Es ist eine Begegnung mit Seltenheitswert: Im Hotel Due Torri Baglioni in Verona finden sich eine der First Ladies der Schauspielkunst und eine Ikone des Italo-Westerns zum gemeinsamen Interview ein. Der rare Anlass: Vanessa Redgrave und Franco Nero bewerben einen Film, für den sie zusammen vor der Kamera standen, die romantische Komödie „Briefe an Julia“ – solche Projekte gab es nicht oft während ihrer Karriere. Aber der eigentliche Reiz des Doppelgesprächs liegt in der Tatsache, dass die beiden so unterschiedlichen Filmstars seit 33 Jahren ein Paar sind – mit Unterbrechungen. So wird das Interview zu einer Momentaufnahme aus einem wechselvollen Eheleben.
Ms. Redgrave, Mr. Nero, Sie sind mit einigen Unterbrechungen seit mehr als 30 Jahren ein Paar, was in Schauspielerkreisen eher ungewöhnlich ist.
Vanessa Redgrave: Nun, was soll ich sagen...
Im Deutschen sagt man: Gegensätze ziehen sich an. Ihr Mann verkörpert in der Öffentlichkeit den Typus des kernigen Naturburschen und wurde mit Rächer-Rollen berühmt; Sie entstammen einer englischen Schauspielerdynastie, sind Shakespeare-Mimin und galten in den späten 60ern als Darling des linken Kunstfilm-Publikums. Erinnern Sie sich nach all den Jahren an Ihre erste Begegnung zu jener Zeit – und was Sie füreinander empfanden?
Franco Nero: Ich weiß es ganz genau. Körperliche Dinge spielten keine Rolle. Als wir uns kennen lernten und einander näher kamen, da war ich ein sehr bescheidener Mensch, ein Bauer.
Redgrave: Er war sehr „naturale“ – einfach, normal, direkt.
Nero: Ich stand mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen.
Redgrave: Aber du hattest auch Träume.
Nero: Ja, auch Träume. Aber ich musste auch Vanessa auf den Boden der Tatsachen holen. Ich werde nie vergessen, was sie eines Tages am Anfang unserer Beziehung sagte: „Ich will keine Schauspielerin mehr sein, sondern viele Kinder zur Welt bringen. Irgendwie werden wir das gemeinsam schaffen.“ Aber ich entgegnete: „Das ist nicht dein Leben.“ Ich wusste das. Sie hat ein unglaubliches Talent. Und es wäre eine Verschwendung gewesen, wenn sie nicht mehr gespielt hätte.
Redgrave: Ach, du bist ein Darling.
Sie sprachen nicht immer so zärtlich miteinander. Denn nach der Geburt Ihres Sohnes Carlos 1969 trennten Sie sich wieder.
Redgrave: Ja, da flogen schon die Fetzen. Was haben wir uns für wütende Briefe geschrieben! „Lebewohl – ich gehe jetzt!“ Aber in gewissem Sinne waren wir immer zusammen, es gab einfach Phasen, da lebten wir voneinander getrennt.
Nero: Es war einfach ein ständiges Hin und Her.
Redgrave: Eine tief empfundene Liebe füreinander haben wir immer gehabt, auch wenn jeder seiner Wege ging.
Warum gehen Sie seit ein paar Jahren wieder einen gemeinsamen Weg?
Nero: Je älter du wirst, desto weiser wirst du auch. Das ist die ganz einfache Erklärung. Und wir waren imstande, einander zu verzeihen. So haben wir jetzt alles zusammen – eine große Liebe, Wertschätzung und Freundschaft.
Redgrave: Erst wenn du eine Liebe nicht mehr hast, dann erkennst du ihre ganzen Geheimnisse, Tiefe und Bedeutung. Als junger Mensch fragst du dich dagegen: Habe ich das Richtige getan?
Nero: Und genau deshalb kannst du eine Liebe auch im Alter neu entdecken. Das ist ja auch ein Thema des Films „Briefe an Julia“.
Der Film hat ja auch deutliche Parallelen zu Ihrer Beziehung. Schließlich kehrt da eine Engländerin nach Jahrzehnten nach Italien zurück, um ihre Jugendliebe wieder zu finden.
Nero: Wir befinden uns da ja in guter Gesellschaft – Robin Hood und Marian, Odysseus und Penelope, Don Quichote und Dulcinea – sie alle finden im Alter wieder zueinander.
