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14. Oktober 2013

40 Jahre Pampers-Windeln: „Windeln sind nicht artgerecht“

Ein glückliches Baby (Symbolfoto).  Foto: imago stock&people

Vor 40 Jahren führte Pampers in Deutschland die Wegwerfwindel ein. Eine Errungenschaft der Zivilisation? Nicht für die Bloggerin Nicola Schmidt, die als Protagonistin einer Gegenbewegung das wickelfreie Aufwachsen propagiert.

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Nicola Schmidt

Nicola Schmidt (36) ist Wissenschaftsjournalistin und Dozentin und betreibt das Blog „123windelfrei“. Mit Julia Dibbern ist Schmidt Initiatorin des Projekts „artgerecht“, das Eltern in Kursen und Camps bei alternativen Erziehungsmethoden unterstützt. Auf Youtube demonstriert Schmidt in mehreren Videos die Technik des Abhaltens.

Frau Schmidt, im Herbst vor genau 40 Jahren ereignete sich in Deutschland eine Revolution, die Eltern glücklich machte: Kein tägliches Waschen und Auskochen von Stoffwindeln mehr, die Firma Pampers brachte die ersten Wegwerfwindeln auf den Markt. Seitdem ist das Windelnwechseln geradezu ein Synonym für Elternschaft geworden. Ein Grund zum Feiern?
Nein, ganz und gar nicht. Denn es ist es mit den Wegwerfwindeln wie mit vielen anderen zunächst scheinbar nützlichen Errungenschaften der Zivilisation: Man merkt erst viel später, dass sie das Leben nicht leichter machen. Sondern schwieriger.

Schwieriger? Die meisten Eltern packt das kalte Grausen, wenn sie darüber nachdenken, was für eine Mühe ihre Großmütter mit den Ausscheidungen ihrer Säuglinge und Kleinkinder hatten.
Es ist nur scheinbar einfacher. Etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung ziehen ihre Kinder problemlos ohne Wegwerfwindeln groß. Stoffwindeln hatten wenigstens den Vorteil, dass Babys merkten, wenn sie nass wurden, so blieb ihr Körpergefühl erhalten. Seit Pampers & Co wickeln wir unsere Kinder heute aber nicht mehr zwei Jahre, sondern drei, vier oder sogar mehr. Viele Eltern sind davon enorm gestresst – aber keiner möchte darüber reden. Insofern sind Wegwerfwindeln definitiv ein Rückschritt.

Aber ist schnelles Sauberwerden denn ein Wert an sich? Ist es nicht im Sinne der Kinder, dass sie nicht mehr zu bestimmten Uhrzeiten aufs Töpfchen gezwungen werden, sondern sich den Zeitpunkt aussuchen können, zu dem sie keine Windeln mehr wollen?
Absolut, nur gehen wir davon aus, dass sie von Anfang keine Windeln wollen. Babys zeigen viele Verhaltensweisen, mit denen sie anzeigen, dass sie mal müssen. Wenn Eltern darauf reagieren, können sie das Körpergefühl des Kindes erhalten, es auf seine Signale hin aus den Klamotten pellen und ihm erlauben, sich über ein Gefäß zu entleeren statt in seine Wäsche, so wie wir das doch alle machen. Wir nennen diese Technik „Abhalten“.

Ist das nicht viel stressiger für ein Neugeborenes, als gemütlich auf dem Wickeltisch zu strampeln?
Im Gegenteil. Kennen Sie das Phänomen, dass die Kleinen häufig auf dem Wickeltisch lospinkeln – und zwar genau in dem Moment, in dem man die Windel abnimmt? Sie warten nur darauf.

Sie propagieren mit Ihrem Projekt „artgerecht“ einen Erziehungsstil, der ganz ohne Windeln auskommt.
Fast, wir verwenden trotzdem noch Back-Ups, also Stoffwindeln oder Ähnliches, aber wir halten die Kinder von Anfang an ab, wenn sie mal müssen. Die Methode, die wir in Deutschland „Windelfrei“ nennen, hat Laurie Boucke im Jahr 2000 in ihrem Buch „Infant Potty Training“ beschrieben. Seitdem wächst die Szene vor allem in den USA, Kanada und in Australien. Wir von „artgerecht“ schätzen, dass sich in Deutschland etwa 1,2 Prozent aller Eltern für „Windelfrei“ interessieren. Wir schulen deutschlandweit Coaches und es entscheiden sich immer mehr Mütter und Väter dafür.

