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50 Jahre Pille: "Das Geschenk für den Mann"

Am Sonntag wird die Pille 50 Jahre alt. Der Chemiker Carl Djerassi hatte das entscheidende Hormon entwickelt. Ein FR-Gespräch über Penis-Fixierung, weibliche Körper - und ein Gedicht.

Carl Djerassi, Erfinder der Antibabypille.
Carl Djerassi, Erfinder der Antibabypille.
Foto: michael wolf/enapress.com

Herr Djerassi, wollen Sie überhaupt noch über die Pille reden?

Haha, die Frage gefällt mir. Die Antwort ist: Nein!

Zur Person

Carl Djerassi wurde 1923 in Wien als Sohn eines jüdischen Ärztepaars geboren. Der Vater stammte aus Bulgarien. Djerassi verbrachte seine ersten Lebensjahre in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Als er fünf Jahre alt war, trennten sich die Eltern, er kehrte mit seiner Mutter nach Wien zurück. Mit Beginn der Nazizeit floh er zunächst zum Vater nach Bulgarien und wanderte später mit der Mutter in die USA aus.

Seine wissenschaftliche Karriere begann Anfang der 1950er Jahre, als er mit seinem Kollegen Luis E. Miramontes für die Firma Syntex S.A. in Mexiko-Stadt das Sexualhormon Norethisteron, ein Gestagen, künstlich herstellte. Damit entwickelte er mit Gregory Pincus und John Rock 1951 die Antibabypille, sie wurde am 9. Mai 1960 zugelassen und kam im August 1960 unter dem Namen Enovid auf den US-Markt. In seiner Autobiografie bezeichnet sich Djerassi als "Mutter der Pille". Von 1959 bis 2002 lehrte er an der Stanford University.

Besondere Leidenschaft entwickelte er für die Kunstwerke von Paul Klee. Seine umfangreiche Sammlung ist in einer Dauerausstelltung im San Francisco Museum of Modern Art zu sehen. (ber)

Warum nicht?

Weil ich seit einer Ewigkeit über nichts anderes reden muss. Ich führe aber jetzt ein anderes Leben, ich schreibe seit 20 Jahren Theaterstücke, Gedichte und Romane, ich bin ein intellektueller und literarischer Schmuggler und befasse mich nur mit Themen, die mich interessieren.

Sex und Liebe sind der rote Faden in Ihrem Werk.

Das stimmt - aber auch verbunden mit Naturwissenschaft. Wie verändern sich Sexualität und Liebe in Zeiten technischer Reproduzierbarkeit? Zuletzt habe ich mich allerdings mit jüdischer Identität befasst und das beste und wichtigste Buch meines Lebens geschrieben, aber da ging es eben gar nicht um die Pille. Also dürfte Sie das wohl kaum interssieren...

Lassen Sie uns gleich darauf zurückkommen und gestatten Sie mir einen uneleganten Übergang: zu Ihrer sozusagen metaphorischen Identität als Mutter der Pille.

Nun gut. Die hat eigentlich mit einem Spaß angefangen. Meine Autobiografie von 1991 hat im Englischen einen sehr langen Titel, also schlug der Haffmans Verlag vor: "Der Vater der Pille". Das war mir zu phallozentrisch.

Phallozentrisch?

Die Frauen und insbesondere die Feministinnen in den 60er und 70er Jahren waren ja sehr irritiert von diesem Widerspruch, dass eine Pille, die hormonell auf den intimsten Bereich der Frau einwirkt, von Männern entwickelt worden war. Der entscheidende Vorwurf lautete, wir Männer hätten die Pille für die Frau erfunden, weil wir keine Experimente an unseren Körpern vornehmen wollten.

Ist die These so abwegig?

Ich kann die Verärgerung verstehen, aber die Natur hatte uns zur damaligen Zeit nun mal den entscheidenden Hinweis geliefert: nämlich dass Frauen wegen der ständigen Sekretion von Progesteron während einer Schwangerschaft nicht schwanger werden können. Es gibt keinen vergleichbaren Anhaltspunkt in der reproduktiven Biologie des Mannes.