Vanessa Redgrave, 1937 in London geboren, gilt als „größte Schauspielerin unserer Zeit“ - das schrieb Arthur Miller einmal über sie. Bekannt wurde sie 1961 als Mitglied der Royal Shakespeare Company, bevor sie auch die Filmwelt eroberte. Sie spielte unter anderem „Blow up“, „Julia“ (Oscar als beste Nebendarstellerin), „Mission Impossible“ und „Abbitte“. Bei den Dreharbeiten zum Musical „Camelot“ lernte sie 1967 Franco Nero kennen – da war sie noch mit dem britischen Regisseur Tony Richardson verheiratet.
Franco Nero, 1941 in der italienischen Provinz Modena geboren, feierte 1966 mit seiner ersten Hauptrolle im Italo-Western „Django“ seinen größten Erfolg. Er drehte weitere Italo-Western, trat aber auch in US-Produktionen auf, darunter John Hustons „Die Bibel“ und „Stirb langsam 2“.
In der neuen Romantik-Komödie „Briefe an Julia“ spielen beide mit, der Film läuft ab Donnerstag in den Kinos. Der Kritiker der Time fand besonders Redgraves Spiel „würdevoll und bewegend“.
Sie selbst haben vor vier Jahren ein zweites Mal geheiratet, ganz offiziell. Welchen Unterschied macht das für Sie?
Redgrave: Sag du’s, Franco.
Nero: Nein, du.
Redgrave: Du sagst es...
Nero: Es ist ein...
Redgrave:.. ein wirkliches Fest.
Nero: Wobei wir in gewissem Sinne schon immer verheiratet waren.
Wie meinen Sie das?
Nero: Unsere Ehe begann an dem Tag, an dem wir uns kennen lernten. Und wir hatten eine sehr originelle Hochzeit in Odiham bei London, in einem Haus von Vanessas Mutter. Ich kann mich noch genau erinnern – es war an einem regnerischen Tag Ende 1967.
Wozu dann die neuerliche Zeremonie?
Nero: Weil sie den Ring verlor, den ich ihr damals gegeben hatte. Ich musste ihr also einen neuen geben. Ich dagegen habe meinen von 1967 noch! Und so sagte ich zu ihr: Wenn du ihn nicht mehr hast, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als das noch mal zu machen. Wobei es in gewissem Sinne jetzt viel schöner war, denn wir hatten unsere ganze Familie dabei – vier Generationen.
Wobei die Familie harte Schicksalsschläge erlitten hat – Frau Redgrave, Sie verloren Ihren Bruder Corin, Ihre Schwester Lynn und Ihre Tochter Natasha Richardson.
Redgrave: Da gilt das Gleiche wie für die Liebe – wenn du jemanden verlierst, dann begreifst du erst, welches Geschenk dieser Mensch war. Du darfst niemanden für selbstverständlich erachten – deine Familie ist wie eine ganze Welt. Das ist das Einzige, was ich dazu sagen möchte.
Wie stark fühlen Sie sich Ihrer Großfamilie denn noch verbunden? Vermutlich sind ja alle über die ganze Welt verstreut.
Nero: Ich habe ein Anwesen in Velletri außerhalb von Rom, wo fast die ganze Familie für einen Monat zusammen kommt. Ich hatte es ursprünglich für meinen Vater gekauft – der aus einer sehr, sehr armen Familie stammte. Und er sagte einmal zu mir: „Alles, was ich in meinem Leben besitzen möchte, wäre ein Stück Land.“ Sobald ich etwas Geld als Schauspieler verdient hatte, schenkte ich ihm dieses Grundstück. Nach seinem Tod überlegte ich, es wieder zu verkaufen. Aber Vanessa sagte, wenn du das tust, dann werde ich dich verlassen und nie wieder mit dir sprechen. Es ist ihr absoluter Lieblingsort in Italien. Wir haben da Weinberge, Olivenbäume, einen ganzen Gemüsegarten – nicht zu vergessen Hühner, Kaninchen, Hunde, Katzen.
Redgrave: Du hast den Esel vergessen.
Nero: Das ist ein Pferd, ein kleines sizilianisches Pferd.
Redgrave: Okay, dann ist es ein Pferd.
Nero: Wir machen da auch viel Sport. Zum Beispiel Fußball, denn ich bin ja noch sehr jung, und unser Team besteht aus...
