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11. September 2015

Älter werden : „Auch die Alten sind noch eitel“

Eiichiro Sasaki (104), Firmengründer und politischer Berater, Tokio, Japan.  Foto: Karsten Thormaehlen

Altern in Würde, bei körperlicher und geistiger Gesundheit, ist ein Wunsch der meisten Menschen. Manche schaffen das und werden mehr als 100 Jahre alt. Karsten Thormaehlen hat sie fotografiert

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Herr Thormaehlen, Sie sind seit neun Jahren unterwegs, um mindestens 100-jährige Menschen zu fotografieren. Für die ersten beiden Bücher nur in Deutschland, für das dritte nun auf der ganzen Welt. Haben Sie das Geheimnis enthüllen können, das uns steinalt werden lässt?
Es gibt natürlich kein Rezept, das uns todsicher zu einem Jahrhundertmenschen macht. Aber ich habe auf meinen Reisen zu den Hundertjährigen einige Faktoren beobachten können, die sich anscheinend positiv auf das Altwerden auswirken. Ganz offensichtlich gibt es eine genetische Veranlagung zum Altwerden, was durch die Entdeckung des sogenannten Methusalem-Gens wissenschaftlich belegt wurde. Wenn die Familien, in denen sich das Gen findet, auch noch in abgeschiedenen Regionen wohnen, dann gibt es in diesen Dörfern wiederum besonders viele Familien mit besonders vielen Hochaltrigen.

Wo haben Sie diese Familien gefunden?
Besonders bekannt sind bestimmte Regionen in Japan, aber auch auf Sardinien, im Kaukasus und in Ecuador gibt es ganze Dörfer mit einem extrem hohen Anteil an Hundertjährigen.

Gibt es dort noch weitere Faktoren?
Ich glaube schon. Die Ernährung spielt mit Sicherheit eine Rolle, aber auch, dass die Menschen ihr ganzes Leben lang moderat körperlich arbeiten beziehungsweise sich bewegen. Auf Okinawa gibt es ein bekanntes Sprichwort, dass besagt, dass man während der Mahlzeiten nur so viel essen sollte, bis man fast satt ist. Nicht mehr. Das wirkt sich erstaunlich positiv auf den Organismus aus. Zudem scheint eine gewisse Standorttreue eine große Rolle zu spielen. Die meisten der Alten haben immer an dem selben Ort gelebt, einige wurden in dem Haus geboren, in dem sie heute noch wohnen, manche haben ein paar Meter die Straße runter gearbeitet und so weiter. Das Wichtigste scheint aber zu sein, dass man immer noch einen Plan für den nächsten Tag hat, die Haustiere versorgen, die Balkonpflanzen pflegen muss oder die Einschulung des Urenkels noch erleben will. Wer das aufgibt, hat sich meist auch bereits aufgegeben.

Wie stöbern Sie Ihre Hundertjährigen denn auf?
Im Internet gibt es gut geführte Listen mit Persönlichkeiten aus aller Welt, die über hundert Jahre alt sind. Aber oft kommt auch eines zum anderen, wenn ich in den jeweiligen Ländern bin. Oft kontaktiere ich lokale Zeitungsredaktionen oder Senioren-Einrichtungen. Manchmal kennt auch der Dolmetscher noch eine, die in der Nähe lebt und 104 Jahre alt ist, oder deren Angehörige schicken mich zu einer weiteren Person und so weiter. Für mich ist es außerdem wichtig, dass die Hundertjährigen relativ rüstig sind. Da ich ihre Portraits veröffentlichen möchte, müssen sie mir per Freigabeerklärung die Rechte am Bild abtreten. Das bedeutet, dass sie auch von Amts wegen noch geschäftsfähig sind. Das wiederum schränkt die Auswahl ein bisschen ein.

Tsutae Okumura (104), Togo-Cho, Japan.  Foto: Karsten Thormaehlen

Das bedeutet, dass Sie die Schwachen und Dementen gar nicht zu Gesicht bekommen?
Nein, eher nicht. Mein Thema heißt ja „Happy at Hundred“ – Glücklich mit hundert. Während der Recherchen am Telefon stellt sich recht schnell heraus, wer für mein Projekt noch Interesse zeigt und wer nicht. Oftmals mache ich die Termine mit den Angehörigen aus und die sind meist recht feinfühlig, was den Zustand ihrer Verwandten angeht.

Und dann stehen Sie mit Sack und Pack vor der Tür, um Ihr Foto zu machen.
Meist nehme ich eine Stylistin und eher wenig Gerät mit. Ich finde es toll, wie ambitioniert die alten Herrschaften mitmachen, damit eine gute Arbeit entsteht. Die meisten sind sich der Bedeutung dieses Augenblicks sehr bewusst und geben sich große Mühe, optimal vor der Kamera auszusehen. Fast immer spielt da ein wenig Eitelkeit mit. Und nicht selten stehen dann in manchen Einrichtungen weitere hundertjährige Bewohner an, die ebenfalls fotografiert werden wollen.

Welche Techniken verwenden Sie?
Ich habe mir fotografisch nur wenige Regeln auferlegt. Grauer Hintergrund, ein helles, ungemustertes Kleidungsstück, natürliches Licht. Das bringt die Gesichter besonders gut zur Geltung, stellt die Persönlichkeit in den Mittelpunkt. Aber das hat zur Folge, dass wir das Mobiliar auch mal in den Hof räumen müssen, um das Set für das Foto einzurichten. Die Alten nehmen das immer sehr gelassen und strengen sich an, das zu tun, was ich von ihnen verlange.

Zur Person

Karsten Thormaehlen (50) ist Fotograf und Künstler. Er lebt in Wiesbaden, wo er an der Hochschule Rhein-Main einen Lehrauftrag für Fotografie hat.

