Ich seh es tagtäglich, wenn ich die Tiere morgens füttere. Und jeden Morgen denk ich dran, es wär’ besser, wenn es nicht da stehen würde.“ Bauer Hermann Lenting sagt dies mit der Entschiedenheit eines Menschen, der eine ganz klare Position hat. Zumindest was das Brennelemente-Zwischenlager angeht. Bayerische Fleckviehbullen, etwa 200 Stück, stehen in seinen Ställen, zwingen ihn durch lautes Muhen das Gespräch immer wieder zu unterbrechen. Der Gemüsegarten seiner Frau Renate schmiegt sich hinter dem Bauernhof gut geschützt mit Blick ins Grüne an eine üppig blühende Hecke lilafarbener Alpenrosen. Erst hinter dem Hof, dort wo der neue Stall gerade gebaut wird, sieht man vom Misthaufen aus das Atommülllager.
Es liegt knapp zwei Kilometer vom Stadtkern in Ahaus entfernt und wirkt von außen eher unscheinbar. Wer dort hinaus fährt, erblickt lediglich hinter einem großen Tor ein paar friedlich grasende Pferde und Wisente, dahinter das Dach der Lagerhalle. „Diese Tiere sind die einzige Legitimation, einen Elektrozaun um die Anlage zu bauen“, behauptet Felix Ruwe, Sprecher der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“. Denn „Elektrozäune darf man ja nicht gegen Menschen bauen. Das ist ein guter Trick, kann man nicht anders sagen“.
Gut getarnt und gut geschützt hat es sich also, dieses Brennelemente-Zwischenlager. Nichts deutet von außen auf die Gefährlichkeit der Fracht hin, die dort aufbewahrt wird. Doch die Atomkraftgegner haben das Lager nun in ihren Fokus gerückt. Schon bald, so planen sie, soll Ahaus zu einem „Hotspot des Atomwiderstands“ werden. Über 300 Castor-Behälter mit Atomabfällen lagern hier schon. „Diese Zahl soll sich demnächst verdoppeln“, sagt Felix Ruwe von der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“. Aus dem Kernforschungszentrum Jülich und aus der Wiederaufbereitungsanlage LaHague in Frankreich würden weitere Fässer herangekarrt.
Castoren sollen durch ganz Nordrhein-Westfalen rollen
Damit würde der kleine münsterländische Ort mit seinen etwa 40.000 Einwohnern zu einer der größten Atommülldeponien Deutschlands. „Mindestens 25 hochgefährliche Atommüllkonvois mit jeweils sechs Castoren sollen mitten durch Köln, Duisburg, Oberhausen und das Münsterland rollen“, warnen Atomkraftgegner auf Flugblättern und in Broschüren.
Dagegen wird die Anti-Atomkraft-Bewegung aufbegehren. Soviel ist sicher. Vor allem seit jetzt auch noch bekannt wurde, dass die Bundesregierung plant, Atommüll aus Ahaus in den Südural zu transportieren. 18 Castoren, in denen Müll aus der DDR-Kernforschungsanlage Rossendorf liegt, sollen ins russische Majak gehen. Ein entsprechendes deutsch-russisches Abkommen sei unterschriftsreif verhandelt, hieß es am Dienstag. „Jetzt ist die Katze aus dem Sack“, empört sich die Bürgerinitiative, die den Transport ablehnt, auch wenn Atommüll aus ihrer Stadt weggebracht werden soll. Darüber können sich die Leute von der BI aber nicht freuen, denn es gebe „ein erhebliches Transportrisiko“ und die Menschen im ohnehin schon stark verstrahlten Majak würden zusätzlich belastet.
Noch merkt man in Ahaus wenig von Aufregung oder Widerstand, aber das wird sich ändern. Lentings Schwiegertochter unterbricht kurz das Ausmisten des Kuhstalls. Ob sie sich durch das Zwischenlager bedroht fühlt? „In gewisser Weise schon. Diese Ungewissheit, ob wirklich alles ungefährlich ist oder doch gefährlich ist, das ist immer da. Ansonsten gewöhnt man sich dran.“ Dass ihr Schwiegervater all die Jahre gegen das Zwischenlager geklagt hat, findet sie gut. „Die Familie hat ihn immer unterstützt. Sonst hätte er das gar nicht durchziehen können.“ Er musste ja auch etliche Tage im Jahr weg sein können. Hier ein Prozess, da ein Prozess in Berlin, in Münster.
Bauer Lenting zündet sich einen Zigarillo an, zieht kräftig und fügt bedächtig hinzu: „Man hatte ja immer Hoffnung.“ Lentings Frau Renate erinnert sich gut daran, was sie empfand, als sie den letzten ablehnenden Bescheid des Gerichts erhielten: „Im ersten Moment war’s wohl Schock. Dass wir solange gekämpft und doch vergebens die ganze Zeit geopfert haben.“
Alle Klagen blieben sinnlos
Alles begann vor etwa 30 Jahren, als in Ahaus eine Flurbereinigung anstand, jedes Stück Land nummeriert wurde. „Da tauchte ’ne Nummer auf, die wir nicht einordnen konnten“, erinnert sich ihr Mann. Damals kursierten Gerüchte, dass in Ahaus Atommüll gelagert werden sollte. Per Zufall kam heraus, dass dieses große Feld mit der nicht einzuordnenden Nummerierung genau vor Lentings Hof als Standort für das Lager ausgewählt worden war. „Da haben wir hier mit mehreren Landwirten zusammengesessen und uns gefragt: ja, wat machen, wat machen? Können wir dann überhaupt noch weiter produzieren? Wird demnächst hier alles verstrahlt?“ Bei der Erinnerung daran schüttelt Lenting noch immer fassungslos seinen Kopf.
