Herr Fuchsberger, Sie haben soeben ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Altwerden ist nichts für Feiglinge“...
...wie alt sind Sie?
30.
Warum schickt man mir so junges Gemüse?
Tut mir leid. Schlimm?
Nein! Das war eine ernste Frage.
Vielleicht weil die Redaktion glaubt, ein Journalist meines Alters hat einen ganz eigenen Blick auf Blacky Fuchsberger?
Aha! Ich frage, weil es mir eine besondere Freude macht, mit jungen Menschen zu diskutieren. Die Zeitungen schicken leider oft alte Herren, die nur sagen: „Ja, Herr Fuchsberger, Sie haben so recht, Herr Fuchsberger.“ Ich aber mag Widerspruch, kritisches Nachfragen. Sonst habe ich ja keine Botschaft.
Haben Sie deswegen ein Buch geschrieben? Weil Sie eine Botschaft haben?
Genau. Es geht mir um zweierlei. Einerseits will ich der aktuellen Diskussion, in der Alter nur als demographisches Problem betrachtet wird, etwas entgegensetzen. Zugleich möchte ich meinen Altersgenossen zurufen: „Hört auf, Euch wegen dieser Debatte in die Ecke zu stellen, die beleidigte Leberwurst zu spielen. Wehrt euch!“
Joachim Fuchsberger, 1927 in Stuttgart geboren, wurde noch als Schüler zum nationalsozialistischen Reichsarbeitsdienst verpflichtet und hat nie einen Schulabschluss gemacht. Als Fallschirmjäger wurde er während des Zweiten Weltkriegs an der Ostfront eingesetzt. Nach dem Krieg war er zuerst in russischer, dann in US-amerikanischer und britischer Gefangenschaft. Aus dieser Zeit stammt auch sein Spitzname „Blacky“.
1954 begann er seine Filmkarriere als Hauptdarsteller in dem Dreiteiler „08/15“. In den 60er Jahren wurde er als Inspektor in mehreren Edgar-Wallace-Filmen zum allseits bekannten Kinostar. Später moderierte er mehrere Fernsehshows („Auf Los geht’s los“ und „Heut’ abend“). Daneben verfasste er auch Schlagertexte. Seit 1954 ist er mit Gundula Fuchsberger verheiratet.
Ihr gemeinsamer Sohn Thomas starb im vergangenen Jahr mit 53 Jahren. Fuchsberger lebt teilweise in Deutschland und teilweise in Australien, er besitzt auch die Staatsangehörigkeit beider Länder. „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ heißt sein neuestes Buch. Es ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen, 224 Seiten, 19,99 Euro. Darin erzählt er Episoden aus seinem Leben, macht seiner Kritik an der heutigen Zeit Luft, blickt aber auch mit Humor auf eigene Fehler zurück. FR
Sie machen das in Ihrem Buch, indem Sie eine humorvolle Lebensbilanz ziehen, die Bilanz eines Mannes, der entspannt mit dem Alter umgeht.
Das Alter ist eine Verlust- und Gewinnrechnung. Man verliert permanent alles Mögliche. Die physische Kraft, das Gehör, den Appetit. Aber man gewinnt an Erfahrung und Respekt.
Es gibt noch ein anderes Thema, das Sie seit der Veröffentlichung Ihres Buches begleitet: der Tod Ihres Sohnes Thomas im letzten Herbst. Trotz dieses Schicksalsschlages haben Sie an dem Buch nichts mehr geändert.
Über den Tod meines Sohnes rede ich nicht mehr. Nur darüber, dass ich jenes Buch vollende, das Thomas begonnen hatte und mit dem er Millionen Diabeteskranken Mut machen wollte. Kurz vor seinem Tod überspielte er mir zweieinhalbtausend Fotos und Texte von seinen Reisen in alle Welt. Er wollte beweisen, dass Diabetiker zu allem in der Lage sind – wenn sie nur auf ihren Körper achten. Darüber rede ich gerne. Aber nicht über die Befindlichkeit meiner Frau und mir. Wir versuchen mit unserem Schicksal fertig zu werden. Was mein Buch angeht: Es war zu diesem Zeitpunkt schon fertig. Ich wollte es nicht ändern, es sollte kein Buch über meinen Sohn werden. Allerdings ist ein Teil der Botschaft in diesem Buch auch mit ihm verbunden.
Welcher?
Meine Frau und ich haben stets die Verbindung zu unserem Sohn gehalten. Wir hatten Teil an seinem Leben, seiner Musik, seinen Freundschaften. Es waren immer viele junge Menschen in unserem Haus. Und die kommen jetzt und helfen uns über den schweren Verlust hinweg. So sollte Gesellschaft sein: Die Alten gemeinsam mit den Jungen. Wir profitieren von ihrer Dynamik und sie von unserer Erfahrung.
