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02. Juli 2009

10 Fragen an James Hetfield: "Politik bringt Leute auseinander"

James Hetfield findet Phil Collins schlimm. Foto: Getty

Der Sänger und Gitarrist von Metallica erklärt, warum er und seine Bandkollegen ihre Meinung lieber für sich behalten.

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Zur Person

James Hetfield, 45, ist Sänger und Songwriter von Metallica, mit 100 Millionen verkaufter Alben eine der erfolgreichsten Rockbands der Welt. Ihre neue CD "Death Magnetic" führte in 25 Ländern die Charts an. Hetfield stand jüngst in Frankfurt einer kleinen Runde Journalisten Rede und Antwort.

Am Samstag sind Metallica Headliner des Festivals "Sonisphere", das von heute bis Sonntag am Hockenheimring läuft. Zudem spielen dort am Samstag u.a. die Toten Hosen, Prodigy, In Extremo, Down, Anthrax, Lamb Of God. Weitere Informationen: www.sonispherefestivals.com.

Mr. Hetfield, Metallica klingt ja vor allem nach Wut und Aggression. Dafür haben Sie als wohlhabende Familienväter mittleren Alters ja kaum noch Grund. Wie bringen Sie sich heute in Stimmung für Ihre Musik?

Sie haben Recht: Selbst ich - als der Welt wütendster Teenager mittleren Alters - lächle heute auf der Bühne die ganze Zeit. Aber was bleibt, ist die Musik selbst. Sie ist jetzt unsere Triebkraft. Live passiert etwas Körperliches, ein Austausch der Leidenschaft mit den Fans - das lässt uns abheben. Es ist wie bei einem Olympia-Läufer: Er hat diese Kraft in sich, aber in der Sekunde, wenn er den Rekord bricht, weiß er gar nicht genau, wie er sie aus sich herausholt.

Aber fürs Song-Schreiben müssen Sie sich doch irgendwie in den Wut-Modus versetzen.

Nein, es ist andersherum. Irgendwas wird mich immer wütend machen. So bin ich halt, seit meiner Kindheit. Ich verfalle noch immer in diese Launen, in denen ich will, dass alle Welt verschwindet. Aber heute bin ich in der Lage, das sinnvoll zu nutzen: "Okay! Jetzt muss ich mich hinsetzen und Songs schreiben!" Das klingt vielleicht mysteriös, ist aber das Gleiche, als wenn andere darüber schreiben, wie glücklich sie gerade sind.

Nach Ihren Live-Shows sind die Fans heiser und körperlich erschöpft. Wie halten Sie das monatelang Abend für Abend aus?

Jeder von uns hat sein kleines Ritual, ehe er auf die Bühne geht. Unser Gitarrist Kirk macht Yoga, Lars joggt an der frischen Luft, Rob spielt sich Backstage am Bass warm . Ich habe ein Stimmtrainer-Programm auf meinem iPod, mit dem ich mich einsinge. Eine halbe Stunde, ehe wir rausgehen, jammen wir eine Weile - dann geht's raus, Licht an, wir legen los. Dann trägt uns die Kraft der Musik.

Diese Kraft haben auch andere erkannt: Zeugen zufolge wurde Metallica im US-Knast Guantánamo eingesetzt, um Verdächtige zu zermürben. Waren Sie geschockt, das zu hören?

Wieso geschockt? Es ist ja keiner ernsthaft zu Schaden gekommen. Meine Frau hört manchmal auch Phil Collins im Autoradio - ich wurde gefoltert! (lacht)

Ist Ihnen nicht unwohl, weil Ihre Musik so missbraucht wird?

Wir machen uns darüber keine Gedanken, es ist nichts, was wir stoppen können. Ich bin sogar ein bisschen stolz, dass sie Metallica dafür ausgewählt haben. Das heißt ja, es ist Musik, die Power hat, machtvoll ist. Wir repräsentieren etwas, dass "die" nicht mögen. Freiheit. Auflehnung. Meinungsfreiheit.

Amnesty International hat diese Dauerbeschallung als eine Art der Folter kritisiert.

Was mich viel mehr ärgert, ist dass wir dadurch in einen politischen Zusammenhang geraten. Dass die Leute uns nach unserer Meinung zu Guantánamo fragen. Dabei versuchen wir, so apolitisch wie möglich zu sein. Politik bringt Leute auseinander - wir wollen sie vereinen. Du wirst immer Fans verlieren, wenn du sagst, was du politisch glaubst. Ich will das überwinden und das Konkrete, das Menschliche ansprechen.

Sie verklagten 2000 als eine der Ersten die beliebte Musikbörse Napster, viele Fans waren sauer auf Sie. Haben Sie je bereut, sich zum Vorkämpfer der Musikindustrie gemacht zu haben?

Das haben wir ja nicht. Es ging um ein Prinzip, das mir schon meine Eltern beibrachten: Stehlen ist falsch. So einfach. Im Detail haben wir sogar in der Band verschiedene Ansichten dazu. Aber ich bin stolz, das wir eingeschritten sind und die Aufmerksamkeit auf das Problem gelenkt haben.

Sie machen Ihre Fans damit zu Kriminellen.

Nein, uns ging es nur darum, nicht bestohlen zu werden. Wir wollten nie, dass man Musikfans kriminalisiert. Wir lieben die Möglichkeiten, die das Internet gebracht hat: die Verbindung zu den Fans, deren Vernetzung untereinander - auch die Musikindustrie selbst würde ja nicht mehr aufs Web verzichten.

Für Ihre neue CD holten Sie sich den Starproduzenten Rick Rubin, der Red Hot Chili Peppers berühmt machte und Johnny Cash neu erfand. Er steht für puren, reduzierten Sound - passte das überhaupt zu Metallica?

Nach sechs Alben mit dem gleichen Produzenten wollten wir Rick ja gerade deshalb haben, um neuen Schwung in die Sache zu bringen. Also haben wir ihm vertraut - und das ist bei Rick das Wichtigste. Er hat alle möglichen Ideen, du musst offen für alle sein. Wir empfanden sein Prinzip des Minimalismus sehr befreiend, nachdem wir zuletzt sehr hochproduzierte, vielleicht sogar überproduzierte Platten gemacht hatten.Er fand, dass wir nie wirklich zusammen spielten. Sondern jeder vor sich hin. An manchen Tagen hat er uns echt heimgeschickt: "Geht nach Hause, ihr spielt nicht zusammen!" Wir mussten alles über Bord werfen, war wir nach all den Jahren übers Plattenmachen wussten, und lernen, einander wirklich zuzuhören. Das brauchte eine Weile. Aber als wir es endlich schafften, war es fantastisch.

Die für sanfte Balladen bekannte Kitschpopsängerin Enya hat uns neulich verraten, großer Metallica-Fan zu sein. Möchten Sie uns auch überraschen - indem Sie sich bei ihr revanchieren?

Enya hört Metallica? Wow! Nun, um ganz ehrlich zu sein, habe ich wirklich mal Enya gehört. So in den frühen 90ern fand ich ihre Melodien klasse. Ich als der, naja, "Sänger" bin immer auf der Suche nach einer guten Melodie. Und Enya hat viele davon. Aber wenn Sie das überrascht, verrate ich Ihnen was: Unser Bassist Rob hat neulich verraten, dass er auf Joni Mitchell steht! Schrecklich, was? Und noch schlimmer: Lars hat eine Schwäche für Bronski Beat. Im Ernst! Was für Rob Joni Mitchell ist, ist für ihn Jimmy Summerville. Aber bitte: Nicht weitersagen!

Aufgezeichnet von Steven Geyer

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