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10 Fragen an Roland Emmerich: "Ich bin jetzt frei!"

Roland Emmerich ist einer der erfolgreichsten deutschen Filmproduzenten und Regisseure. Im FR-Interview erklärt er, warum er heute lieber Kunst als Pop macht.

Mal was anderes: Roland Emmerich in den Babelsberger Kulissen seines Shakespeare-Films Anonymous.
Mal was anderes: Roland Emmerich in den Babelsberger Kulissen seines Shakespeare-Films "Anonymous".
Foto: rtr

Herr Emmerich, wie kommt der Regisseur der großen Weltuntergangsfilme dazu, einen Film über William Shakespeare zu drehen?

Weil ich die Geschichte irre gut fand. Ich bin schon vor sieben Jahren auf das faszinierende Drehbuch von John Orloff gestoßen.

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Zur Person

Roland Emmerich, erfolgreicher deutscher Filmproduzent und Regisseur, stammt ursprünglich aus Schwaben. Heute pendelt der 54-Jährige zwischen seinen Wahlheimaten in Los Angeles, London und Berlin.

Mit "The Day After Tomorrow", "Independence Day" und "2012" landete Roland Emmerich Kinokassen-Knüller aus dem Katastrophengenre. Seinen neusten Verschwörungsthriller "Anonymous" hat er gerade in den Studios von Potsdam-Babelsberg abgedreht.

Der Film, der die politischen Intrigen der Zeit Königin Elisabeths I. und die Bedeutung der Kunst thematisiert, soll im nächsten Jahr in die Kinos kommen.

Die Geschichte geht der literarischen Verschwörungstheorie nach, wonach Edward de Vere, der 17. Earl von Oxford, in Wahrheit hinter den Werken steckt, die Shakespeare zugeschrieben werden.

Wir haben daraus eine Tragödie mit Shakespeare’schen Elementen gemacht - mit Inzest, unehelichen Kindern, mit einer Figur wie Richard III. Ich wollte diese Geschichte erzählen, weil sie nicht nur provokativ ist, sondern auch ein wirklich gutes Leitthema hat - nämlich: Das Wort ist mächtiger als das Schwert. Das Wort, das sind Shakespeares Stücke. Diese überleben alle Politiker und Gegenspieler, die sie zerstören wollten. Für mich als Filmemacher und Künstler ist das eine romantische Vorstellung, an die ich glaube und auf die ich hoffe.

Glauben Sie denn an die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts?

Das glaube ich absolut. Ich habe das ja mit "The Day After Tomorrow" selbst schon in einer Form gemacht. Über meine apokalyptische Version der Klimakatastrophe hat sich jeder gewundert und ereifert. Aber am Ende habe ich doch etwas bewirkt. Auf solche Aspekte lege ich heute größeren Wert. Das kommt ganz automatisch, wenn man älter wird. Normalerweise lässt man einen Regisseur wie mich keinen Film über Shakespeare machen. So etwas darf nur jemand wie ein Martin Scorsese drehen. Aber ich bin jetzt frei zu tun, was ich will.

Und mit dieser Freiheit lassen Sie das Blockbuster-Kino hinter sich?

Ich überlege immer mehr: Was kann ich mit einem Film aussagen? Was sind die Themen? In Hollywood hat man das leider noch nicht kapiert. Dort bietet man mir ständig irgendwelche Pop-Filme an. Und ich sage: "Das ist mir zu sehr Pop. Warum soll ich so etwas verfilmen?" Ich kriege dann die Antwort: "Das ist ein Klassestoff, du hast doch damals ,Independence Day‘ gedreht." Der hat mir ja auch Spaß gemacht, aber das war eben vor 15 Jahren.

Jetzt haben Sie sich mit "Anonymous" in die Welt des Theaters begeben. Würden Sie gerne als Regisseur zum Theater wechseln? Ich bin nicht unbedingt der große Theaterfan. Wir zeigen zwar in "Anonymous" viele Theaterszenen, aber die hat eine Frau inszeniert, die das wirklich kann: Tamara Harvey, die auch am Globe Theatre gearbeitet hat. Ich selbst habe erst in den letzten zwei, drei Jahren in London wieder mehr Stücke gesehen - zuletzt Jez Butterworths "Jerusalem". Tamara meinte, ich sollte es mal mit Oper versuchen. Das würde mich schon eher interessieren. Aber erst wenn ich ganz alt bin.

Welche Opern wären das - im theoretischen Falle?

Mozart - vielleicht "Die Entführung aus dem Serail" oder "Die Zauberflöte". Aber wahrscheinlich würde man mir eher Verdi anbieten. Und falls Sie mich jetzt nach meiner Affinität zu Richard Wagner fragen wollen, beantworte ich das auch gleich: Nein, das ist mir zu deutsch. Das überlasse ich Berufeneren.

Deutsche Kultur spielt für Sie keine Rolle? Doch, auf jeden Fall. Ich war als junger Mann stark von Thomas Mann geprägt. In der Bibliothek meiner Eltern standen mehrere Bücher von ihm. Das erste, das ich gelesen habe, war "Buddenbrooks". Ich komme ja auch aus einer Unternehmerfamilie, deshalb habe ich mich damals sehr damit identifiziert. Zwar war darin natürlich nicht meine Familie dargestellt, aber es gab durchaus Parallelen. Auf diese Weise wurde Mann zu meinem Lieblingsautor. Hinzu kam, dass auch er homosexuell war.

Allerdings hat er sich im Gegensatz zu Ihnen nicht offen dazu bekannt.

Aber ich habe es immer gespürt, dass da was nicht gestimmt hat. Er hat es kompensiert, wie viele große Künstler. Aus Kompensation entsteht Kunst. Das ist der Grund, warum man Gedichte schreibt. Weil man Gefühle hat, die man aussprechen will und die man nicht aussprechen darf.

Bringen Sie nach Ihrem Shakespeare-Thriller auch noch Thomas Mann auf die Leinwand? Eines Tages mache ich noch eine Dr.-Faustus-Geschichte, oder zumindest so etwas Ähnliches. - Wenn ich mal alt und nach Deutschland zurückgekehrt bin. (lacht)

Planen Sie ernsthaft, sich wieder in Ihrer alten Heimat niederzulassen? Wo denken Sie hin? Bei dem Wetter!

Interview: Rüdiger Sturm

Datum:  27 | 6 | 2010
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