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FR-Interview mit Tenor Rolando Villazón: „Kunst muss uns nur berühren“

Der mexikanische Tenor Rolando Villazón spricht im FR-Interview über seine Wahlheimat Frankreich, sein Verhältnis zu Kritik und die Farbe seiner Träume.

Tenor Rolando Villazón bei einem Auftritt in Erfurt im Jahr 2008.
Tenor Rolando Villazón bei einem Auftritt in Erfurt im Jahr 2008.
Foto: dpa

Herr Villazón, wann wird es der mexikanischen Fußballnationalmannschaft der Männer endlich gelingen, Argentinien zu schlagen?

(lacht) Wahrscheinlich erst in einem anderen Leben. Nein. Sie werden es noch in diesem Leben schaffen. Es ist nur eine Frage der Mentalität. Gut genug spielen können sie, was wir nun noch brauche, ist die Mentalität, die Uruguay bei der WM gezeigt hat. Wir haben sie anscheinend nicht. Noch nicht.

Gibt es überhaupt eine typische mexikanische Mentalität?

Wissen Sie, ich bin sicher, dass es sie gibt. Aber ich bin ein Mensch, der versucht, von solchen Generalisierungen weg zu kommen: Was ist typisch deutsch, französisch oder eben mexikanisch. Definitionen erzeugen Grenzen. Aber anscheinend brauchen wir Definitionen. Von der Welt, von uns. Wenn ich aber sage: „Ich bin Mexikaner“, dann ist das so, als würde ich sagen: „Ich bin ein Tenor, also singe ich wie ein Tenor.“ Ich glaube, das hilft nicht weiter, weil es einengt. Nichtsdestotrotz würde ich sagen: Mexikaner haben sehr viel Humor. Der kann mitunter schwarz sein. Aber es ist und bleibt Humor. Ich glaube, was uns auszeichnet, ist die Tatsache, dass wir uns sehr viel mit Musik und durch Musik ausdrücken. Wir singen viel. Und noch etwas: Wenn Sie nach Mexiko kommen, dann kriegen Sie von den Menschen ein Lächeln, das anders als das McDonalds-Lächeln.

Das wäre dann ein typisch amerikanisches Lächeln.

Nun, es ist klar, dass Sie von der Kultur, in der Sie aufwachsen, geprägt werden. Also sagen wir es so: Es gibt eine mexikanische Art zu lächeln, wie es eine amerikanische Art zu lächeln gibt. Und dann gibt es noch eine französische Art, nicht zu lächeln (lacht).

Sie leben in Frankreich, Sie müssen es wissen. Warum leben Sie dort, wenn die Franzosen nicht lächeln?

Ich liebe Frankreich. Und es war mir immer klar, dass ich entweder in Berlin oder in Paris leben möchte. Ich habe mich schließlich für Paris entschieden und will Ihnen auch ein Beispiel geben, warum: Ein junger Philosoph schreibt ein Buch, und er versucht darin, Philosophie als einen Teil des täglichen Lebens zu begreifen: Philosophie gleichsam als Ersatz für die verloren gegangene Religion. Und dieses Buch ist sofort ausverkauft. Diese Spontaneität, dieses ungebrochene Interesse mag ich an Frankreich. Sie sehen in der U-Bahn Leute, die Kafka lesen, oder Rilke. Das sehen Sie in Italien nicht und auch ganz gewiss nicht in Mexiko. Sieben Millionen Leute lesen täglich Zeitung in Frankreich. Das ist viel. Und diese sieben Millionen Menschen haben eine Meinung zu dem, was sie umgibt. Diese Art des öffentlichen Diskurses finde ich großartig. Das Gleiche gilt für Deutschland. Ich liebe das profunde Denken, das in diesem Land gepflegt wird, den offenen Umgang mit der schwierigen Geschichte. Und die Energie. Das ist wie ein junger Baum, der ständig austreibt. Es gibt Teile in der Welt, wo Sie, auch im allegorischen Sinne, nur Müll sehen, und keine Blumen, keinen Himmel. Sie sehen nur große Wolken. Schauen Sie nach Afrika oder auch nach Mexiko. Es ist ein Desaster. Und trotzdem brauchen wir das Positive. Wir brauchen Hoffnung.

