Mr. Neeson, vor dem Hintergrund des Nordirland-Konflikts sorgten Sie mit einigen Ihrer Rollen für Aufregung - etwa, als Sie "Michael Collins", den irischen Unabhängigkeitskämpfer, spielten. Verfolgen Sie eigentlich von der New Yorker Ostküste aus, wo Sie inzwischen leben, die Entwicklungen in Ihrem Heimatland?
Ich versuche, so gut es geht, mitzubekommen, was dort passiert. Ich bin in Irland aufgewachsen und ich habe den Hass erlebt. Es ist ein bemerkenswerter Wandel, der sich dort vollzogen hat. Ich fand es erstaunlich, dass Martin McGuiness, der stellvertretende Erste Minister Nordirlands, von vielen als moderner Michael Collins betrachtet wurde.
Sehen Sie im Irland-Konflikt Parallelen zum Konflikt zwischen Israel und Palästina?
Absolut. McGuiness gab zu, IRA-Mitglied gewesen zu sein - und hat später die Delegationen angeführt, die über den Frieden verhandelt haben. Warum sollte das nicht auch in Palästina möglich sein?
Haben Sie keine Angst, dass die Konflikte in Nordirland wieder ausbrechen könnten?
Nein, das werden die Leute auf der Straße nicht mehr zulassen.
In Ihrem neuen Film "96 Hours" spielen Sie den Ex-Agenten Bryan Mills, der auf eigene Faust nach seiner Tochter sucht, die von Mädchenhändlern entführt wurde. Was ist dieser Mills für ein Mensch?
Im Grunde ist er ein durchschnittlicher Mensch. Aber er hat als ehemaliger Agent eben besondere Fähigkeiten, und er ist überzeugt, diese einsetzen zu müssen, als seine Tochter entführt wird. Andere würden in dieser Situation die Polizei rufen. Er tut das nicht.
Nach Oskar Schindler, der im Dritten Reich rund 1200 Juden gerettet hat, und Michael Collins, spielen Sie ein weiteres Mal eine Figur mit einer sehr eigenen Vorstellung von Gerechtigkeit. Als Nächstes werden Sie Abraham Lincoln verkörpern. Es scheint, als seien Sie die Idealbesetzung für streitbare - und umstrittene - Helden.
Man kann Charaktere wie Schindler und Collins nicht mit einem Actionhelden wie Bryan Mills vergleichen. Bei Schindler und Collins geht es darum, was Menschen tun, wenn die Grundfesten der Gesellschaft ins Wanken geraten. Die beiden fragen sich - auf sehr unterschiedliche Weise -, ob und wie diese Grundwerte zu retten sind. Man könnte sie als Rebellen oder Terroristen bezeichnen - oder eben auch als Moralisten. Wenn Sie etwa einen Terroristen im Kongo oder in Sierra Leone fragen, wofür er kämpft, wird er nicht sagen: Ich kämpfe, weil ich Terrorist bin. Er kämpft für seine Vorstellung von Gerechtigkeit.
"96 Hours" (Trailer) Regie: Pierre Morel, 2008 Kinostart Deutschland, 19. Februar 2009 http://www.96hours.de/
Offensichtlich reizen Sie Figuren, die sich in der Grauzone zwischen Gesetz und Gesetzlosigkeit bewegen
Die Geschichte hat gelehrt, dass jemand, der ein Terrorist war, ein Staatsmann werden kann. So war es in Israel und in Irland - und auch in Amerika, denn zu einem bestimmten Zeitpunkt war auch George Washington ein Terrorist. Aber Bryan Mills in "96 Hours" ist kein typischer Gesetzloser wie im Western. Er glaubt vielmehr, dass ihn der Einsatz seines Könnens schneller ans Ziel bringt als das Verhalten eines anständigen Bürgers.
Nüchtern betrachtet ist das Selbstjustiz, oder?
Als Schauspieler sucht man im Drehbuch immer nach einem allgemeingültigen, emotionalen Konflikt. Es ist die Liebe zu seiner entführten Tochter, die Bryan Mills eine besondere Entscheidung abverlangt. Ich fand es interessant, einen Spezial-Agenten zu spielen, der seine Fähigkeiten plötzlich in eigener Sache unter Beweis stellen muss.
Von Zeit zu Zeit machen Sie Pause beim Film und spielen Theater. Zum Beispiel unter Regie des im britischen Theater sehr bedeutenden David Hare. Warum bewegen Sie sich ständig zwischen Film und Theater hin und her?
Wenn man große, bewegende Rollen will, muss man Theater spielen. Im Film gibt es viele technische Hilfsmittel - auf der Bühne kann man sich nicht durchmogeln.
Da scheint es eine Parallele zum Boxen zu geben, das Sie als junger Mann erfolgreich betrieben haben. Die US-amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates hat einmal gesagt, man könne Fußball spielen - aber Boxen wiederum sei kein Spiel. Trifft es das?
Boxen ist eine Art physische Poesie. Wenn Sie an die großen Kämpfe denken, Muhammad Ali gegen George Foreman, oder Ali gegen Joe Frazier, dann kommt darin eine ganz eigene theatralische Wahrheit zum Ausdruck.
Welche denn?
Der Boxer im Ring ist nackt bis zu den Hüften. Seine Nacktheit ist ein Symbol für all seine Stärken und Schwächen. Bei einer guten Darstellung, sei es auf der Bühne oder auf der Leinwand, ist es nicht anders. Es geht immer um eine Art von Enthüllung.
(Interview: Harry Nutt)
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