn habe, der in diesem Alter ist. Ich bin manchmal sprachlos! Ich schaue ihm zu wie im Theater und applaudiere. Oft sage ich „wow!“ und wünschte mir, da selbst noch mal auf der Bühne zu stehen. Aber das ist unmöglich. Man kann die Uhr nicht zurück drehen und nicht die Dinge nachholen, die man verpasst hat.

Sie bereuen nichts?

Bereuen wäre das falsche Wort. Traurigkeit, das passt eher. Ich bin manchmal traurig darüber, dass mir dieser Teil fehlt. Einfach weil das zwingende Momente der Entwicklung und der Menschwerdung sind. Aber gut, so ist das nun mal. Das ist mein Leben. Wir haben alle unser Päckchen zu tragen. So schlimm ist das nun auch wieder nicht, keine Jugend gehabt zu haben, weil man ein Star wurde.

Sie haben damals großen Mut bewiesen: Um aus dem Vertrag mit dem französischen Filmstudio Gaumont rauszukommen, haben Sie eine Million Francs bezahlt. Sie hatten das Geld nicht einmal.

Ich bin noch heute stolz darauf, dass ich das gemacht habe. Aber damals schien mir das überhaupt nicht mutig, sondern eher eine willkommene Gelegenheit, aufzubegehren und meine Unabhängigkeit zu beweisen. Man will sich in diesem Alter spüren, man will „ICH“ sagen. Wenn man fünfzehn, sechzehn ist – und so alt war ich damals – träumt man davon, sich zu behaupten. Die Jugendlichen, die ich heute so beobachte, leiden genau darunter, dass das extrem schwierig geworden ist.

Das war Ihre Form der Revolte?

Absolut. Man hat mir eine Gelegenheit auf dem Silbertablett serviert: ein großartiger Vertrag, viel Geld – und ich musste einfach nur Nein sagen. Jedenfalls kommt es mir im Nachhinein so vor. Aber damals sah ich das natürlich etwas anders. Die sind mir einfach ständig auf die Füße getreten. Und irgendwann taten mir die Füße so weh, dass ich gesagt habe: Schluss, aus, vorbei. Lasst mich in Ruhe.

In Ihrem neuen Film, „Vergissmichnicht“, geht es darum, die richtigen Entscheidungen im Leben zu treffen, Prioritäten zu setzen. Welches sind Ihre?

Für mich ist das ein sehr langwieriger Prozess und die schwierigste Frage überhaupt: Was passt am besten zu mir? Was soll ich tun? Keine Ahnung, ob ich damit schon am Ende bin. In Wahrheit bin ich wohl noch auf der Suche. Natürlich gibt es immer Regeln, nach denen man sich verhalten kann. Aber wenn man sich zwingt, Dinge zu tun und sich dabei selbst belügt, dann fliegt das früher oder später auf. Dann bricht der Laden zusammen.

Stimmt es eigentlich, dass Sie nie den Wunsch hatten, Schauspielerin zu werden?

Ja, das stand wirklich nie zur Debatte. Ich hatte damals keinen klaren Lebensplan. Wie das eben so ist, in diesem Alter. Also bin ich da irgendwie hineingeschlittert und nicht eine Sekunde habe ich daran gedacht, berühmt zu werden. Einmal berühmt, war das nicht einfach, eher schwierig, und das ist es bis heute geblieben.

Die Tatsache, dass Sie hinter die Kamera getreten sind und selbst Filme gedreht haben, war das Teil dieses Versuches der Selbstfindung?

Ja. Ich habe eine Möglichkeit gesucht, etwas Eigenes auszudrücken, weniger Darstellerin anderer oder Instrument und Interpret zu sein, sondern meine eigene Sichtweise zu entwickeln und darzulegen. In aller Einfachheit. Das ist ganz egoistisch. Ich hatte dieses Bedürfnis, wollte eine Form für etwas finden, Dinge klären, sie besser verstehen. Wenn man das will, muss man aktiv werden. Ich kann nicht immer nur in der Darstellung der Anderen bleiben, das frustriert mich auf Dauer.

