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Interview mit Dave Gahan: "Meine Seele war wund"

Der Depeche Mode-Sänger über Angst auf der Bühne, die Entfremdung von seinen Kindern und die Kunst, die Massen zu berauschen. ( Mit Video)

Dave Gahan gibt im Sommer wieder den großen Beschwörer.
Dave Gahan gibt im Sommer wieder den großen Beschwörer.
Foto: ddp

Gut sehen Sie aus, Mr. Gahan.

Danke.

Zur Person

Dave Gahan, 1962 geboren, ist seit 1980 Sänger der englischen Synthie-Pop-Band Depeche Mode ("People Are People", "Personal Jesus", "Policy Of Truth"). Die Gruppe hat weltweit 56 Millionen Tonträger verkauft. Ihre neue CD soll im Frühjahr erscheinen. Gahan war in den vergangenen Jahren auch als Solo-Künstler mit den Alben "Paper Monsters" (2003) und "Hourglass" (2007) erfolgreich.

Die Open-Air-Tournee: Im Juni spielen Depeche Mode in Hamburg (2.), Düsseldorf (4. und 5.), Leipzig (7. und 8.), Berlin (10.), Frankfurt (12. ) und in München (13.).

Als wir uns das letzte Mal sprachen, wirkten Sie etwas mitgenommen. Sie hatten gerade Ihre Heroinsucht überwunden, einen Selbstmordversuch hinter sich - und wollten wieder auf Tournee gehen.

Das ist aber schon etwas länger her.

Etwa zehn Jahre.

Ich hatte damals eine schlimme Zeit hinter mir. Die ersten Auftritte der folgenden Tournee fand ich sehr bedrückend. Ich hatte richtig Angst.

Angst zu versagen?

Ich hatte Angst, erstmals wieder komplett nüchtern auf die Bühne zu gehen. Ich hatte damals gerade mit dem Trinken aufgehört, seit sechs Monaten keine Drogen mehr genommen. Aber meine Seele, mein Körper waren - wie soll ich sagen - immer noch wund.

Rockstars und Drogen - ein ewiges Thema. Warum eigentlich?

Weiß ich auch nicht. Wenn ich mir selber nicht immer im Weg stehen würde, wäre mein Leben fantastisch (lacht). Sehen Sie, ich bin ohne Vater aufgewachsen. Meine Mutter hatte nicht viel Geld, sie hat sich durchgekämpft. Man kann nicht gerade sagen, dass ich die besten Schulen besucht hätte. Aber meine Mutter hat ihr Bestes gegeben, meine drei Geschwister und mich großzuziehen. Sie hatte immer mehrere Jobs und dennoch schaffte sie es, dass an jedem Abend das Essen für uns auf dem Tisch stand. Es war immer alles sauber, es hat uns an nichts gemangelt. Aber wir hatten nicht viel. Meine Mutter hat einen guten Job gemacht. Mutter sein - das ist der härteste Job überhaupt. Inzwischen bin ich selbst Vater von drei Kindern und kann viel mehr schätzen, was sie für uns getan hat.

Sie hat Sie stark gemacht, sich schon als junger Mensch vor Tausenden von Zuschauern zur Schau zu stellen?

Das hat sie. Immer wenn ich mich heute mit meiner Mutter treffe, bedanke ich mich dafür bei ihr, vor allem für das Verständnis, das sie mir entgegengebracht hat.

Demnächst werden Sie wieder allabendlich vor 60.000 und mehr Menschen auftreten. Haben Sie inzwischen Routine in der Kunst der Massenbeschwörung?

Nein, Routine ist es nie. Ich bin vor allem am Anfang einer Tournee immer sehr nervös. Im weiteren Verlauf kann ich mich dann besser auf den Auftritt konzentrieren, diese Nervosität überwinden. Aber das kostet mich viel Kraft. Ein Rock-Konzert ist natürlich in gewisser Weise immer eine Ego-Show. Auf der Bühne gebe ich immer alles. Das muss man einerseits mögen, gleichzeitig darfst du dich nicht zu wichtig nehmen, sonst stürzt du irgendwann in diesen Abgrund. Auf der letzten Tour war ich drei ganze Monate von meiner Familie, von meinen Kindern getrennt. Darunter habe ich sehr gelitten. Einmal hatte ich meine siebenjährige Tochter am Telefon. Sie hatte es gründlich satt, dass ich so lange weg war. Irgendwann fragte sie mich: "Wie oft muss ich noch schlafen, bis du wieder da bist?" Ich sagte: "Noch 48 Mal!"

Für ein Kind eine Ewigkeit.

Ja, sie hat sich von mir zurückgezogen. Das hat mir das Herz gebrochen. Nach der Tournee haben wir als Familie eine lange Zeit gebraucht, um wieder zusammenzufinden. Ich will die Verbindung zu meiner Familie nicht verlieren. Das wäre ein zu großes Opfer für mich, das würde ich nicht machen. Weil ich aus meiner Familie meine Lebensenergie ziehe, ohne sie könnte ich solche mehrmonatigen Tourneen gar nicht mehr machen.

Andere Kollegen nehmen ihre Kinder einfach mit auf Tournee, wäre das für Sie keine Option?

Normalerweise gehen sie in die Schule. Aber manchmal, während der Ferien, begleiten sie mich.

Und was sagen Ihre Kinder, wenn sich der Papa vor 60 000 Zuschauern in einen Zampano mit nacktem Oberkörper verwandelt, der die Massen mit Erlöserposen auf seine Musik einschwört?

Meine neunjährige Tochter mag das nicht wirklich. Sie sagt oft, ich sei dann gar nicht mehr wie der Vater, den sie kennt. Aber kürzlich sagte sie dann: Jetzt will ich auch Musik machen.

Sind Sie darüber erfreut oder erschrocken?

Ich werde sie darin unterstützen, so gut ich kann. Wenn sie es denn wirklich will. Sie ist ja erst neun. Ich möchte vor allem, dass sie sich sicher und geborgen fühlt. Ich selbst kannte das als Kind nicht. Was jetzt nicht die Schuld meiner Mutter war. Aber dieses Gefühl nicht wirklich dazuzugehören, scheint einfach in mir drinzustecken. Ich habe 46 Jahre gebraucht, bis ich sagen konnte: Ich bin zufrieden mit mir. Meistens jedenfalls.

(Depeche Mode im Studio)

Wenn Sie auf der Bühne sind, ahmen Tausende von Zuschauern jede Ihrer Bewegungen nach. Gibt Ihnen das Zufriedenheit?

Dabei geht es ja nicht wirklich um mich. Es ist eher ein Gemeinschaftserlebnis, die Leute wollen ein Teil von diesem großen Ganzen sein.

Aber Sie sind der Auslöser. Empfinden Sie da manchmal so etwas wie Allmacht?

Nein, das habe ich nie empfunden. Wenn schon, ist es eher ein Gefühl von Verantwortung. Die Zuschauer, die Band, ich, wir sind alle Teil eines Puzzles, eines Zustands, einer Energie, die für zwei Stunden freigesetzt wird. Es schafft ein Gefühl der Zugehörigkeit.

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Datum:  9 | 1 | 2009
Seiten:  1 2
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