Was für Eltern sind das?
Manchen wollen Müll vermeiden, andere wollen Geld sparen. Viele tragen ihre Kinder viel, füttern nach Bedarf und schlafen gemeinsam mit ihren Babys. So, wie Menschen es 100 000 Jahre lang gemacht haben. Immer mehr Eltern ist mit der modernen westlichen Erziehung und ihrem Equipment vom Schnuller über das Gitterbett bis hin zu Kinderwagen und Wegwerfwindeln nicht wohl. „Windelfrei“ ist Teil eines größeren Konzepts, das an die Bindungstheorie angelehnt ist und sich an den Bedürfnissen von Babys orientiert. Inzwischen hat sich dafür auch hierzulande der englische Begriff „Attachment Parenting“ eingebürgert. Der Grundgedanke: Babys kommunizieren ihre Bedürfnisse von Anfang an. Und das gilt eben auch für den Moment, wenn sie mal müssen.

Wie sieht das aus?
Was in Darm und Blase passiert, ist für ein Neugeborenes eine Sensation! Manche strampeln, stöhnen oder schreien. Der Schweizer Kinderarzt und Buchautor Remo Largo notierte in den 1980er Jahren in seinem berühmten „Babyjahre“, das bis heute als Standardwerk gilt: „Der Säugling zeigt durch einen scharfen Schrei, dass er sich entleeren möchte.“ Eltern lernen doch auch zu sehen, wenn ein Baby müde ist oder Hunger hat, genauso können sie erkennen, wann es muss. Reagiert man darauf, merkt schon der ganz kleine Säugling: Mama versteht mich!

Erklären Sie uns, was Sie konkret tun, wenn das Baby kommuniziert: „Ich möchte jetzt Pipi machen“?
Ob man das Baby über eine Stoffwindel, übers Waschbecken, übers Klo, die Badewanne, eine Backschüssel oder einen Busch hält, wenn es muss, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass man immer das gleiche Geräusch dazu macht, zum Beispiel einen scharfen S-Laut.

Klingt ziemlich zeitaufwendig.
Am Anfang ist es das auf jeden Fall. Aber es ist ein Zeitaufwand in einer Zeit, in der Eltern ohnehin den ganzen Tag mit ihrem Baby beschäftigt und häufig in Elternzeit sind. Später, wenn Kinder nicht mehr so oft müssen, macht es eigentlich zeitlich keinen Unterschied mehr, ob man sie schnell übers Klo hält oder ihnen auf dem Wickeltisch die Windel wechselt.

Gibt es bei der Kommunikation über Ausscheidungen nicht oft Missverständnisse, die dann in einer großen Sauerei enden?
Natürlich. Doch selbst wenn Hose oder Boden mal nass sind, ist das kein Drama und wir machen auch keins draus. Viel blöder ist doch, wenn solche kleinen Unfälle später beim herkömmlichen Sauberkeitstraining passieren. Ein Bächlein im Wohnzimmer ist bei einem Einjährigen noch zum Lachen, zwei Jahre später sind viele Eltern davon eher genervt. .

Wie handhaben andere Kulturen das Thema Sauberkeit?
Es geht uns bei „artgerecht“ nicht darum, den Umgang traditioneller Gesellschaften mit Kindererziehung zu idealisieren. Das wäre realitätsfremd. In den traditionellen Windelfrei-Kulturen, etwa in vielen Gegenden Afrikas oder im Amazonasgebiet, geht es nämlich durchaus auch rabiat zu. Da werden Kinder aus der Hütte gejagt oder auch geschlagen, wenn sie auf den Boden pinkeln.