Was kann die junge Generation von Ihrer Erfahrung lernen?
Wir können eine Art GPS sein, ein Navi, das sagt: Wenn möglich, bitte wenden. Oder nächste Straße links, oder nächste Straße rechts.
Was heißt das konkret?
Zum Beispiel, dass sich die Jugend nicht von Organisationen blenden lassen soll, die versprechen, sich um alles zu kümmern. Die machen gar nichts. Oder, dass sich die jungen Menschen heute häufig große Sorgen um ihre Versorgung im Alter machen und sich ihren Beruf danach aussuchen. Du kannst aber nur Erfolg haben mit einem Beruf, an dem du Freude hast. Und wenn dann jemand sagt: „Was machst denn Du für einen Mist?“ Dann soll der junge Mensch sagen: „Aber er macht mir Freude, dieser Mist!“
Und was können die Alten von den Jungen lernen?
Diesen Blick nach vorne. Das reißt dich aus deinem Trott raus. Außerdem hat jede Jugend eine eigene Sicht der Welt. Wenn man dafür offen ist, ermöglicht das einem ganz neue Erkenntnisse.
Ist ihre Generation deshalb so gut als Navi geeignet, weil sie dem Krieg eine existenzielle Erfahrung gemacht hat?
Wir hätten morgen schon tot sein können. Also machten wir, was wir wollten. Zugegebenermaßen hat uns auch niemand gefragt, welche Prüfung wir bestanden hatten. Jeder wusste, dass wir nichts gelernt hatten. Nichts außer töten. Wir haben eine Erziehung genossen, mit der nichts anzufangen war. Wir sind von den nationalsozialistischen Organisationen gepresst worden. Unsere Eltern hatten meist nichts mehr zu bestimmen. Und dann kam der Krieg, und wir sind rausgezogen und haben unser Land verteidigt, im Glauben, die ganze Welt ist böse, nur wir sind die Guten.
Und diese Generation soll der Jugend als Navi dienen?
Ja! Gerade weil wir diese Erfahrungen gemacht haben, sind wir in der Lage einem jungen Menschen in einer brenzligen Situation zu sagen: Tu das nicht! Lass Dich nicht verführen!
Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Als ständige Vergewaltigung. Mein oberstes Prinzip war immer Unabhängigkeit. Die wurde durch die NS-Organisationen gestört. Im Jungvolk gab es zum Beispiel einen Klassenkameraden, einen miesen Kerl. Aber er hatte einen höheren Rang und befahl mir, mich in den Dreck zu werfen. Das löste in mir einen heiligen Zorn aus. Ich sagte: „Ich mag diesen Scheißverein nicht!“ Eine gefährliche Äußerung! Kurz darauf kamen Polizisten zu uns nach Hause und vernahmen meine Eltern.
Günter Grass ist ein halbes Jahr jünger als Sie. Was empfanden Sie, als Sie hörten, dass er in der SS war und dies 60 Jahre lang verschwiegen hatte?
Dass ich mit Urteilen sehr vorsichtig sein muss. Ich weiß noch zu genau, wie entscheidend es war, in welchem Umfeld man aufwuchs, ob man sich zu Hause wohlfühlte. Mein Vater war ein höchstbezahlter Angestellter bei einer US-Firma. Da war also eine gewisse Diskrepanz zwischen der Welt der Familie und der Welt da draußen. Herr Grass kam vielleicht nie auf die Idee, sich zu verweigern.
Zwischen Verweigerung und Waffen-SS liegt eine Bandbreite an Möglichkeiten.
Nicht immer. Auch ich sollte in die Waffen-SS übernommen werden und lehnte das aus den ebengenannten Gründen ab. Aber das war riskant. Da wurde man ganz schnell als Drückeberger eingestuft. Deshalb meldete ich mich freiwillig zu den Fallschirmjägern. Was mir Respekt einbrachte, weil es noch gefährlicher war.
Sie haben Ihr Leben riskiert, um nicht zur Waffen-SS zu müssen.
Dafür landete ich in russischer Gefangenschaft. Die haben mich mit 70 Mann in einen Keller gesteckt. Nur stehen konnten wir. Wer umfiel, war tot. Wer nicht umfiel, wusste, dass er morgen früh tot sein würde. Ich habe überlebt, weil die Amerikaner Spezialeinheiten brauchten – Fallschirmjäger. So wurde ich Teil eines Gefangenenaustausches. Ich hatte unheimlich viel Glück im Leben.
Sind Sie gläubig?
Ich glaube an vieles – aber nicht an Gott.
An ein Leben nach dem Tod?
Nein. Fertig aus. Sicher teilt sich der Überrest des Menschen der Erde mit. Und daraus entsteht etwas Neues. Aber ich lehne es völlig ab, als Kakerlake wiedergeboren zu werden, damit Rainer Langhans mich im Dschungelcamp auffrisst.