Der Bauer klagte mit Unterstützung der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“ gegen die Genehmigung des geplanten Brennelemente-Zwischenlagers. Vor allem aus Angst, dass aus diesem Zwischenlager ein Endlager werden könnte. Heute weiß er nicht mehr, wieviele Prozesse er geführt hat.
Das Transportbehälterlager Ahaus (TBL Ahaus) ist ein Zwischenlager für abgebrannte atomare Brennelemente. Es liegt im westlichen Münsterland.
Die Lagerhalle ist 196 Meter lang, 38 Meter breit und 20 Meter hoch. Die Transportbehälter werden stehend aufbewahrt.
Laut Genehmigung dürfen in Ahaus maximal 3960 Tonnen Kernbrennstoff in Form bestrahlter Brennelemente aus Leichtwasserreaktoren in Castorbehältern auf 370 Stellplätzen eingelagert werden. Das Zwischenlager ist damit größer als das in Gorleben, wo 3800 Tonnen eingelagert werden dürfen. In Ahaus werden auch Brennelemente aus Forschungsreaktoren sowie Betriebs- und Stilllegungsabfälle aus deutschen Atomkraftwerken aufbewahrt.
Warum er sie führte, weiß er allerdings nur zu genau: „Damit meine Kinder uns später nicht vorwerfen können, ihr hättet das verhindern können und habt nichts dagegen gemacht.“ Drei Jahre Baustopp erreichte er mithilfe der Gerichte. „Aber dat is das einzige, wat wir mal gewonnen haben“, erklärt er in seinem breiten münsterländischen Dialekt. „Das andere ging ja alles inne Hose. Und dat war die größte Enttäuschung in meinem Leben.“
Aus seinen Prozessen hat Hermann Lenting eine Lehre gezogen: „Ja, wat hat dat bewirkt? Dat man mit Geld alles bezahlen kann. Würd’ ich sagen. Da glaub ich fest dran.“ Felix Ruwe, 59 Jahre alt, Lehrer am Berufskolleg für Technik und seit vielen Jahren Sprecher der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“ sieht das ebenso. „Geld regiert die Welt.“ Geld, das nach Ahaus floss, damals und auch heute noch, um der Stadt den Standort dieses Brennelemente-Zwischenlagers zu versüßen. Der damalige Stadtdirektor Heinz-Robert Jünnemann (CDU) ist noch heute stolz darauf, dass er Ahaus zu dieser lukrativen Einnahmequelle verhalf.
Anfang der 80er, lag Ahaus wirtschaftlich am Boden, „die gesamte Textilindustrie war hier verschwunden“, erinnert er sich, von der Ahaus zu 80 Prozent abhängig war. „Wir mussten uns völlig umstrukturieren. Damals galt die Kerntechnik als eine der großen Zukunftstechnologien“, sagt Jünnemann. „Und wir haben sieben Jahre lang insgesamt sieben Millionen Mark Strukturhilfe bekommen“. Von der Betreibergesellschaft des Zwischenlagers fließt bis heute jährlich eine Million Euro Infrastrukturmittel in den städtischen Haushalt. „Zusätzlich zu den Gewerbesteuereinnahmen“, erklärt Jünnemanns Nachfolger, der jetzige CDU-Bürgermeister Felix Büther. „Es hat sich für Ahaus gelohnt“, versichert Jünnemann, der wegen des Zwischenlagers „noch keine einzige schlaflose Nacht“ verbracht hat.
Nur 1998, als 20 000 Polizisten nach Ahaus abkommandiert waren, um die über Bahngleise angefahrenen Castoren vor aufgebrachten Demonstranten zu sichern, da „waren hier einen Tag lang bürgerkriegsähnliche Zustände. Da hab ich sofort gesagt, sowas kann die Stadt nicht mehrfach ertragen“. Eine Woche nach diesem Frühjahrstag bekam Jünnemann einen Herzinfarkt und gab sein Amt nach 25 Jahren auf. „Die Bürgerinitiative hat immer verbreitet, sobald der pensioniert ist, wird er Ahaus verlassen. Noch heute sprechen Jünnemann Leute auf der Straße an: „Ach, wohnen Sie noch immer hier?“ Dann antwortet er gelassen: „Sie brauchen sich keine Sorge zu haben, ich bleibe, habe sogar schon eine Grabstelle auf dem hiesigen Friedhof.“
Nicht ganz so gelassen sieht dies alles Manfred Lück, lange schon Mitglied der örtlichen Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“ und seit 20 Jahren im Stadtrat für die Unabhängige Wählergemeinschaft. „Mich erregt das stark, wenn ich sehe, dass man von den Bauern verlangt, ihre Gülle ordentlich zu entsorgen. Aber nicht die Frage beantworten kann, wo kommt der Atommüll hin.“ Andere, die 1998 noch vehement gegen das Zwischenlager gekämpft haben, sind inzwischen zur Tagesordnung übergegangen. So wie Maria Engels, Mutter von zwei Söhnen, von Beruf Eventmanagerin, die noch vor 22 Jahren die Flyer und Aufkleber der Atomkraftgegner gestaltete. Ein bisschen Resignation sei im Spiel, meint sie, ein bisschen Faulheit oder Fatalismus.
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