Frau Mack, wie geht es Ihnen? Kurz vor dem Ende Ihrer Amtszeit als Roisdorfer Karnevalsprinzessin sind Sie bestimmt ziemlich gestresst, oder?
Ich bin ein bisschen lädiert. Neulich habe ich zum ersten Mal seit Anfang der Session eine Veranstaltung abgebrochen. Das ärgert mich jetzt in der Hochphase besonders, und ich muss sehen, dass ich schnell wieder fit werde. Das meiste habe ich schon hinter mir. Insgesamt hatte ich bis zum Aschermittwoch über 150 Termine.
Sie sind mit vier Jahren nach Deutschland gekommen. Wie haben Sie sich als Kind für die Umzüge verkleidet? Als Prinzessin?
Ja, genau. Mein erstes Prinzessinnenkleid war aus einer alten Tischdecke. Ich habe so lange genörgelt, bis mir meine Mutter das Kleid genäht hat. Ich konnte noch gar nicht richtig Deutsch, aber Prinzessin war ich schon.
Füsun Mack, 44, ist die erste türkische Karnevalsprinzessin in Deutschland. Sie wurde in Bursa, im Westen der Türkei, geboren und lebte zunächst bei ihrer Großmutter. Als sie vier Jahre alt war, holte ihre Mutter sie zu sich nach Deutschland. Füsun Mack lebt heute in Roisdorf, einem 6000-Seelen-Ort zwischen Köln und Bonn. Sie besitzt sowohl einen türkischen als auch einen deutschen Pass und spricht beide Sprachen fließend.
Am Roisdorfer Karnevalszug nimmt sie normalerweise in der Fußtruppe „Sonnenblumen“ teil. Dieses Jahr thront sie jedoch auf einem eigenen Prinzessinnenwagen – der in Schwarz-Rot-Gold geschmückt ist. Im Nachbarort Alfter betreibt sie eine Schneiderei, wo sie bereits das Ornat ihrer Amtsvorgängerinnen nähte.
Auch ihr eigenes Kleid und die Kostüme ihres 15-köpfigen Gefolges sind ihr Werk. Ihren Umhang zieren Halbmond und Stern – Symbole der türkischen Flagge. Getragen hat sie das Kleid bei bislang mehr als 150 Auftritten in ihrer Regentenzeit. (prlf)
Das Kleid, das Sie heute tragen, haben Sie selbst genäht. Wie sieht das perfekte Karnevalskostüm aus?
Jede Prinzessin entscheidet das für sich. Ich bin ja bei den „Sonnenblumen“ aktiv und wir feiern gerade elfjähriges Bestehen. Also wollte ich viel Gold als Jubiläumsfarbe. Dann habe ich Mond und Sichel aus der türkischen Flagge dazugenommen. Außerdem musste das Kleid bequem und pflegeleicht sein.
Christen feiern Karneval, damit sie vor der langen Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern noch einmal auf den Putz hauen können. Sie sind Muslimin – gibt es im Islam ähnliche Traditionen mit Trinken und Verkleiden vor der Fastenzeit?
Es gibt so einen Feiertag. Der nennt sich Hidrellez. Oder eben den Ramadan. Aber bei uns feiert man ausgiebig nach der Fastenzeit, nicht vorher.
Pardon, Ramadan und äh...?
Hidrellez. Aber das wird nicht überall in der Türkei gefeiert. Das ist mehr ein Volksfest. Bei Karneval streiten sich ja auch die Geister: Ist das jetzt ein religiöses Fest oder ein Volksfest? Wie auch immer – es ist ein Fest, und Feste sollte man feiern, egal wo und in welchem Land.
Ihr Motto lautet: „Ob Morgen- oder Abendland, der Karneval ist unser Band.“ Wie sehen Sie Ihre Rolle? Werben Sie für Integration?
Das Motto haben wir ganz bewusst ausgesucht, falls wirklich mal Fragen kommen wie: Du bist Türkin – wie vereinbarst du das mit Karneval? Das Motto besagt, dass es egal ist, wo man herkommt. Es gibt ja auch kölsche Lieder, die das besingen: Ob Türke, Grieche oder Jude – vorm Herrgott simmer alle gleich.
Gab es auch negative Reaktionen, als Sie die erste türkische Karnevalsprinzessin wurden?
Bisher gab es nur Begeisterung – selbst von meinen Landsleuten. In der Türkei wurde immer wieder über mich berichtet, in den Zeitungen, im türkischen Fernsehen. Einer der größten Sender der Türkei hat mich porträtiert, und ich habe nur positive Resonanz bekommen.
Wie gefällt Ihnen denn der ganze Trubel um Ihre Person?
Ich war ein wenig überrascht. Nicht unangenehm, einfach überrascht. Ich sah mich wie jede andere Prinzessin auch, und plötzlich standen die ganzen Medien vor der Tür: RTL, SAT.1, die Zeitungen. Ich habe mir gesagt: Gut, warum nicht? Vielleicht kann ich damit ja wirklich ein kleines Zeichen setzen. Ich will zeigen, dass Türkinnen – ich rede jetzt ganz bewusst von den Frauen – nicht nur unterdrückt werden, sondern dass wir auch freie Entscheidungen treffen können, dass wir hier ein integriertes Leben führen. Man sollte sich nicht immer nur die Minderheiten vor Augen halten. Es gibt eben auch Türken, die so verrückt sind wie ich.
Apropos deutsch-türkische Klischees: Wie würden Sie Deutsche und Türken jenseits des Karnevals charakterisieren?
Ich mag die Toleranz der Deutschen. Ich glaube, es gibt nirgendwo so viel Toleranz wie hier. Eine gute türkische Eigenschaft ist dagegen, dass man viele Dinge einfach etwas lockerer sieht, dass man sich das Leben nicht so extrem schwer macht. Und die Geselligkeit, das Miteinander, das fehlt mir hier ein bisschen. Ich wohne jetzt seit fünf, sechs Jahren in meiner Wohnung, und ich weiß immer noch nicht richtig, wer meine Nachbarn sind. Das gibt es in der Türkei nicht. Ich nehme mir da einfach aus beiden Kulturen das Gute und lasse das Schlechte weg.
Also sind die Menschen in der Türkei offener?
Ja, richtig. Dass man hier zum Beispiel alte Leute in Altersheime steckt, das gibt es in der Türkei nicht – außer, jemand hat gar keine Verwandten mehr. Es gibt kein Sozialamt. Da sorgt der eine für den anderen mit.
Können Sie sich vorstellen, den Karneval in Ihre Heimat, nach Bursa, zu importieren?
Klar! Ich habe letztens einen Bericht gesehen über eine deutsche Familie, eine Kölner Familie, die nach Thailand ausgewandert ist. Die haben dort den Karneval eingeführt. Ich habe mich köstlich amüsiert. Meine Tochter saß neben mir und sagte: „Mama, das traue ich dir auch zu!“
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