25 Sehenswürdigkeiten gibt es in Braunau am Inn. So steht es in einer Broschüre des örtlichen Tourismusvereins, der den Bürger zu einem „Kulturrundgang“ durch die österreichische Kleinstadt am Grenzfluss zu Deutschland einlädt. Der Rundgang führt vorbei an Kriegerdenkmal und Eisernem Ross, an dem Wassertor mit den alten Festungsmauern und dem Steffl, der Stadtkirche St. Stephan. Nummer 13 in der Liste „Sehenswertes altes Braunau“ ist ein etwas heruntergekommenes Bürgerhaus mit verwitterten Fensterrahmen, von dessen gelb angestrichener Fassade die Farbe blättert: Das Hitler-Haus, wie sie das dreistöckige Gebäude hier nennen.
Vor gut 120 Jahren hieß das Hitler-Haus noch „Gasthof zum Pommer“. In der oberen Etage waren Wohnungen eingerichtet. In einer davon wurde am 20. April 1889, einem bewölkten und kühlen Karsamstag, um halb sieben Uhr abends Adolf Hitler geboren. Wie es heißt, sei der Junge im Eckzimmer im zweiten Stock zur Welt gekommen. Nach Kriegsende nutzte die Stadt das Gebäude als Bücherei und Schule, bevor im Mai 1977 eine Werkstätte für geistig und körperlich Behinderte einzog.
Seit knapp einem Monat steht das Hitler-Haus wieder leer – und Braunau vor der Frage, wie es mit dem ungeliebten Erbe künftig umgehen soll. Denn selbst wenn die Geschichte mit dem Eckzimmer nicht stimmen sollte, eines ist sicher: Nie war eine Geburt folgenreicher für das Schicksal einer Gemeinde – Betlehem und Mekka ausgenommen.
„Sag mal, Junge, wo ist denn hier das Geburtshaus vom Führer?“ Johannes Waidbacher lacht, als er den verschwörerischen Tonfall der alten deutschen Männer imitiert. Die kamen früher mit Bussen über den Inn und suchten nach dem Haus, trauten sich aber nur, die Kinder auf der Straße nach dem Weg zu fragen. „Wir haben uns einen Spaß draus gemacht und die quer durch die Stadt sonstwohin geschickt“, sagt Waidbacher. „Ich möchte nicht wissen, in wie viel deutschen Fotoalben das falsche Haus eingeklebt ist.“
Dann lacht er wieder, dieser jungenhafte Mann von 45 Jahren, der seit einem halben Jahr Bürgermeister von Braunau ist. Einer Stadt, mit 750 Jahren die älteste und mit mehr als 16 000 Einwohnern die größte Gemeinde im Innviertel, der Region in Oberösterreich, an der Grenze zu Deutschland. Kleine Gässchen und gotische Gebäude prägen das Stadtbild, hier steht der dritthöchste Kirchturm des Landes. Und ein wunderschönes Rathaus, zu dessen Einweihung am 30. Juni 1903 Kaiser Franz Josef I. kam und vom Balkon aus seinen Untertanen zuwinkte. Schräg gegenüber führt eine Gasse zu dem Kerker, in dem vor zweihundert Jahren der Nürnberger Buchhändler und bayerische Volksheld Johann Philipp Palm saß, bevor ihn Napoleon erschießen ließ, weil er eine Schmähschrift gegen den französischen Kaiser vertrieben hatte.
„So viel Geschichte“, sagt der Bürgermeister. „Und doch sind wir für alle nur Hitlers Geburtsstadt.“
Dabei hat Adolf Hitler keine drei Jahre in Braunau gelebt. Schon Anfang 1892 wurde sein Vater Alois Hitler, ein Beamter des k.u.k. Finanzdienstes, zum Zollamtsoberoffizial befördert und von Braunau nach Passau auf die deutsche Inn-Seite versetzt. Die Familie kehrte nie wieder nach Braunau zurück.
Hitler dürfte daher kaum konkrete Erinnerungen an die Stadt gehabt haben. Zwar bezeichnete er es in seinem Buch „Mein Kampf“ als „glückliche Bestimmung“, in Braunau geboren worden zu sein, an der Grenze der zwei deutschen Staaten, „deren Wiedervereinigung“ er als „Lebensaufgabe“ ansah. Bei seinem ersten Besuch nach der Annexion Österreichs nahm er sich jedoch kaum Zeit für die Stadt. Einer regionalen Zeitung zufolge traf er am 12. März 1938 um 15.50 Uhr in Braunau ein, fuhr im offenen Wagen über den Stadtplatz zu seinem Geburtshaus, hielt dort kurz an, ohne auszusteigen, und ließ dann den Wagen weiter nach Linz fahren. Es blieb das einzige Mal, dass die Braunauer den Mann noch einmal zu Gesicht bekamen, der ihrer Stadt bis heute ein Stigma aufgedrückt hat.
Knapp 200 Kilometer westlich von diesem Ort, in einem Wiener Café, erzählt Peter Draxler davon, was es heißt, ein Braunauer zu sein. Der 30-Jährige ist aufgewachsen in der Stadt am Inn, heute lebt er als Journalist in Wien. „Wenn ich früher mit Jugendlichen von anderswo zusammenkam, hatte ich zwei Antwortmöglichkeiten auf die Frage nach meinem Wohnort: Sagte ich Braunau, hieß es, ach, die Hitler-Stadt – seid ihr da nicht alle rechts? Oder ich sagte, ich bin aus einem kleinen Dorf bei Salzburg. Dann hatte ich meine Ruhe.“
Peter Draxlers Erfahrungen teilen viele Menschen in der Stadt. In einer Umfrage hatten kürzlich 40 Prozent der Braunauer angegeben, oft bis sehr oft auf Hitler angesprochen zu werden. Weitere 43 Prozent sagten, sie werden hin und wieder mit diesem Thema konfrontiert, wenn sie über ihren Wohnort reden. Immerhin jeder dritte Einwohner glaubt, dass es Vorurteile in der Öffentlichkeit gegenüber den Bürgern aus Braunau gibt.
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