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Elmore Leonard im FR-Interview: „Warst du schon mal selbst im Knast?“

Ob Clooney, Tarantino oder Soderbergh: Hollywood reißt sich um die Krimis von Elmore Leonard. Mit 85 produziert der Mann aus Michigan immer noch wie am Fließband – und wird geliebt wie nie. Ein Gespräch über Bankräuber, Coolness und Marihuana im Kühlschrank.

        

 „Bankraub ist gar nicht so schwierig“, sagt Leonard.
„Bankraub ist gar nicht so schwierig“, sagt Leonard.
Foto: Dermot Cleary

Guten Morgen, Mr. Leonard, wie geht es Ihnen?

Mir geht’s gut, danke. Ich bin am arbeiten. Ich schreibe ein Buch. Bin gerade im letzten Drittel. In zwei Wochen oder so habe ich es fertig.

Schon wieder eins? In Deutschland kommt gerade erst Ihr Krimi „Road Dogs“ heraus ...

An den kann ich mich noch ganz gut erinnern. Danach kam „Djibuti“, über die Piraten in Westafrika. Ein Haufen Recherchearbeit. Aber ich sitze schon am übernächsten.

Sie behalten auch mit 85 Jahren Ihre Schreibroutine bei – von morgens halb zehn bis um sechs am Abend?

Als ich noch ein Angestellter bei einer Werbeagentur war, stand ich sogar immer um fünf auf. Dann schrieb ich zwei Stunden, bevor ich zur Arbeit ging. Hätte ich das nicht gemacht, dann hätte ich wohl auch nicht über 30 Western-Romane verkauft. Das war also ein guter Start für mich. Auch, wenn es am Anfang hart war, sich an das frühe Schreiben zu gewöhnen. Hat mich ein paar Monate gekostet, bis ich beim Läuten des Weckers pünktlich aus den Federn kam. Bald brauchte ich den Wecker nicht mehr.

Aufstehen um fünf ist das eine, aber auf Knopfdruck kreativ sein um diese Zeit?

Wenn ich wach bin, bin ich wach. Hat keinen Sinn, zu versuchen, sich das anzugewöhnen. Ich bin halt der Wach-Typ.

Keine kleinen Ablenkungen – erst mal einen Kaffee kochen, ein bisschen aus dem Fenster starren, bis die Inspiration kommt?

Ich habe mir selbst ein paar Regeln vorgegeben. Ich zwang mich, immer erst mit dem Schreiben anzufangen, bevor ich das Wasser für den Kaffee aufsetzte.

„Road Dogs“ ist wieder eine Bankräuber-Geschichte. Hauptfigur ist der smarte Jack Foley, Ihr Held aus „Out Of Sight“. Woher kommt Ihre Faszination für diesen Beruf?

Ich glaube, der Bankräuber hat eine besonders respektierte Position in der Gefängnis-Hierarchie. Die anderen Insassen schauen auf zu ihm. Ich weiß auch nicht, warum. Bankraub ist gar nicht so schwierig. Du gehst rein, bittest um das Geld, und meistens bekommst du es auch.

Da gibt es dann noch das Problem, mit dem Geld rauszukommen.

Ja, natürlich, eine Menge von ihnen werden geschnappt. Und wenn du auch noch eine Waffe dabei hast, sind die Konsequenzen umso härter. Aber im Grunde gilt Bankraub als eine lässige Art, zu Geld zu kommen.

Vielleicht verehren die Leute sie deshalb als Helden, weil jeder es hasst, sein Geld der Bank zu geben.

Da ist was dran. Das galt noch mehr für die alten Zeiten vor dem Krieg. Damals gab es Leute wie Johnny Dillinger und seine Bande, die für ihre Überfälle heldenhaft verehrt wurden. Das begann schon während der Depressionszeit. Niemand hatte Geld, und dann kam dieser Bursche, spazierte einfach in eine Bank hinein und nahm sich, was er wollte. Vielleicht sah man sie damals als die Rächer der armen Leute an.

Sie haben die Zeit der berühmten Bankräuber als Jugendlicher selbst erlebt. Hatten Sie damals auch Sympathien für Dillinger oder Bonnie und Clyde?

Wahrscheinlich ja. Es gibt jedenfalls dieses alte Foto von meiner Familie. Da steht meine Mutter mit mir und meiner Schwester neben einem Wagen, einem Oakland – das war eine Limousine von General Motors, die heute nicht mehr gebaut wird. Ich habe einen Fuß auf dem Trittbrett und halte meine Hand so, als ob ich darin lässig eine Pistole halten würde. Genau in der Haltung, in der Bonnie ihren Revolver auf dem berühmten Foto mit Clyde hält. Das war so um 1931 herum. Ich muss definitiv Bilder von ihnen in den Zeitungen gesehen haben. Später fand ich bei einer Buch-Recherche heraus, dass sie gar nicht als Top-Kriminelle galten. Sie bauten andauernd Mist. Mal überfielen sie einen kleinen Gemüsehändler, mal fuhren sie mitten in eine Polizeisperre hinein. Sie waren kleine Gauner. Aber sie waren ein tolles Paar, und sie sah nun mal nicht übel aus.

Wie gewalttätig diese kleinen Überfälle waren, verdrängen wir als Leser und Kinogänger gern.

