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100 Tage nach dem Beben in Chile: Die Angst erhält immer neue Nahrung

Psychische Erkrankungen, Massenentlassungen, überfüllte Gefängnisse - und noch immer werden Leichen gefunden: die Folgen des Erdbebens in Chile im Februar sind drastisch. Von Wolfgang Kunath

Eine Bushaltestelle als Wohnung nahe der Stadt Concepcion.
Eine Bushaltestelle als Wohnung nahe der Stadt Concepcion.
Foto: rtr

Horacio Núñez Zambrano war nur durch eine DNA-Analyse zu identifizieren. Als das Gefängnis von Chillán einstürzte, war der 34-jährige mit Handschellen an das Bettgestell gefesselt. In der Nacht des Bebens entflohen 209 Häftlinge. Aber an Horacio dachte keiner. Die Reste seiner Leiche wurden erst letzte Woche bei Aufräumarbeiten gefunden.

Bei dem Erdbeben in Süd-Chile wurden Ende Februar 522 Menschen getötet, 55 werden vermisst. 70.000 Häuser stürzten ein, 800.000 Menschen gelten als geschädigt, die Regierung beziffert die Schäden auf umgerechnet 25 Milliarden Euro. Viel für ein kleines Land mit knapp 16 Millionen Einwohnern: Bis zum Ende des Jahrzehntes, sagte Präsident Sebastián Piñera kürzlich, werde es dauern, bis Chile die Katastrophe überwunden und sich zu einem "Land ohne Armut und mit echten Chancen für alle" entwickelt haben wird.

Gerade die am stärksten betroffenen Gegenden erholen sich so langsam, dass immer wieder "soziale Implosionen" befürchtet werden - Proteste und Verzweifelungstaten. Kurz nach dem Beben nutzten viele Unternehmen die Notlage, um ihre Leute unter Berufung auf "höhere Gewalt" fristlos und ohne das normalerweise vorgesehene Übergangsgeld zu entlassen. An die 7000 waren betroffen, die Empörung war groß. Aber die UN-Arbeitsorganisation hat jetzt festgestellt, dass infolge des Bebens sogar über 93.000 Beschäftigte, vor allem in der Fischerei, Landwirtschaft und im Handel, ihre Jobs losgeworden sind und bis heute nichts Neues gefunden haben.

Landesweite Belegung der Gefängnisse: 160 Prozent

Die Arbeitslosigkeit konzentriert sich vor allem in den Gegenden, in dem das Erdbeben am schlimmsten wütete. Präsident Piñera hat kürzlich angekündigt, im ganzen Land 200.000 neue Jobs zu schaffen - unter anderem durch die mit dem Begriff "Flexibilisierung" verzuckerte Lockerung der Rechte von Arbeitern und Angestellten.

Messen auf Plätzen statt in den Kirchen, überfüllte Schulen, improvisierte Amtsstuben - gut drei Monate nach dem 8,8 Grad starken Beben und dem anschließenden Tsunami ist das öffentliche Leben immer noch beeinträchtigt. Selbst in den Gefängnissen herrschen prekäre Zustände. 14 Strafanstalten sind unbenutzbar, die Insassen wurden auf andere Gefängnisse verteilt - aber schon vor dem Beben waren Chiles Knäste überfüllt. Das Gefängnis Colina II in Santiago ist für 1300 Häftlinge gebaut, nach dem Beben leben dort 2100. Ein Bericht des Obersten Gerichtes beziffert die landesweite Belegung auf 160 Prozent. Piñera will neue, private Knäste bauen und betreiben lassen.

Im Katastrophengebiet meint jeder siebte, das Land werde emotional "niemals" über das Beben und seine Folgen hinwegkommen, so eine Umfrage. Die Menschen gehen dort deutlich seltener ins Kino und in die in Chile äußerst beliebten Einkaufsmalls, sie besuchen seltener Restaurants und verbringen statt dessen mehr Zeit in der Familie - wobei offen bleibt, ob in erster Linie die Angst vor einem neuen Beben oder die finanziellen Einbußen schuld dafür sind.

Santiago de Chile - die Stadt mit den depressivsten Bewohnern

Auch wenn keine Zahlen vorliegen, treten psychische Krankheiten wie Angstzustände, Schlafstörungen, Beklemmungen und Stress deutlich häufiger auf, hat die Gesellschaft für Psychiatrie Chiles beobachtet - die Reaktionen auf die Angst vor einem neuen Beben, vor der Krise, vor neuen Plünderungen. Und die Angst erhält immer neue Nahrung: In Chile wackelt die Erde immer noch, immer wieder. Die Regierung hat eine Art Seelsorge-Hotline geschaltet, über die 24 Stunden am Tag Rat und Trost herbeizutelefonieren ist.

Ohnehin leidet, auch ohne Beben, jeder zehnte Chilene an Depressionen. Und Santiago de Chile ist einem älteren Report der Weltgesundheitsorganisation zufolge weltweit die Stadt mit den depressivsten Bewohnern: 29,5 Prozent leiden darunter.

Autor:  Wolfgang Kunath
Datum:  7 | 6 | 2010
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