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20. Juni 2013

„Schwulen-Lobby" im Vatikan: Das geheime Leben der Priester

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Wie viel Papst Franziskus weiß, und was in seinem Schatten passiert, ist unklar.  Foto: dpa

Eine schwule Seilschaft in den Machtzirkeln des Vatikans soll sexuelle Treffen organisieren, sich untereinander Posten zuschieben und versuchen, Entscheidungen zu beeinflussen. Was an den Gerüchten wirklich dran ist.

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Rom –  

Es klingt nach Orgien, Geheimloge und Verschwörung – kurz, nach einem Thriller à la Dan Brown: Eine schwule Seilschaft in den Machtzirkeln des Vatikans soll sexuelle Treffen organisieren, sich untereinander Posten zuschieben und versuchen, Entscheidungen zu beeinflussen, so die Gerüchte, die seit Monaten kursieren.

Kein Wunder, dass die Bemerkungen von Papst Franziskus, die aus einem vertraulichen Gespräch kolportiert wurden, vergangene Woche wie eine Bombe einschlugen: „Es ist die Rede von einer Schwulen-Lobby, und es ist wahr, es gibt sie.“ Die überlieferten Zitate wurden vom Vatikan nicht dementiert. Doch darüber hinaus gibt es keinerlei Belege und Informationen: etwa, ob und wie dieses angebliche Netzwerk organisiert ist, was es bezweckt und welche Kleriker und Kurienmitglieder ihm angehören sollen.

Der Einzige, der über eigene Erfahrungen in der vatikanischen Schwulenszene verfügt und auch schon länger offen darüber redet, ist der deutsche Theologe David Berger. Die wenigen konkreten Einblicke in das, was sich mutmaßlich hinter den Mauern des Kirchenstaates und in angemieteten Wohnungen im römischen Zentrum zwischen Geistlichen abspielt, stammen von ihm und aus seinem Buch „Der heilige Schein“. Berger hat seit der spektakulären Papst-Äußerung unzählige Interviews gegeben.

Sekretär, Fahrer oder persönlicher Assistent

Sieben Jahre lang lehrte er in Rom an der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin, er war damals mit 35 Jahren der jüngste Theologe dort und ein sehr konservativer. Er habe mit seinem Partner in einem Dominikanerkloster auf dem Aventinshügel gewohnt, erzählte Berger kürzlich der italienischen Internetzeitung „Lettera 43“.

„Unsere Zimmer lagen nahe beieinander, offiziell war er mein Cousin, auch wenn alle wussten, wie unsere Beziehung in Wahrheit aussah.“ Bald habe er gemerkt, dass viele so lebten, auch Priester und Bischöfe. Viele hätten ihren Sekretär, ihren Fahrer, ihren persönlichen Assistenten gehabt, „oft jung und aus Lateinamerika“.

David Berger lehrte sieben Jahre lang in Rom.
David Berger lehrte sieben Jahre lang in Rom.
 Foto: dpa

An den Abenden habe er die Treffpunkte der römischen Schwulenszene besucht und nicht selten Geistliche getroffen. „Ich erinnere mich gut an die Begegnungen im „Hangar“, einem Schwulenlokal nahe der Basilika Santa Maria Maggiore. Oder im Park von Monte Caprino nahe des Kapitols. Man ging hin, um Bekanntschaften zu machen oder um Sex zu haben.“ So sei er auch in eine Wohnung im Stadtviertel Monte Mario gekommen, zu der viele Geistliche einen Schlüssel besaßen – ein Liebesnest. „Es war ein Kommen und Gehen“, erinnert sich Berger. Er selbst habe dort einen Monsignore aus dem Vatikan getroffen. Aber, betont Berger: „Man darf sich das nicht als Orgie unter Priestern und Kardinälen vorstellen.“

Berger, der sich 2010 outete und dem die Kirche die Lehrbefugnis entzogen hat, glaubt, dass das homosexuelle Netzwerk im Vatikan lediglich dazu dient, Sexualität auszuleben. Es gehe ganz pragmatisch darum, sich abzusprechen, wo man Sexualpartner treffen kann, nicht um Kirchenpolitik oder Karriereziele. Dem „Spiegel“ sagte er: „Es geht nicht um eine schleichende Unterwanderung des Vatikans, nicht um Machtergreifung.“ Allerdings schiebe man sich auch Posten zu. „Wenn man weiß, der ist auch schwul, hat der dann eher Chancen, in dem jeweiligen Vatikanministerium aufzusteigen, wo auch ein schwuler Kardinal oder Bischof das Sagen hat.“