Redgrave: Und unser Sohn spielt Tennis, genauso wie unser Enkel und die Großneffen.
Nero: Aber hier gehts um Fußball! Und zu unserem Team gehören Großvater, Sohn und Enkel. So was gibt’s nicht so häufig. Und wir spielen gegen die Leute aus dem Dorf.
Redgrave: Wollen Sie vielleicht auch eine Chance, es gegen unser Team zu versuchen?
Besten Dank, ein verlockendes Angebot. Aber noch mal zum gemeinsamen Film. Sie beide bilden ja gelegentlich ein Team vor der Kamera. War „Briefe an Julia“ ein für Sie maßgeschneidertes Projekt?
Nero: Zuerst wollten die Produzenten nur Vanessa haben. Aber dann brachte sie meinen Namen ins Gespräch und sie meinte zu mir, das sei eine tolle Geschichte, und ich sei dafür perfekt geeignet. Also schickte man mir das Drehbuch zum Lesen.
Redgrave: Und er sagte „ja“.
Nero: Ich sagte hauptsächlich wegen Vanessa „ja“. Nur weil sie in dem Film ist.
Dafür wecken Sie ja alte Django-Erinnerungen, wenn Sie in Ihrer ersten Szene majestätisch angeritten kommen.
Nero: Mit Django hatte das nichts zu tun. In der Skriptfassung, die ich las, sollte ich auf einem Traktor daherfahren. Und ich sagte, dass ich mein ganzes Leben lang geritten bin. Das wussten die nicht. Ich wünschte, wir hätten noch mehr Reitszenen gehabt. Ich sagte, ich könnte die ganze Strecke bis zum Ende des Bildmotivs zurücklegen...
Redgrave: Ja, ja, dann hätte sich der ganze Film um dich und das Reiten gedreht...
Nero: Aber ich bin nun mal ein guter Reiter. Vielleicht mache ich dieses Jahr auch wieder einen Western: „The Angel, the Brute and the Wise“.
Redgrave: Den Titel müsst ihr ändern.
Nero: Nein, das ist eine Hommage an Leone. Regie führt Enzo Castellari, mit dem ich viele Filme gedreht habe. Momentan ist er in aller Munde, weil seine Originalfassung von „Inglorious Basterds“ von Quentin Tarantino entdeckt und neu verfilmt wurde. Tarantino ist auch dabei. Er, Robert Rodriguez und Eli Roth sollen die drei Banditen spielen. Viele andere renommierte Leute wollen mitmachen, Keith Carradine, F. Murray Abraham, John Savage ...
Redgrave: Stop, stop, stop. Ich darf ja nicht dabei sein.
Nero: Weil es keine Rolle für dich gibt!
Gibt es eigentlich Abende, an denen Sie beide gemütlich vor dem Fernseher sitzen und Filme ansehen?
Redgrave: Doch, dann wenn wir die DVDs mit den Filmen für die Oscarnominierungen bekomme. Aber ich sehe die viel lieber im Kino.
Nero: Das Kino ist ein regelrechter Ritus, du wählst einen Film bewusst aus und dann sitzt du konzentriert im Dunkeln. Zuhause dagegen, da klingelt das Telefon, der eine möchte auf den Pausenknopf drücken, die Gläser klirren, und du furzt, während du gerade was isst.
Redgrave: Sich einen Film im Fernseher anzuschauen, ist ein kulturelles Verbrechen.
Welchen Film haben Sie zuletzt gemeinsam im Kino gesehen?
Nero: Das war doch in England, dieser amerikanische Film – du mochtest ihn sehr.
Redgrave: Das war „Der Unbeugsame“ mit Paul Newman, aber das war auf DVD. Und die Frage bezog sich aufs Kino.
Nero: Lass mich nachdenken.
Redgrave: Ja, es war einmal. Wahrscheinlich war es irgendeine Premiere.
Sehen Sie sich eigentlich häufig?
Nero: Sehr häufig.
Redgrave: Haben Sie denn gar keine Frage zum Film mehr?
Mal überlegen ... der Film handelt ja von verzweifelten Liebenden, die ihre Briefe an die legendäre Julia schreiben. Würden Sie einen solchen Brief verfassen?
Redgrave: Nein, warum sollte ich das? Ich schreibe lieber an ein Mitglied meiner Familie. Da sollte meine ganze Liebe hingehen.
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