Als Andreas Nachama, 58, zum ersten Mal jenes Gelände in Berlin betrat, auf dem einst das Gestapo-Hauptquartier gestanden hatte, kam er sich vor "wie am Ende der Welt". 1979 war das, und Nachama sah überall nur Förderbänder und Planierraupen, die einer Bauschuttverwertungsfirma gehörten.
Nirgends gab es einen Hinweis darauf, dass die Gestapo an diesem Ort Sozialdemokraten, Kommunisten, Aktivisten aus dem Widerstand und unliebsame Kirchenvertreter verhörte und folterte.
Noch Anfang der 1970er Jahre war es selbst den meisten Berlinern nicht bewusst gewesen, dass die Nationalsozialisten an diesem Ort ihre Verbrechen geplant hatten, fast war es so, als symbolisierte das Brachland das Vergessen.
So hat es auch Symbolcharakter, wenn Bundespräsident Horst Köhler am Donnerstag an dieser Stelle ein Dokumentationszentrum eröffnet. "Topographie des Terrors" wird die Dauerausstellung heißen, so wie die gleichnamige Stiftung, deren Direktor Andreas Nachama seit 16 Jahren ist.
Das Gestapo-Area verödete
Von der Zentrale der Geheimen Staatspolizei sind heute nur noch Reste des Fundaments zu sehen. Obwohl im Krieg durch Bombenangriffe beschädigt, hatte Bertolt Brecht das Gebäude noch 1950 besichtigt. Ein Bekannter führte den Schriftsteller in den Keller bis zu der winzigen Zelle, in der ihn die Gestapo monatelang eingesperrt hatte. "War sie immer so dunkel?", soll Brecht gefragt haben.
Wenige Jahre später wurde der vierstöckige Bau gesprengt. Abgerissen wurden auch die Nachbargebäude, in denen Heinrich Himmlers SS und Reinhard Heydrichs Reichssicherheitsbeamte die Vernichtung der Juden systematisierten.
Was nach dem Abriss des Gestapo-Hauptquartiers Mitte der 50er Jahre zurückblieb, war eine von vielen Brachen inmitten Berlins, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte. Die in Sektoren geteilte Stadt erschien vielen wie ein Mahnmal: Zerbombte Ruinen säumten die Straßen, die Häuserwände von Einschusslöchern übersät. Das Gestapo-Areal, Prinz-Albrecht-Gelände genannt, verödete.
Selbst Andreas Nachama, ein jüdischer Historiker, wusste bis zu seinem 29. Lebensjahr nicht, dass sich dort das Gestapo-Hauptquartier befunden hatte. Als er 1979 eine Preußen-Ausstellung im Gropius Bau konzipierte, rief seine Mutter, die im Untergrund überlebt hat, empört aus: "An diesem Ort wollt ihr eine Ausstellung machen - gegenüber vom Zentrums des Bösen."
Berichte prominenter Opfer
Nachamas Interesse für die Historie des Ortes war geweckt - und er war schon damals überzeugt: "Man kann die Geschichte Berlins nicht nur auf Hochglanz-Postkarten zeigen, sondern muss auch die Schandflecken sichtbar machen."
Welchen Torturen die unzähligen namenlosen Gefangenen der Gestapo ausgesetzt waren, davon zeugen die Berichte der prominenten Opfer, eines von ihnen war der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann, in der DDR die Symbolfigur des kommunistischen Widerstands: "Es gab Hiebe ins Gesicht und Peitschenschläge über Brust und Rücken. Hingestürzt, wälzte ich mich am Boden, mit dem Gesicht immer nach unten." Vier Zähne wurden ihm herausgeschlagen.
Der SPD-Reichstagsabgeordnete und erste SPD-Vorsitzende nach dem Krieg, Kurt Schumacher, war 1939 vier Monate eingesperrt gewesen, bevor er erneut in ein Konzentrationslager verlegt wurde.
Erich Honecker, der spätere Staatschef der DDR, berichtete von Qualen, wie er sie in seiner fast zehnjährigen Gefangenschaft nie mehr erleiden musste. Überliefert ist auch, was ein Unbekannter in seine Zellenwand ritzte: "Das ist der Mörderkeller."
Im Mai 1933 hatte die Gestapo das Gebäude in der Prinz-Albrecht-Straße 8, heute Niederkirchnerstraße, bezogen, in der Weimarer Republik hatte es die Kunstgewerbeschule beherbergt. Die Werkstätten der Bildhauer wurden Zellentrakte.
Dies wie die gesamte Historie rief Ende der 70er Jahre der Stadthistoriker Dieter Hoffmann-Axthelm ins Gedächtnis. Bürgerinitiativen und Verfolgtenverbände griffen das Thema auf und forderten, das Prinz-Albrecht-Gelände zu einer Stätte des Erinnerns umzuwidmen.
In den Jahren davor hatte der Berliner Senat jedoch die Planung für eine quer über das Areal verlaufende Verbindungsstraße vorangetrieben. Die Politiker waren nur schwer davon abzubringen, trotz auch internationaler Kritik. Auf welch unsensible Weise die Stadt über die Fläche verfügte, verdeutlichte das so genannte Autodrom. Auf der Südseite gelegen, diente es Führerscheinanwärtern bis in die 80er Jahre hinein als Übungsparcour. Harry Toste, ein stadtbekannter Transvestit, Spitzname: "Straps-Harry", hatte das Gelände zu diesem Zweck von der Stadt gepachtet.
1983 entschied der Senat schließlich, einen Wettbewerb auszuschreiben für eine Grünanlage, die der "geschichtlichen Tiefe des Orts" gerecht werden sollte.
Gegen das Ansinnen, "sämtliche Stätten des Faschismus zu übergrünen, allen voran die Terrorzentrale", protestierte unter anderem der Geschichtsforscher Hoffmann-Axthelm. Ein Jahre später blas der Senat sein umstrittenes Projekt ab.
Am Ende verständigte man sich auf eine provisorische Lösung, die sich jedoch als äußerst langlebig entpuppte. In einem neuen Pavillon wurde seit 1987 auf die Verbrechen der NS-Täter aufmerksam gemacht.
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