Wegen ihres Doppellebens erpressbar

Der katholische Publizist und Vatikan-Kenner Vittorio Messori verweist darauf, dass es eine auch der Kirche wohlbekannte Tatsache sei, dass der Anteil Homosexueller in Klöstern und Priesterseminaren ebenso wie im männerdominierten Militär und auf Schiffen deutlich erhöht sei.

Manchen Schätzungen zufolge hätten bis zu einem Drittel der Priester homosexuelle Tendenzen. Messori nennt als einen Beleg die Internetseite „Venerabilis“, eine Partnerbörse, betrieben von der anonym bleibenden „Bruderschaft homosensibler römisch-katholischer Priester“, auf der Geistliche per Chat nach Partnern suchen können – in fünf Sprachen „Ich heiße Luca aus Mailand und würde gerne Priester mit ernsten Absichten kennenlernen“, heißt es da etwa.

Messori glaubt, das eigentliche Problem sei nicht eine angebliche Lobby oder Seilschaft, sondern dass solche Kurienmitglieder wegen ihres Doppellebens erpressbar sind. Er habe von einem Prälaten gehört, der wegen seiner homosexuellen Beziehung unter Druck gesetzt wurde, damit in ein Vatikan-Dokument ein ganz bestimmter Satz eingefügt wurde.

Auch andere Vatikanisten sind davon überzeugt, dass in den heiligen Palästen anonyme Briefe an der Tagesordnung sind und die Anklage, jemand sei homosexuell, die am meisten genutzte, um Gegner zu vernichten. Messori wie auch Berger halten besonders heftige Reaktionen gegen Schwule für einen möglichen Hinweis auf versteckte oder unterdrückte Homosexualität. „Um nicht erpresst zu werden, sind homosexuelle Kirchenmänner meistens besonders papstfreundlich und konservativ“, sagt Berger. Er glaubt, dass die Schwulen-Lobby eine Erfindung der Ultra-Konservativen ist, um den liberalen Flügel im Vatikan auszuspielen.

Räumt Franziskus auf?

Zu diesen Ultrakonservativen gehört der polnische Theologieprofessor Dariusz Oko, der bereits im Dezember öffentlich die Existenz einer Schwulen-Lobby im Vatikan beklagt hatte und nun die Äußerungen von Franziskus begrüßt hat. „Der Heilige Vater hat bestätigt, was alle seit Jahren wissen. Endlich ist die Mauer des Schweigens gebrochen.“ Aber die Schwulen im Vatikan seien ein marginales Problem. „Die wahre Herausforderung für den Papst ist die Ketzerei der Homosexualität, ich nenne sie Homoeresie – es sind diejenigen, die Homosexuelle im Priesteramt offiziell zulassen wollen.“

Welche Kenntnisse Papst Franziskus wirklich über die mutmaßliche Schwulen-Lobby besitzt, ist unklar. Keiner weiß, ob er den ominösen Geheimbericht, den sein Vorgänger Benedikt nach dem Vatileaks-Skandal in Auftrag gab und den drei altgediente Kardinäle erstellten, wirklich gelesen hat. Gemunkelt wird, dass darin auch hochrangige Geistliche genannt werden, die Benedikt nahestanden, und die ihre Homosexualität praktizieren – eine Tatsache, die Benedikt zutiefst schockiert haben soll.

Gianni Geraci, der Sprecher von Guado, einer Vereinigung schwuler Katholiken in Italien, hofft darauf, dass Franziskus in der Kurie aufräumt. „Die Scheinheiligkeit gegenüber Homosexuellen wird dann beendet. Und wenn wir uns dem Evangelium wieder annähern, dann entfernen wir uns auch von Tabus. Der Kirche von heute bereiten die Schwulen Angst, die glücklich und heiter sind und sich offen zeigen“, sagt er.

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