Was frustriert Sie daran?

Dass man ständig im Kostüm eines Anderen steckt, im Leben eines Anderen, im Dekor eines Anderen. Und man hat darauf nicht viel Einfluss. Hinter der Kamera ist das anders. Wenn ich eine lilafarbene Wand am Set haben will, lasse ich mir die Wand lila streichen. Für mich war das Regieführen tatsächlich ein Akt der Selbstbefragung und Selbstbestätigung.

Der Film „La Disparue de Deauville“ hat jedenfalls Ihr Leben verändert. Seither sind Sie mit Ihrem Kollegen Christopher Lambert zusammen. Ist es für Sie jetzt noch schwieriger, Ihre Privatsphäre zu schützen?

Nein, eigentlich nicht viel schwieriger als vorher auch. Wir haben ja nichts zu verbergen. Die Leute wissen, dass wir zusammen sind und damit habe ich auch überhaupt kein Problem.

Aber eine ganze Generation von Franzosen hat davon geträumt, mit Ihnen ins Bett zu gehen! Und Christopher Lambert war ungefähr das männliche Gegenstück zu Ihnen. Sie sind so eine Art französische Version von Angelina Jolie und Brad Pitt, das muss Leben und Liebe doch ziemlich kompliziert machen, oder?

Wir schützen unsere Beziehung. Aber wir verstecken uns nicht. Wenn man zusammen ist, ist man zusammen. Er hat seine Karriere, ich habe meine. Das heißt, dass wir auch unabhängig voneinander existieren. Tatsächlich habe ich eher das Gefühl, dass uns als Paar sehr viel Sympathie entgegen gebracht wird. Damit habe ich nicht unbedingt gerechnet.

Die Figur der Marguerite, die Sie in „Vergissmichnicht“ spielen, stellt alles in Frage und ändert ihr Leben von einem Tag auf den anderen. Gibt es solche Menschen wirklich?

Ich habe einige davon getroffen. Je weiter es die Leute gebracht haben und je mehr sie besitzen, desto dringlicher stellte sich die Frage nach dem Sinn. Wenn man alles erreicht hat, muss man sich fragen, wie es weiter gehen soll. Sie müssen also einen Schritt zurücktreten und stellen fest, dass einiges auf der Strecke geblieben ist.

Das nennt man auch Midlife-Crisis.

Ja, mit 40 begibt man sich auf die Suche nach dem Kind, das in uns war, nach den Träumen. Das ist das Alter, in dem man sich fragt: was ist eigentlich das Leben? Man fängt an, die Jahre zu zählen, die einem noch bleiben. Man zieht Bilanz, unaufgeregt oder aufgeregt, je nachdem, was man erlebt hat. Marguerite beispielsweise hat sich eingekapselt. Aber das emotionale Gedächtnis verschwindet nicht einfach. Es steckt in uns drin und irgendwann hat man keine andere Wahl, als den Finger in die Wunde zu legen...

Ist Ihnen das schon mal passiert?

Mir? Ständig. So etwa jeden Tag, was die Sache nicht leichter macht.

Das ist dann auch nicht sehr konstruktiv...

Würde ich nicht mal sagen. Ich stelle nicht jeden Tag alles in Frage. Aber jeden Tag frage ich, warum ich etwas Bestimmtes mache. Ob es ein Automatismus ist oder mir wirklich am Herzen liegt. Manchmal ist es sozialer Druck oder Repräsentationszwang, der einen zwingt, irgendetwas zu tun. Aber ich versuche mich immer zu fragen: Will ich das wirklich?

Letztes Jahr haben Sie einen Film nach dem anderen gedreht. War diese Arbeitswut Ausdruck einer Krise?