Welche Methoden gibt es noch?
In warmen Gegenden spielen die Kinder häufig einfach nackt im Hof oder vor der Lehmhütte, auf Urin und Exkremente wird Wasser geschüttet und fertig. In China gibt es traditionell die so genannten „Kaidangku“-Hosen, die vorne und hinten offen sind. Beide Varianten sind auf unsere Kultur nicht übertragbar, es ist hierzulande undenkbar, dass Kleinkinder mit entblößten Genitalien durch die Straßen krabbeln. Aber auch in China geraten die Kaidangkus immer mehr in Verruf. Die Windelhersteller drängen massiv in diesen riesigen Markt, obwohl das am Anfang schwer war.

Die Chinesen wollten erst keine Pampers?
Nein, genauso wenig, wie Frauen in Afrika sich für Kinderwagen begeistern können. „So etwas haben wir noch nie gebraucht“, hieß es. Doch nun fährt Procter & Gamble eine neue Marketingstrategie: „Golden Sleep“. Die Kampagne behauptet, Babys würden mit Pampers besser schlafen, was ihre Intelligenz steigere. Aus meiner Sicht ist das konstruiert, trifft aber in einer Leistungsgesellschaft einen Nerv.

Und es entstehen Müllberge.
Ja, Wegwerfwindeln machen in vielen Städten acht bis zehn Prozent des Haushaltsmülls aus. Wenn ein Durchschnittskind 3000 bis 5000 Windeln verbraucht, bis es trocken ist, ergeben diese etwa anderthalb Tonnen Müll. Übereinandergestapelt wären sie ungefähr so hoch wie die Türme der Deutschen Bank. Und das alles multipliziert mit 650.000, jedes Jahr. So viele Babys werden jährlich geboren. Dazu kommt: Der supersaugfähige Gel-Kern der Windeln brennt schlecht. Windeln verrotten aber auch kaum, man schätzt, sie brauchen dafür 300 bis 400 Jahre. Das heißt, von den ersten Pampers aus dem Jahr 1973 befinden sich noch etliche auf diesem Planeten.

Alternativen Erziehungskonzepten haftet der Ruch des Unemanzipierten an, die französische Philosophin Elisabeth Badinter zum Beispiel hat mit dieser These für Furore gesorgt. Können Mütter, die ihr Kind 24 Stunden am Tag am Körper tragen, stets auf Signale zum Wasserlassen achten und bis ins hohe Kleinkindalter stillen, überhaupt berufstätig sein?
Ja, natürlich. Ich selbst habe zwei Kinder im Alter von zwei und fünf Jahren, und ich habe immer als Wissenschaftsjournalistin, Dozentin, Projektleiterin und Bloggerin gearbeitet. Außerdem: Wer sagt denn, dass die Mutter alles selbst machen muss? Väter, Omas, Opas, Freunde und auch Tagesmütter und –väter, Erzieherinnen und Erzieher können Bezugspersonen für Kinder sein, können sie tragen, abhalten und in den Schlaf begleiten. Die Mutter allein mit dem Kind zu Hause, das ist ein total unnatürlicher Zustand. Menschen sind dazu gemacht, ihren Alltag in Gemeinschaft zu meistern. Julia Dibbern und ich haben „artgerecht“ gegründet, um Eltern den Rücken zu stärken. Dazu gehört auch zu sagen: Sucht euch Hilfe! Es ist aber kein dogmatisches Projekt.

Kinderwagen und Co. sind also nicht komplett verpönt?
Ach was, natürlich nicht. Schon allein, um ihre Rücken zu schonen, schieben etliche Trage-Eltern ihre Kinder auch mal im Wagen. Ich kenne ganz, ganz liebevolle Mütter, die nicht gestillt haben, entweder, weil sie nicht wollten oder nicht richtig beraten wurden. Das heißt nicht, dass die Bindung zum Kind gestört ist. Und wir sind auch nicht kategorisch gegen Windeln: Das Windelfrei-Konzept kann man gut in Teilzeit ausüben. Wir vergeben keine Medaillen. Wir sind keine Supermütter und verurteilen niemanden für irgend etwas. Jede Familie hat ihre ganz persönlichen Gründe für die Art, wie sie lebt und erzieht. Und das ist völlig in Ordnung so.

Interview: Anne Lemhöfer

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