Die Luft an diesem Morgen ist noch frisch, hoch oben am Kloster auf dem Mukattamberg. Schaut Hakim Raggaie zum Horizont, kann er die Hochhäuser der Metropole sehen. Zu seinen Füßen liegt ihr Auswurf: Manshiet Nassr, ein Millionenslum, der acht Tonnen Abfall pro Tag verdaut: Müll aus Kairos bürgerlichen Wohnvierteln, den die Zabbalin, Manshiet Nassrs fünfzig- bis sechzigtausend Müllsammler, täglich an den Haustüren abholen.
Hakim Raggaie ist Unternehmer. Seinen runden Bauch umspannt eine schwarze Nadelstreifen-Jallabiya. Läuft er die morastigen Gassen zu seinem Grundstück hinunter, sieht er Müll in allen Formen und Farben, verpackt, gestapelt und verschnürt. Nichts Ungewöhnliches - und dennoch ist nichts mehr wie zuvor. Denn als die Regierung im Frühjahr alle Schweine des Landes töten ließ, brachte sie in Manshiet Nassr einen ganzen Kreislauf zum Erliegen: ein auf dem Schwein beruhendes Wirtschaftssystem. Nun steht Raggaie vor dem Ruin. Und Kairos Straßen verwandeln sich in stinkende Müllhalden.
Als im Frühjahr das Schweinegrippe-Virus um die Welt ging, gab es in Ägypten keinen einzigen Krankheitsfall. Doch eine Massenhysterie erfasste das Land. Die Schweine seien gefährlich, hieß es plötzlich. Hatte Ägypten auf die Vogelgrippe zu spät reagiert, wollte das Parlament nun umso schneller handeln: Alle 350.000 Schweine des Landes sollten sterben. Männer in weißen Anzügen kamen auch nach Manshiet Nassr und warfen die Tiere auf Lkw. Einige Schweine wurden geschlachtet. Die anderen, erzählen die Zabbalin, seien mit Chemikalien übergossen qualvoll in der Wüste verendet. Nur der Staat hält in Ägypten heute noch Schweine - im Labor zur Insulinproduktion.
Legende aus dem zehnten Jahrhundert
Die Regierung, sagt ein Mann in Manshiet Nassr, habe nur auf eine Gelegenheit gewartet, die Schweine loszuwerden. Auch wenn es Muslime gab, die Schweine hielten, so traf die Aktion in erster Linie die koptischen Christen. Jeden Donnerstag strömen sie zu Tausenden in den Freiluft-Gottesdienst von Vater Samaan auf dem Mukattamberg. Und vielleicht hilft ja nur noch das. Schon einmal, so geht eine Legende aus dem zehnten Jahrhundert, rettete Gott die Christen von Mukattam. Nur wenn ihr Glaube den Berg versetze, verfügte der Kalif, dürfe ihr Patriarch am Leben bleiben. Drei Tage und Nächte lang beteten sie - und das Wunder geschah.
Es waren koptische Christen aus Oberägypten, die in den 50er Jahren mit ihren Schweinen nach Kairo zogen. Sie flohen vom Land in der Hoffnung auf Wohlstand und endeten doch in der Armut der Großstadt. Einzig das Müllgeschäft florierte, konnten sie doch mit den organischen Abfällen ihre Tiere mästen. Die Schweinezucht wurde Grundlage ihrer neuen Existenz. Seitdem ziehen die Zabbalin von Tür zu Tür, sechs Tage pro Woche, ohne Krankenversicherung, ohne Arbeitsschutz. Für einen Lohn, der mit Schweinen schon kaum für ein Leben reichte.
Wenn Jussif Shukri mit seinem Pick-Up spätnachts Hause kommt, war er 16 Stunden auf den Beinen. Er hat mit einem Korb auf den Schultern die Stiegen der Häuser im Nobelviertel Zamalek erklommen und mitgenommen, was die Leute vor ihre Türen stellen. Doch seit seine Familie keine Schweine mehr hält, hat auch er so gut wie kein Einkommen mehr. "Das Müllsammeln ist die Mühe kaum wert", erzählt er. Vom Erlös aus dem Recycling muss er die Pick-Up-Miete bezahlen. So bleibt ihm oft nicht mehr als das Trinkgeld, das er beim Sammeln verdient.
Schwein war das einzig bezahlbare Fleisch
Mehr als 80 Prozent des nicht-organischen Abfalls werden in Manshiet Nassr recycelt, doch der Preis für diese Effizienz ist hoch. Sortiert wird per Hand; Hautkrankheiten und Hepatitis sind verbreitet. Seit es keine Schweine mehr gibt, sagt der Arzt Atif Salib vom Krankenhaus in Manshiet Nassr, leiden viele Kinder des Viertels an Anämie. Schwein war das einzig bezahlbare Fleisch, das sie auf die Teller bekamen.
In Manshiet Nassr ist es Abend geworden. Auf seiner Müllhalde am Mukattamberg serviert Hakim Raggaie Tee. Einst hielt er 5000 Schweine, betrieb vier Metzgereien, das Schweinegeschäft machte 80 Prozent seines Einkommens aus. Er hatte 50 Mitarbeiter, alle Brüder arbeiteten als Metzger. "Es war die Arbeit unserer Eltern und Großeltern", sagt Raggaie und schweigt eine Weile, bis seine kleine Nichte Juliana inmitten des stinkenden Mülls, der Ziegen, Schafe und Fliegen, eine kleine Gummiratte aus der Hosentasche zieht, und plötzlich lachen sie alle, können gar nicht mehr aufhören. Irgendwann deutet Raggaie auf den Berg und sagt: "Wir sind die Menschen des Wunders von Mukattam. Die Schweine werden wiederkommen."
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