Seine Arbeit war für die CLIO Awards 2015 und den Deutschen Alterspreis der Robert Bosch Stiftung 2013 nominiert, erhielt Gold bei den Cannes Lions 2015 und eine Auszeichnung beim Taylor Wessing Photographic Portrait Prize 2011 inklusive Ausstellung in der National Portrait Gallery, London.

Die aktuelle Ausstellung „Ästhetik des Alter(n)s“ im Haus St. Martin am Autoberg, Hattersheim, läuft noch bis zum 16. Oktober. alö

Wie kam es zur globalen Ausweitung des Projekts?
Das erste Jahrhundertmensch-Buch habe ich selbst finanziert. Die Arbeit war zwar viel beachtet und auch mehrfach preisgekrönt, getragen hat sich das aber nicht. Beim zweiten Buch hatte ich großes Glück, dass ein Biotech-Unternehmen aus der Schweiz einen Teil der Auflage finanziert hatte und eine Dauerausstellung in ihrem Forschungslabor installierte. Damit war dann zumindest ein Teil der Buchproduktion finanziert. Vor einem Jahr ist dann ein US-amerikanischer Verlag auf mich aufmerksam geworden und hat mir angeboten, ein weiteres Buch mit dem gleichen Thema mit Hundertjährigen unterschiedlicher Ethnien zu produzieren. Ich bin daher zur Zeit viel unterwegs und hoffe, am Ende auf jedem Kontinent ein paar Hundertjährige getroffen zu haben.

Was fasziniert Sie an den Jahrhundertmenschen?
Zu allererst natürlich, dass sie einen Blick auf mehr als ein Jahrhundert haben. Das ist eine unglaubliche Zeitspanne, an die sich diese Menschen noch wirklich erinnern können. Man sagt in Deutschland immer, dass die zwei Weltkriege mitgemacht haben, das Wirtschaftswunder, die Mondlandung und die digitale Revolution. Aber was das wirklich bedeutet, davon machen wir uns ja gar keine Vorstellung. Eine Italienerin hat als junges Dienstmädchen für einen Mann gearbeitet, dessen Einheit bei der Armee noch gegen Napoleon kämpfte. Oder die neun Melis-Geschwister aus Sardinien, die, addiert man ihr jeweiliges Alter, die älteste Familie der Welt bilden. Die haben tatsächlich mehr als 180 lebende Nachkommen. Ich finde das unvorstellbar. Seit etwa einem Jahr versuche ich nun schon, den jeweils ältesten lebenden Menschen zu treffen. Im Juli hatte es dann sogar geklappt.

Wer ist derzeit der älteste Mensch?
Das ist Susannah Mushatt Jones, einer der zwei letzten lebenden Menschen, die im 19. Jahrhundert geboren wurden. Susanna wohnt in Brooklyn. Wahrscheinlich kommt sie aber nicht ins Buch. Keiner der Anwesenden brachte es übers Herz, sie nach ihrem zweiten Frühstück, Eier mit Speck, zu wecken. Der zweitälteste Mensch der Welt, Emma Morano, lebt übrigens in Europa, im italienischen Pallanza. Auch sie ist noch im Jahr 1899 geboren worden.

Sonoko Hasegawa (102), Tai-Chi-Trainerin, Tokyo, Japan.  Foto: Karsten Thormaehlen

Macht Ihnen Altwerden auch mal Angst?
Nein, macht es nicht. Wenn man erst mal so alt geworden ist, dann hat man ein Alter erreicht, in dem einen bestimmte Krankheiten auch nicht mehr einholen. Wer gesund 90 geworden ist, ohne an lebensbedrohlichen Erkrankungen gelitten zu haben, kriegt diese mit hoher Wahrscheinlichkeit auch als Hundertjähriger nicht mehr, sagen viele Mediziner. Gesund alt werden ist also etwas Schönes. Und auch für unsere Gesellschaft ist es nicht unbedingt schlecht, einen höheren Anteil an alten Menschen zu haben.

Sie halten die Überalterung der Gesellschaft, den demografischen Wandel, also nicht für problematisch?
Im Gegenteil, ich sehe das sehr entspannt. Das ganze Wissen, das in den alten Köpfen kumuliert, die Erfahrung, davon können die Jungen nur profitieren. Und die Vermittlung dieses Wissens funktioniert meines Erachtens viel besser zwischen der Großeltern- und der Enkelgeneration. Die direkte Eltern-Kind-Beziehung ist doch meist viel konfliktbelasteter. Großeltern sind gelassener, die Enkel hören ihnen eher zu. Da ist so eine gewisse Altersmilde auf der einen Seite, aber auch der Respekt vor dem Alter auf der anderen Seite zu spüren. Auch der Tod der Alten wird viel leichter als Unvermeidbarkeit akzeptiert. Wenn Oma oder Oma sterben, dann ist das okay, das gehört einfach dazu.

So sehr sich Ihre Bilder auf die Lebenden konzentrieren, so omnipräsent ist auch der Tod in Ihrer Arbeit.
Allen Porträtierten ist gemeinsam, dass sie sich in der späten Phase ihres Lebens befinden und ihre Sterbewahrscheinlichkeit sehr hoch ist. Nichtsdestotrotz finde ich es tröstlich, dass der Tod keine Klassen- oder Herkunftsunterschiede kennt. Ein Mensch, der ein Leben lang auf dem Feld geschuftet hat, kann genauso alt werden, wie jemand, der immer gut versorgt unter angenehmsten Bedingungen gelebt hat. Das finde ich irgendwie ermutigend.

Interview: Arne Löffel

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