Aber an der Pille für den Mann wird doch auch geforscht?

Wissenschaftlich ist das Problem längst gelöst. Es gibt eine Substanz, die dafür sorgt, dass der Mann keine Spermien mehr produziert. Aber wenn das passiert, hat der Mann auch keine Libido mehr, also müsste er gleichzeitig Testosteron nehmen. Das ist alles erforscht. Es gibt aber unter den 20 größten Pharmakonzernen dieser Welt keinen, der sich dafür interessiert. Es würde sich nämlich nicht verkaufen.

Weil die Männer die Pille ablehnen würden?

Nein, in nördlichen Ländern würden Männer sie bestimmt nehmen, wenn ein praktisches Problem gelöst wäre. Für eine Frau in den 60er Jahren war die Frage wichtig, ob sie noch Kinder bekommen kann, wenn sie zehn Jahre lang die Pille genommen hat. Ein Mann wird fragen: Kann ich noch Kinder zeugen, wenn ich die Pille 35 Jahre nehme? Diese Frage ist klinisch nicht zu beantworten, von der Problematik Potenz erst gar nicht zu reden.

Ein Phallstrick - so haben Sie eines Ihrer Bücher genannt.

Ein Phallstrick, sehr wohl. Aber ich glaube, wir brauchen diese Pille auch bald gar nicht mehr. Da Sexualität und Reproduzierbarkeit längst getrennt sind, könnten Frauen im Alter von 20 Jahren ihre Eier einfrieren lassen, Männer ihre Spermien, und wenn ein Paar sich dann für Kinder entscheidet, kann es darauf zurückgreifen.

Warum sollte man das tun?

Die Frauen könnten mit 35, 40 Jahren, also in einem Alter, wo sie schon viele Eier verloren haben, noch problemlos Kinder kriegen, und die Männer könnten sich sterilisieren lassen; das wäre die beste Verhütung. Und so wird es auch kommen.

Zurück zu Ihnen. Sie fanden also, dass "Mutter der Pille" unangreifbarer klingt als "Vater der Pille"?

Es ist doch ganz anders gemeint. Schauen Sie, am Anfang jedes Medikaments steht die Chemie, sie ist die Mutter. Deshalb bin ich als Chemiker die "Mutter der Pille", nicht als Carl Djerassi. Das wird ständig falsch verstanden. Aber ich möchte mich hier jetzt nicht verteidigen.

Fühlen Sie sich angegriffen?

In Deutschland sensibilisiert mich allein schon die fiese Bezeichnung Antibabypille. Ein Verhütungsmittel ist doch nicht gegen ein Baby gerichtet, auch wenn das die katholische Kirche bis heute so deuten mag. In Frankreich oder in England ist es einfach "die Pille".

Wurden Sie oft angegriffen?

In den 60er Jahren gar nicht, erst später hier und da. Der interessanteste Angriff, wenn man so sagen will, stammt vom vergangenen Jahr. Da erschien weltweit übers Internet die Meldung: "Djerassi bereut die Pille." Hintergrund war, dass ich zuvor einen Artikel im Wiener Standard geschrieben hatte, wo ich mich mit der Fremdenfeindlichkeit in vielen mitteleuropäischen Ländern, vor allem in Österreich, auseinandergesetzt habe. Ich schrieb, dass man es sich gar nicht leisten könne, Migranten abzuweisen, weil die einheimischen Familien im Durchschnitt zu wenige Kinder bekommen. Die katholische Kirche hatte gleichzeitig eine Offensive gestartet, in der sie mal wieder behauptete, die Pille sei daran schuld - ein skandalöser Vorwurf. Daraus wurde dann gemacht, ich bereute die Pille.

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Datum:  7 | 5 | 2010
Seiten:  1 2 3
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