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04. Januar 2016

Achim Mentzel: Nicht nur ein Ostkünstler

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Achim Mentzel posiert bei einer Aufzeichnung der Volksmusikssendung "Achims Hitparade". (Archivbild)  Foto: dpa

Kurz vor seinem 70. Geburtstag ist Achim Mentzel überraschend gestorben. In den Nachrufen zeigt sich auch, was bei der Wiedervereinigung bis heute schief geht. Ein Kommentar.

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Kaum machte die Nachricht vom Tod Achim Mentzels die Runde, waren auch schon die passenden Etikettierungen zur Hand. Die Deutsche Presse-Agentur und andere schrieben, der 69-Jährige sei ein „ostdeutscher Unterhaltungskünstler“ gewesen. Damit ist alles gesagt. Nein, nicht über Mentzel. Sondern über die westdeutschen Hinterbliebenen.

Mentzel einen ostdeutschen Unterhaltungskünstler zu nennen, ist nicht falsch. Er wurde 1946 in Berlin geboren und machte in der DDR Karriere. Freilich ging seine Karriere nach 1989 weiter – also noch immerhin 27 Jahre lang. Er trat, um es mal so zu sagen, im Westfernsehen auf. Auch die Mehrzahl seiner Platten erschien in der größer gewordenen Bundesrepublik. Das Label „ostdeutscher Unterhaltungskünstler“ ignoriert die Hälfte seines künstlerischen Lebens. Es macht den Mann so klein, wie es die DDR nie war. Und es signalisiert denen im Westen, dass sie diesen Achim Mentzel nicht kennen müssen. Sie bekommen ihn posthum erklärt – mit einem Adjektiv. Fertig, aus.

Stolz auf die Unwissenheit

Damit verbunden ist wie selbstverständlich, dass das Gegenstück zum ostdeutschen Unterhaltungskünstler gar nicht existiert, weil das Westdeutsche automatisch das Ganze ist – jedenfalls aus der Perspektive der Westdeutschen. Der Regisseur Andreas Dresen hat das an seinem Fall treffend geschildert. „Ich finde es ein bisschen seltsam, dass ich immer der ostdeutsche Filmemacher bin, es aber offenbar gar keine westdeutschen gibt“, beklagt der Macher so bedeutender Filme wie „Halbe Treppe“ oder „Sommer vorm Balkon“ in dem Buch „Was ich dir immer schon mal sagen wollte“. „Niemand würde auf die Idee kommen, zu sagen: der westdeutsche Regisseur Tom Tykwer oder der westdeutsche Regisseur Christian Petzold. Das sagt man nur über die Ostdeutschen.“ Dabei weist Dresen mit großem Recht daraufhin, dass seine Filme zwar überwiegend in Ostdeutschland spielten, aber keine explizit ostdeutschen Geschichten erzählten.

Einen Künstler – egal ob einen guten oder einen schlechten – mit der Kennzeichnung ostdeutsch zu versehen, bedeutet dem Westpublikum schließlich, dass es sich mit ihm im Zweifel gar nicht großartig beschäftigen muss. Damit reduziert es seinen Markt um ungefähr drei Viertel der möglichen Konsumenten. Es handelt sich schlicht um Geschäftsschädigung.

In Achim Mentzels Tod spiegelt sich so gesehen die Wiedervereinigung und was bei ihr bis heute schiefgeht. Während Ostdeutsche es sich seit jeher nicht leisten konnten, vom Westen nichts zu wissen, weil sie früher oder später selbst in den Westen gingen oder der Westen nach dem Mauerfall zu ihnen kam, weiß der Westen bis heute nicht wirklich was vom Osten und schämt sich dessen nicht einmal. Ja, nicht selten ist er sogar stolz darauf.

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