Er ist der Gründer eines kriminellen Unternehmens, das geheime Informationen beschafft und an die Feinde der USA gibt, er gehört per internationalem Haftbefehl gesucht und zum Schweigen gebracht. Sagen die einen. Er ist Sprecher von Wikileaks, einer Organisation, die den Journalismus auf eine neue Ebene hebt, und ihm gebührt der Friedensnobelpreis, sagen die anderen.
Julian Assange polarisiert. Das tut er schon immer. Doch erst seit die Whistleblower-Plattform Wikileaks rund 76 000 geheime Dokumente aus dem Krieg in Afghanistan veröffentlicht hat, wird das so richtig deutlich. Denn jetzt hat Assange Militärs und Politiker aus beiden großen Lagern in den USA gegen sich aufgebracht – und wird so heftig attackiert wie nie zuvor.
Geheime Akten über Afghanistan brachten Wikileaks jüngst in die Schlagzeilen: 76000 Dokumente zum Krieg stellte die Organisation ins Internet.
Als Sprecher von Wikileaks ist Julian Assange ins Licht der Öffentlichkeit geraten – es gibt nur einen weiteren, dessen Gesicht bekannt ist. Der gebürtige Australier, 39, hat keinen festen Wohnsitz.
Wikileaks veröffentlicht geheime Dokumente, die Informanten über den Dienst wikileaks.org anonym zur Verfügung stellen. Durch die dezentrale Organisation will Wikileaks einen perfekten Informantenschutz bieten – sowie einen Anreiz, brisante Dokumente an die Öffentlichkeit zu geben. In den vergangenen Jahren hatte Wikileaks eine Vielzahl von Scoops gelandet. pb
„Er und seine Organisation haben möglicherweise schon Blut an den Händen – Blut von US-Soldaten und afghanischen Familien“, wirft ihm Admiral Mike Mullen vor, der ranghöchste Soldat der US-Streitkräfte. Mullen wie auch US-Verteidigungsminister Robert Gates befürchten, dass in den Dokumenten auch afghanische Informanten namentlich genannt werden und nun von den Aufständischen gejagt werden könnten.
Das dürfe nicht folgenlos bleiben, schrieb auch Kolumnist Marc Thiessen – einst der Redenschreiber von George W. Bush und Donald Rumsfeld – in der Washington Post: „Die Regierung hat viele Möglichkeiten, gegen ihn vorzugehen.“ Dazu zählten „nicht nur polizeiliche Verfolgung, sondern auch militärische und geheimdienstliche Wege, um ihn vor Gericht zu stellen und sein kriminelles Syndikat auszuschalten“. Auch Karl Rove, ehemals Berater Bushs, will den „Kriminellen“ Assange jagen, festnehmen und vor Gericht stellen lassen. Das sei legitim, da Assange kein Journalist sei; die Veröffentlichung habe nichts mit Pressefreiheit zu tun.
Für einen solchen Fall hat Assange möglicherweise vorgesorgt. Auf wikileaks.org steht seit einigen Tagen eine 1,4 Gigabyte große, aber verschlüsselte Datei zum Download bereit. Weitere Dokumente, wird gemutmaßt, die noch mehr brisante Informationen enthalten und im Falle einer Verhaftung von Assange der Öffentlichkeit per Schlüssel zugänglich gemacht werden. Man könnte auch sagen: eine Lebensversicherung für den 39-jährigen Assange. Der Name der Datei: Insurance.aes256. Insurance heißt Versicherung. AES-256 ist ein Verschlüsselungsstandard.
Assange selbst antwortet auf die Frage, was es mit dieser Datei auf sich habe: „Ich denke, das kommentieren wir besser nicht. Aber man könnte sich in einer ähnlichen Situation vorstellen, dass es gut sein könnte, sicherzustellen, dass wichtige Teile der Geschichte nicht verloren gehen.“
Eine kaum verhohlene Drohung, die er in einem Interview mit der bekannten Journalistin Amy Goodman in der Radiosendung „Democracy Now“ äußerte. Das Ganze könnte aber auch ein Bluff sein. Assange, ein Schlaks mit weißen Haaren und einer tiefen, aber leisen Stimme, ist ein notorischer Vorwärtsverteidiger. Je schärfer er angegangen wird, desto bissiger wird er selbst. Mullen und Gates „waten doch wohl selbst im Blut aus den Kriegen im Irak und Afghanistan“, giftete er im Interview. Beide zeichne eine extreme Scheinheiligkeit aus.
Wikileaks, das verspricht er, werde jedenfalls „nicht aufhören, Gutes zu tun, nur weil jemandem etwas zustoßen könnte“. Gemeint waren Soldaten und Informanten – aber wohl auch er selbst. Nach seinen persönlichen Sicherheitsvorkehrungen gefragt, antwortete er: „Ich würde es Ihnen gerne erzählen, aber das wäre vielleicht nicht sehr klug.“ Mit solchen Sätzen hält er die Aura des Geheimnisvollen und der Paranoia aufrecht, die Wikileaks umgibt.
Dass der Australier zur Stimme dieser Organisation wurde, ergibt Sinn, wenn man seinen Lebenslauf betrachtet. Häufig musste sich Assange verstecken und gegen Institutionen kämpfen. Im Teenageralter floh er mit seiner Mutter vor deren Lebensgefährten. Als Hacker musste er einen Richter davon überzeugen, dass er bei seinen Zugriffen auf Rechner des Pentagon und anderer Behörden keinen Schaden angerichtet hatte – was ihm auch gelang; er kam mit einer geringen Geldstrafe davon. Dann kämpfte er jahrelang um das Sorgerecht für seinen Sohn, erreichte dabei aber nur einen Kompromiss. Hört man ihn heute reden, bekommt man den Eindruck, dass Assange inzwischen eine präzise Auffassung von Recht und Unrecht hat.
Sein hervorstechendes Merkmal aber ist sein Idealismus. Das ganze Wikileaks-Prinzip basiert auf der Vorstellung, dass die Welt ein friedlicherer Ort wäre, wenn Unternehmen und Regierungen mehr Mut zur Wahrheit hätten. Wer ein so hohes Ziel verfolgt, lässt sich nicht so leicht einschüchtern. Und so stürzt sich Assange in jedes Wortgefecht. Als die Times über ihn schrieb, seine „scheinheilige Frömmigkeit“ sei „ekelerregend“, ätzte er los: „Klar, weil es besser wäre, wenn ich ein skrupelloser Medienmogul wäre, dem es nur ums Geld geht. Aus moralischen Gründen darf man offenbar nichts mehr tun.“
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