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17. November 2008

10 Fragen an Karoline Herfurth: "Ich musste fast jeden Tag weinen"

"Ich weiß oft gar nicht, wie viele Zuschauer einen Film gesehen haben, ich lese kaum Kritiken", sagt Herfurth.  Foto: constantin

Warum der Schauspielerin Donald-Comics gegen Depressionen halfen.

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ZUR PERSON

Karoline Herfurth, 24, wurde auf dem Schulhof entdeckt, da war sie elf: In der Verfilmung des Roman-Bestsellers "Crazy" spielte sie ihre erste größere Rolle. Die Berlinerin, die durch ihren Part in "Das Parfüm" von Tom Tykwer auch international für Aufsehen sorgte und vor kurzem in der Hollywood-Verfilmung von "Der Vorleser" neben Kate Winslet vor der Kamera stand, ist gerade in der Hauptrolle in dem Caroline-Link-Film "Im Winter ein Jahr" zu sehen.

Frau Herfurth, wenn man liest, was andere so über Sie schreiben, scheinen Sie der wandelnde Männer-Traum zu sein: Ihre Sommersprossen seien schöner als "jeder Sternenhimmel", Ihre weit auseinander stehenden Augen "betörend", Sie seien ein "zerbrechliches" Wesen. Wie gefällt Ihnen dieses Lolita-Image?

Gut, wenn manche mich so sehen wollen - ich empfinde mich selbst nicht als sonderlich zerbrechlich. Aber es ist ja jetzt auch kein Bild, das mir schadet. Und solange mich Regisseure nicht nur nach diesen Stereotypen besetzen, mache ich mir darüber keine großen Gedanken.

In anderen Porträts war zu lesen, Sie seien eine "typische 23-Jährige". Ärgert Sie das?

Erstens: Ich bin inzwischen 24. Und was soll überhaupt eine typische 23-Jährige sein? Ich denke, in vielem führe ich nicht das Leben einer typischen 24-Jährigen: Ich habe früh angefangen zu arbeiten, in einem Beruf, der einem eine gewisse Eigenständigkeit abverlangt, ich wohne alleine in einer großen Wohnung und nicht in einer WG.

Seit kurzem studieren Sie aber...

Ja, Soziologie und Politologie. Wenn man so will, ist das natürlich typisch für mein Alter. Ich finde diese Einteilung aber seltsam. Es gibt 23-Jährige, die immer noch im Schwarz-Weiß-Denken eines Teenagers verfangen sind, und andere, und dazu zähle ich mich, die wissen, dass es im Leben auch Grautöne geben kann.

Tom Tykwer besetzte Sie in "Das Parfüm", gerade spielen Sie die Hauptrolle in "Im Winter ein Jahr", dem ersten Kinofilm von Caroline Link nach ihrem Oscar-Gewinn, und vor kurzem standen Sie neben Kate Winslet in "Der Vorleser" vor der Kamera. Machen Sie sich eigentlich Gedanken über Ihren Erfolg?

Ich denke selten in Kategorien wie Erfolg. Ich weiß oft gar nicht, wie viele Zuschauer einen Film gesehen haben, ich lese kaum Kritiken. Und jetzt mit der Rolle in "Der Vorleser" glauben ja viele, ich sei auf dem Weg nach Hollywood. Erstens fühle ich mich sehr wohl in Deutschland. Und zweitens spiele ich darin nur eine sehr kleine Rolle. Natürlich war es faszinierend, mit Kate Winslet zu arbeiten und überhaupt einmal zu sehen, um wie viel aufwändiger eine Hollywood-Produktion ist. Aber die Rolle der Lilli in "Im Winter ein Jahr" hat mir viel mehr abverlangt.

Sie spielen darin die Schwester eines Jungen, der sich selbst umgebracht hat und die an dem Schweigen ihrer traumatisierten Familie zu zerbrechen droht.

Ja. Das Thema hat mich erdrückt, am letzten Drehtag lag ich zu Hause und habe nur noch gezittert, das war die Entspannung, nachdem ich drei Monate lang komplett unter Adrenalin gestanden hatte. Ich musste als Lilli jeden Tag Depressionen, Trauer, Angst spielen, ich musste fast jeden Tag weinen. Es war für mich wirklich schwer, in dieser intensiven Phase so etwas wie Leichtigkeit in mein Leben zu bringen.

Klingt deprimierend.

Ich habe irgendwann herausgefunden, dass mich vor allem Dinge und Beschäftigungen aus meiner Kindheit beruhigen. Ich habe angefangen, Donald-Duck-Comics zu lesen, so wie ich es früher in der Stadtbibliothek gemacht habe, ich habe Puzzles gelegt und "Malen nach Zahlen" gemacht. So stupide Konzentrationsarbeit ist das Beste, wenn man sich ein wenig ablenken will. Ich bin ein wenig infantil geworden.

Die Filmfigur Lilli wächst in einer Familie auf, in der auf den Kindern ein ungeheurer Leistungsdruck liegt, im Zimmer des toten Sohnes hängt ein Plakat: "The second is the first loser"...

... es ist eine Fassadenfamilie, die durch den Selbstmord auseinanderfällt. In dieser Familie darf man keine Fehler machen, da darf man nicht scheitern, man lernt nicht, mit Versagen umzugehen, einander um Hilfe zu bitten.

Sie sind als Zweitälteste mit fünf Geschwistern in einer Patchwork-Familie groß geworden. Kennen Sie diesen Erwartungsdruck auch?

Nein, überhaupt nicht. Bei uns war es immer unheimlich bunt, chaotisch, lebendig. Wir waren einfach ein Haufen Kinder, den es zu bewältigen galt. Dieses "Du sollst dies werden und das können" gab es bei uns nicht.

Immerhin mussten Sie als Zwölfjährige mit Ihren Geschwistern als Straßenmusikerin in Venedig auftreten.

Das war nur aus Spaß, weil wir uns ein Eis verdienen wollten. Mein Vater hatte viel Spaß am Musizieren, wir haben alle irgendwelche Instrumente gelernt, ich war die Blockflöte. Aber es gab keinen Druck. Ich rechne es meinen Eltern hoch an, dass sie mich auf eine Waldorfschule geschickt haben. Man bekommt dort einen Spaß am Lernen vermittelt, der an staatlichen Schulen verloren geht. Man ist dort kein Loser, nur weil man eine Mathe-Niete ist. Man hat mehr Freiräume, in denen es aber bestimmte Regeln gibt, sonst funktioniert nämlich auch das nicht.

Sind Sie ein freiheitsliebender Mensch? Sie sind in der DDR zur Welt gekommen und haben einmal von dem Glück gesprochen, die Wende in so jungen Jahren erlebt zu haben.

Ich will keine Mauer um mich herum haben, das ist ja klar. Ich muss aber auch nicht groß in der Welt herumreisen. Für mich ist Freiheit ein abstrakterer Begriff, ich brauche Freiheit in dem Sinne, dass ich sagen kann, was ich denke, dass ich den Beruf wählen kann, der mich glücklich macht, ja, dass ich einfach den Weg einschlagen kann, den ich mir wünsche.

Interview: Mareen Linnartz

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