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10 Fragen an Nicolas Cage: Auge in Auge mit der Ur-Angst

Nicolas Cage kehrt in "Bad Lieutenant" zu seinen Kunstkino-Wurzeln zurück. Im FR-Interview erzählt er, wie er dafür durchs Feuer gehen musste - weil Geld für Spezialeffekte fehlte. ( mit Trailer)

Hat den Alligator mit Marshmallows gefüttert: Nicolas Cage.
Hat den Alligator mit Marshmallows gefüttert: Nicolas Cage.
Foto: getty

Mr Cage, in den Filmen von Werner Herzog werden die Darsteller schon mal von Indianern mit Pfeilen beschossen oder müssen Schlangen zerbeißen. Wie viel Mut braucht man, um mit diesem Regisseur zu drehen?

Ich erzähle Ihnen eine interessante Geschichte. - Mit dem Produzenten von "Bad Lieutenant" wollte ich einen Film machen, bei dem Gefängnisausbrecher in einen Waldbrand geraten. Wir hatten allerdings nicht genügend Geld für die ganzen Spezialeffekte. Da kam Werner Herzog daher und meinte: "Wir filmen mitten in einem echten Feuer." Er erklärte mir, dass ihm dabei schon einmal ein Mikrofon zerschmolzen sei, und fragte, ob ich trotzdem mitmachen wollte. Ich antwortete: "Klar, lass uns ins Feuer gehen und das durchziehen." - Vielleicht beantwortet das Ihre Frage.

Zur Person

Nicolas Cage spielt in "Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen" einen drogensüchtigen Polizisten und kehrt damit zu seinen Kunstkino-Wurzeln zurück. Regisseur Werner Herzog empfahl ihm, für die Rolle "die Sau herauszulassen".

Der Schauspieler ist in dritter Ehe verheiratet und hat zwei Söhne.

Der 46-jährige Sohn eines italo-amerikanischen Vaters und einer deutschen Mutter erspielte sich bis Mitte der 90er Jahre in Filmen wie "Wild at Heart" einen Kultstatus, den er mit dem Oscar für "Leaving Las Vegas" krönte. Danach war er zunehmend auch in Actionfilmen zu sehen, beispielsweise in "The Rock" oder "Con Air". (rüst)

Was würden Ihre Frau und Ihre beiden Söhne dazu sagen?

Das hat mich Herzog auch gefragt. Aber ich habe nie wieder etwas von diesem Projekt gehört. Vielleicht wollte er auch nur meinen Mut auf die Probe stellen.

Was war denn das Mutigste, das Sie in letzter Zeit getan haben?

Ich lebe in New Orleans, und da mache ich gelegentlich Ausflüge in die Sümpfe. Da draußen schwimmt ein 400-Kilo-Alligator namens Joe herum. Der tauchte auch tatsächlich neben unserem Boot auf. Er blickte zu mir hoch - ich kam mir vor, als würde ich einem Dinosaurier ins Auge sehen.

Die Welt hat schon von mutigeren Taten gehört...

Na, ich habe ihn dann mit Marshmallows gefüttert. Die Viecher lieben die. Aber ich gebe zu, es war nicht so mutig wie damals, als ich zu einem Weißen Hai hinuntergetaucht bin. Das war vor ein paar Jahren in Südafrika. Ich war in einem Haikäfig, und dann hat man eines dieser Tiere angelockt - ein Weibchen, das mich lange anstarrte. Es war eine großartige Erfahrung, und ich war viel ruhiger, als ich erwartet hatte. Alles, was ich spürte, war, dass zwischen dem gewaltigen Tier und mir eine unsichtbare Verbindung besteht.

Warum machen Sie so etwas? Sind Sie adrenalinsüchtig?

Im Gegenteil, die Begegnung mit dem Weißen Hai war eine meiner Ur-Ängste überhaupt. Aber ich habe das Bedürfnis, solche Ängste zu brechen. Sie sollen keine Macht über mich haben. Deshalb suche ich bewusst Erfahrungen, vor denen ich mich im Innersten fürchte.

Sie würden als Familienvater wirklich Ihr Leben riskieren?

Ich kenne schon meine Grenzen. Natürlich bringe ich mich nicht absichtlich in Lebensgefahr. Früher war ich viel egoistischer und anarchistischer drauf. Ich schnalle mich sogar beim Autofahren an.

Man könnte behaupten, dass Sie auch bei vielen Ihrer Filme in den vergangenen Jahren sozusagen angeschnallt spielten. Auf einen "Bad Lieutenant" kommen zahllose Popcornfilme wie "Vermächtnis der Tempelritter".

Mir ist es wichtig, ein Publikum zu erreichen, und dem möchte ich Geschichten und Themen vermitteln, die Wahrhaftigkeit und Bedeutung in sich tragen. Ich möchte, dass diese Filme auf den Zuschauer eine positive Wirkung haben. Kinder lieben Eskapismus - also drehe ich Disney-Filme. Ein "Bad Lieutenant" dagegen zeigt die verheerende Wirkung des Drogenmissbrauchs, ein "Lord of War" das Ausmaß des internationalen Waffenhandels. Und wenn Sie sich alle meine Filme anschauen, dann werden Sie merken, dass viele meiner Charaktere leidende Menschen sind - und die Schicksale solcher Individuen bewegen mich sehr. Die Welt ist ein Ort voller Qual und Sorgen.

Sie selbst haben ja reichlich finanzielle Sorgen am Hals. Sogar Ihr Schloss in der Oberpfalz mussten Sie verkaufen.

Das war in der Tat sehr traurig. Unter den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen konnte ich einfach nicht länger daran festhalten. Aber die Burg wird immer Teil meiner Erinnerung bleiben - wie die kleine Burg, die mir mein Vater im Hinterhof unseres Hauses baute und in der ich viele Stunden meiner Kindheit verbrachte.

Sonst wirken Sie aber angesichts Ihrer millionenschweren Steuerrückzahlungen relativ gelassen.

Wir sollten nicht übertreiben. Im Vergleich zu dem, was viele Menschen in der Wirtschaftskrise durchmachen, ist das noch harmlos. Was mich stört, ist die Tatsache, dass ich weiterhin im Hollywood-System arbeiten muss. Es gibt zwar Studiochefs, die durchaus Mitgefühl und Sensibilität besitzen, aber immer wieder fühle ich mich wie ein Würfel, den man in ein rundes Loch zu stecken versucht. Aber weil ich gezwungen bin, Geld zu verdienen, werde ich bis auf weiteres als Schauspieler in dieser Branche arbeiten.

Was wäre Ihre Alternativlösung?

Ich sehne mich nach Kontemplation, will Bücher lesen und philosophische Fragen erörtern - was im Hollywoodgeschäft nur schwer möglich ist. Aber in zehn Jahren kann ich mir das vielleicht endlich leisten. Dann würde ich gern wieder ein Standbein in Deutschland haben - in der Nähe von Frankfurt, weil man das leicht erreichen kann. Und dann kann ich durch den deutschen Wald wandern und über das Leben nachdenken.

(Interview: Rüdiger Sturm)

Datum:  24 | 2 | 2010
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