Wie es derzeit scheint, auch und gerade in Mexiko.

Klar. Man hört fast ausschließlich schlechte Nachrichten. Aber das ist doch nur ein Teil der Wirklichkeit. Zugegeben, es gibt ein Drogenproblem, es gibt Hunger, Armut, Verelendung. Aber es gibt doch auch das Andere. Es gibt auch die Sonnenseiten: eine große Schönheit. Aber darüber redet kaum jemand. Und das finde ich schade.




Singen Sie deswegen auf Ihrem neuen Album mit dem Titel „Mexiko!“ davon?

Ja. Und ich vermeide dabei keineswegs die schlechten Nachrichten. Ich stelle das Ganze vor. Und ich möchte den Kindern eine Perspektive geben, eine Vorstellung von einer Gesellschaft, die besser ist als die, in die sie gerade hineinwachsen.

Ist das die Funktion von Kunst im Allgemeinen? Die Sonnenstrahlen sammeln und verbreiten?

Ja. Kunst öffnet ein Fenster. Sie kreiert einen Ort, an dem wir einen Widerhall finden: für unsere Ängste, für unsere Melancholie, für unsere Traurigkeit und für unsere Freude. Kurzum: ein Bild des Menschlichen. Kunst muss nichts erfinden. Sie muss uns nur berühren. Kunst urteilt nicht moralisch. Sie ist einfach da. Nehmen wir beispielsweise die Malerei von Francis Bacon. Sie können das mögen. Oder auch nicht. Aber das spielt keine Rolle. Das Gleiche gilt für die Musik. Und als Künstler muss ich das aushalten. Ich darf es nicht persönlich nehmen.

Es scheint aber so, dass es einfacher für einen Künstler ist, Lob zu erhalten als eine schlechte Kritik. Oder sind Sie vollkommen unabhängig von der öffentlichen Meinung?

Niemand ist total unabhängig. Deswegen versuche ich, keine Beurteilungen meiner Kunst zu lesen. Seien sie positiv oder negativ. Warum sollte ich das lesen, was über mich geschrieben wird? Wenn es gut ist, bedient es nur meine persönliche Eitelkeit. Wenn es schlecht ist, kränkt es mich; es ist masochistisch. Also lasse ich es lieber. Ich lerne daraus nichts, was ich nicht selbst schon wüsste. Außerdem habe ich in meinem engeren Umkreis einige Menschen, mich eingeschlossen, die mir sagen, wann etwas gut ist und wann vielleicht nicht ganz so gut. Die Meinung dieser Menschen interessiert mich.

Am Anfang Ihrer Karriere war das anders, oder?

Das stimmt. Ich habe alles gelesen, was über mich geschrieben wurde, ich habe es wie ein Schwamm aufgesogen. Nachdem ich das gemacht hatte, wusste ich, dass mir weder die Bravos noch die Buhs wirklich weiter helfen.

Kommen wir noch einmal zurück zu Mexiko. Da gibt es zwei zeitgenössische Komponisten, die sehr erfolgreich sind, Daniel Catan und Enrico Chapela. Ist das der Beginn einer neuen mexikanischen Klassiktradition?

Das glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Das sind einfach zwei sehr talentierte Komponisten, die hart arbeiten für ihren Erfolg. Sie stehen nicht für Mexiko.

Warum aber nennen Sie Ihr Album „Mexiko“, wenn derlei Zuschreibungen so schwierig sind?

Weil ich die Musik dieses Landes liebe.

Und in welcher Sprache träumen Sie?

In spanisch.

In welchen Farben?

Meist in grün.

Grün ist die Farbe der Hoffnung.

Dann ist es gut.

Interview: Jürgen Otten

Datum:  29 | 11 | 2010
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