Ja, ich nehme an, dass viele Leute das Ganze lieber in romantischem Licht betrachten.

Ihren Jack Foley beschreiben Sie auch eher liebevoll, wie einen Künstler seines Fachs.

Stimmt, er ist ein Profi.

Elmore Leonard

„Daddy Cool“ nennt ihn die New York Times: Elmore Leonard, 1925 in New Orleans geboren, gilt als der Erbe des Hard-Boiled-Krimis Marke Chandler. Mehr als 20 seiner Romane wurden für Kino und Fernsehen verfilmt.

Sein neuer Krimi „Road Dogs“ erscheint Mitte Dezember auf deutsch bei Eichborn – ein Wiedersehen mit dem cleveren Bankräuber Jack Foley, den George Clooney in „Out of Sight“ spielte. two

Bewundern Sie ihn?

Ja, bis zu einem bestimmten Punkt. Aber er bricht das Gesetz. Da gibt es kein Vertun. Er wird irgendwann wieder geschnappt, keine Frage.

Haben Sie die Verfilmung der Bonnie & Clyde-Story damals im Kino gesehen?

Die mit Faye Dunaway? Oh ja, die mochte ich sehr. Wahrscheinlich, weil ich Faye Dunaway sehr mochte. Und weil man das Gefühl vermittelt bekam, dass sie es vielleicht schaffen könnten, davonzukommen. Man wollte es so gern glauben. Aber es war wenig Wahres an der Filmversion. Sie waren doch ein ganz gewöhnliches Gaunerpärchen.

Viele Ihrer Buch-Gangster haben es auch auf die Leinwand geschafft. Wie ist es, bei der Premiere im Kinosaal zu sitzen und die eigene Geschichte in einer ganz anderen Form vorgeführt zu bekommen?

Nun, ich bin immer wieder überrascht, weil es selten so aussieht, wie ich mir die Szene vorgestellt hatte. Trotzdem mochte ich einige der Filme. „Out of Sight“ mit George Clooney hat mich begeistert, ebenso Tarantinos Version von „Jackie Brown“ und den ersten Travolta-Film, „Get Shorty“. Der zweite mit ihm war dann ein kompletter Reinfall, „Get Cool“. Wenn ein Film schon so heißt ... Aber ich bin nicht völlig enttäuscht, wenn sie es nicht richtig treffen. Ich habe selbst genug Drehbücher geschrieben, um zu wissen, wie schwierig das Geschäft ist. Es gibt immer jemanden im Team, der dir vorschlägt, noch diese oder jene Szene hineinzuschreiben, die gar nicht im Buch vorkommt.

Ihr Schreibstil wirkt nicht gerade kinematografisch. Sie geben uns wenig Landschaftsbeschreibungen, man erfährt nicht mal, was die Hauptfiguren gerade anhaben oder wie alt sie sind. Warum reißt sich halb Hollywood um die Filmrechte an Ihren Büchern?

Vielleicht genau deshalb. Manche Autoren schildern ja sogar, wie weit die Augen ihrer Charaktere auseinanderliegen – an so was erinnert sich doch kein Leser mehr. Eine Figur kommt in die Szene hinein, du hast ein Bild von ihr, das ist genug.

Sie charakterisieren Figuren eher über die Dialoge. Kritiker beschreiben Ihre Sprache als „cool“ und „authentisch“ – einverstanden?

Ich wollte natürlich, dass meine Dialoge cool und authentisch klingen (lacht). Aber man weiß ja nie.

Fragen Sie einen Bankräuber, der kann es Ihnen sagen.

Nun, tatsächlich habe ich Briefe von Sträflingen bekommen. Die haben mir geschrieben: Warst du schon mal im Knast? Du klingst so, als ob du selbst eingesessen hättest. Die Art, wie wir sprechen, wie wir uns bewegen – du triffst es genau. Und einmal sprach mich der Chef eines Filmfestivals an, der mir offenbarte, dass er drei Jahre wegen Besitzes von Marihuana im Gefängnis war ...

... drei Jahre? Wie viel Marihuana war das denn?

Das habe ich ihn auch gefragt. Er sagte: 300 Pfund – zwei Kühlschränke voll. Er konnte das Gericht leider nicht überzeugen, dass es für seinen persönlichen Gebrauch war.

Schwer zu glauben.

Ja. Jedenfalls bestätigte er mir: Wenn wir auf dem Gefängnishof unsere Runden drehten, klang es genauso wie in deinen Büchern. Wo hast du das her?

Und? Woher haben Sie’s?

Ich lese Artikel und Bücher über das Gefängnisleben, da finden sich jede Menge Dialoge. Und ich habe ein paar Gefängnisse besucht und mit Häftlingen gesprochen. Aber man muss vor allem eine bestimmte Haltung treffen, darum geht es.

Ihre Frau soll manchmal Anregungen für Dialoge aus der Damentoilette mitbringen. Ein Scherz?

Nein, das stimmt. Sie erzählt mir manchmal weiter, was sie aufschnappt, wenn zwei Frauen vor dem Spiegel stehen und sich die Nase pudern. Sagt die eine: Ich glaube fast, meine Pickel sind noch größer geworden. Sagt die andere: Sind sie.

Cool genug.

Ja.

Interview: Thomas Wolff

Datum:  5 | 12 | 2010
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