(lacht)... Es gab mit einem Mal viele Drehbücher, die mir wirklich gefielen. Das kommt selten genug vor. Alle diese Filme hatten etwa das gleiche Thema: Es ging jedes Mal um einen Wendepunkt, um den Augenblick, da man das Leben wieder in die Hand nimmt oder durch eine Identitätskrise geht. Ich bin jetzt über 40. Und alle Rollen, die man mir anbietet, müssen von dieser Identitätskrise handeln oder sagen wir zumindest von der Infragestellung, die sentimental sein kann oder beruflich oder beides zusammen. Denn darum geht es, wenn man einmal 40 ist.

Die 40 zu überschreiten, ist für eine Schauspielerin nicht unbedingt einfach. Wie geht es Ihnen damit?

Bestens. Es ist anstrengend, ich bin oft erschöpft, aber genieße das Leben. Außerdem fühle ich mich frei, unabhängig, habe ein gutes Verhältnis zu meinen Kindern. Ich bin wirklich gerne eine über 40!

Ist die Schauspielerei für Sie so etwas wie eine Therapie?

Es ist in erster Linie eine körperliche Therapie. Unser Metier hat in Wahrheit zwei Seiten: einmal gibt es den Aspekt der körperlichen und emotionalen Befreiung. Man lässt sich da viel leichter hineinfallen, weil es ja um andere Leute geht, nicht um einen selbst, aber um dieselben Probleme. Das ist dann wie Sport. Oder ein Alkoholrausch, wo man loslässt und Sachen herauslässt, die sonst unter der Oberfläche bleiben. Das funktioniert als Therapie ziemlich gut. Andererseits ist das auch ein wenig teuflisch, weil es eben nicht um einen selbst geht. Und man kann ganz wunderbar vor sich selbst weglaufen, indem man sich in einen anderen Menschen hineinversetzt. Man entfernt sich von sich selbst, bis zu dem Punkt, an dem man Gefahr läuft, sich zu verlieren. Das ist die Gefahr unseres Berufes. Man sagt immer, die Schauspieler sind narzisstisch, selbstverliebt und sehr selbstsicher, aber das scheint nur so. In meinem Innern sieht es oft ganz anders aus. Da tobt der Sturm. Weil man sich fragt: Und Ich, meine Probleme, mein Leben, wo bleiben die?

Es sieht so aus, als ob auch Frankreich in dieser Selbstkrise ist. Ist die Stimmung Ausdruck einer abgrundtiefen Enttäuschung darüber, was Nicolas Sarkozy mit diesem Land macht?

Nein. Ganz und gar nicht. Die Franzosen sind doch nie zufrieden. Egal was ist. Sarkozy macht es ihnen sicher etwas leichter, wütend zu sein, weil er diese leicht vulgäre Art hat. Man spürt, dass es ihm ums Geld geht. Er legt Wert auf seine Anzüge, seine Uhren. Er ist ein kleiner Angeber, ein Emporkömmling und repräsentiert eben nicht die französische Großbourgeoisie. Das hassen die Franzosen. Sie wollen von so einem nicht vertreten werden. Sarkozy macht auch viel Unsinn. Ganz im Gegensatz zu den meisten bin ich immer noch davon überzeugt, dass er dieses Land wirklich reformieren will. Aber Frankreich lässt sich nicht reformieren.

Das heißt, Sie bereuen nicht, Sarkozy gewählt zu haben?

Nein, ganz und gar nicht. Zumal ich wirklich nicht sehe, wer es sonst hätte machen sollen. Ein Vorzeigepräsident ist er deshalb auch nicht. Aber er versucht tatsächlich sehr viel umzusetzen, zu viel vielleicht.

Aber Sarkozy ist nicht nur ein Reformer, er hat die demokratischen Grundregeln außer Kraft gesetzt, indem er beispielsweise Journalisten belauschen lies. Das stört Sie nicht?

Schon. Aber wir sollten aufhören, uns zu belügen und uns einzubilden, dass das seine Vorgänger nicht gemacht hätten. Mitterrand hat alle belauschen lassen. Aber es war der große Mitterrand, der Halbgott. Die haben doch alle Geld abgezweigt und jeden abhören lassen. Sarkozy ist nicht schlimmer als die anderen.

Interview: Martina Meister

Datum:  19 | 12 | 2010
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