Woran glauben Sie?
Ich glaube an eine Kraft, an die Liebe, an die absolute Notwendigkeit der zehn Gebote. Das hat aber mit Religion nichts zu tun. Ich bin Agnostiker, kein Atheist.
Wann haben Sie Ihren Glauben an Gott verloren?
Als ich siebzehn Jahre alt war und nach einem Bombenangriff Hunderte von Müttern mit toten Kindern im Arm aus einem Luftschutzbunker ausgraben musste. Und später, als Soldat im Osten, als ich erlebte, wie Soldaten beider Seiten gesegnet wurden. Da dachte ich: Was ist das für ein Gott, der es seinem Bodenpersonal erlaubt sich zu segnen, damit es sich umbringt?
Woher kriegen Sie Ihren Trost?
In vielen Bereichen kriegt man keinen. In vielen Bereichen brauche ich keinen. Weil ich das größte Glück dieser Erde habe, einen Menschen, mit dem ich seit über einem halben Jahrhundert zusammenlebe, dem ich sagen kann: Mir geht es schlecht. Gib mir deine Hand. Wobei meine Frau und ich heute vor dem Problem stehen, was wird, wenn einer von uns stirbt. Ich hoffe natürlich, dass ich zuerst abhaue. Meine Frau ist sehr viel stärker als ich.
Reden Sie darüber, wer als erstes geht – und was dann wird?
Ich würde gerne. Meine Frau verdrängt es. Aber ich bin Schwabe, ein absoluter Realist. Ich habe drei Herzoperationen hinter mir, zwei Herzschrittmacher und fünf Stents. Mein Arzt hat schon zu mir gesagt: Du musst aufpassen, ich habe keine Ersatzteile mehr. Meine Existenz hängt von einer kleinen Batterie ab und einem Draht, der von einer Seite der Brust bis zur anderen geht. Den kann jeder fühlen und wenn der aufhört, höre ich auf.
Und wenn ihre Frau doch als Erstes geht?
Für diesen Fall habe ich einen absolut festen Plan. Der geht aber nur uns beide was an.
Haben Sie Angst vor Ihrem Tod?
Überhaupt nicht. Ich bin ihm zu oft begegnet. Ich habe nur Angst davor, dass mein Kopf aufhört zu arbeiten und es ist nicht Schluss. Dass ich abhängig bin, nicht sagen kann: Nein, ich will es nicht.
Manche Menschen wollen Spuren hinterlassen.
Ich hinterlasse ja genug Spuren. Hundert Spielfilme, zweitausend Fernsehaufzeichnungen. Aber ob ich ein großer Künstler war, ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal.
Sind Sie nicht stolz auf Ihre Filme und Shows?
Das Einzige, auf das ich stolz bin, ist unsere Ehe. Auf meine Formel der vier großen V, auf denen unser Leben beruht: Verstehen, vertrauen, verzeihen, verzichten. Als wir 1954 heirateten, brach eine Hochzeitsepidemie aus. Alles um uns herum heiratete – heute sind alle außer uns geschieden.
Wie haben Sie das geschafft?
Aus meiner ersten Ehe wusste ich, dass wir alle keine Engel sind. Gelegenheit macht Liebe. Deshalb nahm ich der Gelegenheit jegliche Chance, indem ich meine Frau überall hin mitnahm. Ich habe Verträge nur dann abgeschlossen, wenn die Produktionsfirma gesagt hat: „Natürlich können Sie Ihre Familie mitnehmen.“
Man kann auch der Versuchung nachgeben und dann schweigen.
Man kann sich auch arrangieren. Es gibt wunderbare Partnerschaften, in denen sich beide nicht groß über einen Seitensprung aufregen. Es ist eine Form von freierem Zusammenleben und ich respektiere alle, die so leben können. Wir könnten es nicht.
Würden Sie es gerne können?
Nein. Mir fehlt ja nichts.
Wie hält man diese Nähe aus?
Die Frage müsste bei uns anders gestellt werden. Ich werde unruhig, wenn ich meine Frau länger als eine Stunde nicht sehe. Wir halten uns beim Einschlafen auch immer an der Hand. Allerdings leide ich unter seniler Bettflucht. Nach zehn Minuten schleiche ich also raus und gehe in mein eigenes Zimmer und sehe fern. Nach drei oder vier Stunden lege ich mich dann wieder neben sie.
Gibt es noch andere Freuden im Alter, außer einer funktionierenden Ehe?
Ungeheuer viele! Ein Sonnenaufgang, ein gutes Gespräch, den Wechsel der Jahreszeiten. Morgens aufzuwachen und noch zu leben. Ein Jazzkonzert. Brubeck spielt Bernstein – da flippe ich aus, da springe ich an die Decke vor Begeisterung.
Was ist das Schwerste am Alter?
Treppensteigen.
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