Deutschlands Justiz kann ein Lied davon singen. Keiner weiß, wie viele Anzeigen gegen die aufmüpfige Französin bereits erstattet wurden. Es werden wohl ein paar hundert sein. Widerstand, Verstoß gegen das Versammlungsgesetz, Nötigung, Belästigung, Beleidigung: Es gibt wenige Paragrafen, die noch nicht gegen Cécile Lecomte angewandt wurden. Grobe Ungehörigkeiten zählen auch dazu. Einmal zum Beispiel fuhr sie mit dem Einrad auf Lüneburgs Marktplatz Slalom. An und für sich nichts Schlimmes – wären die Slalomstangen nicht Soldaten gewesen, die dort gerade ihr Gelöbnis ablegten.
Vor allem aber klettert Lecomte nach Ansicht ihrer Verfolger allzu oft im gesetzlosen Raum. Im Februar 2006 schwang sie sich zum Protest gegen den Schacht Konrad in eine Baumkrone. Pech für sie: Im Stadtgebiet von Lüneburg ist das Sitzen auf Stromkästen, das Liegen auf dem Gehsteig und das Klettern auf Bäume verboten. Ein Obdachlosen-Paragraf, der sich mühelos auch gegen Lecomte anwenden ließ. Als sie vor Gericht saß, skandierten Dutzende Unterstützer „Freiheit für das Eichhörnchen!“ Seither hat sie einen Spitznamen.
Nein, sagt Lecomte, sie provoziere nicht aus Prinzip. „Ich will diese Gesellschaft verändern.“ Sie verstehe nicht, wieso die meisten Menschen sich das alles gefallen ließen: den ökonomischen Druck, die Angstmacherei der Politik, die Lügen der Konzerne, die ewige Leier von Geld und Wachstum. „Schrumpftum“ sei ihr Credo, sagt die Frau mit der spitzen Nase. Wenn es nach ihr ginge, dürfte es von allem ein bisschen weniger sein. Deswegen zieht sie auch regelmäßig los und angelt in Müllcontainern von Supermärkten nach Verwertbarem, obwohl sie inzwischen über ein Patensystem der „Bewegungsstiftung“ halbwegs finanziert wird. „Guck mal“, sagt sie und holt ein halbes Päckchen einwandfreie Berliner aus ihrer Wohnwagen-Vitrine. „Wieso wird das weggeworfen?“
Sie kapiert es nicht. Sie versucht, zu begreifen. Egal, was sie tut. Deswegen hat sie auch Wirtschaft studiert. „Ich will verstehen, wogegen ich protestiere.“ Inzwischen ist das eine ganze Menge. In Frankfurt ist sie auf Hochhäuser geklettert, um den Banken auf der Nase herum zu tanzen. Gegen den Flughafenausbau hat sie einen Baum besetzt. In Bad Freienwalde und in Würzburg hat sie geholfen, Genfelder zu „befreien“, in Lacoma gegen den Braunkohleabbau demonstriert. In Stuttgart war sie auch erst vor ein paar Wochen und hat dort einen Baukran erklommen. Mit dem Strafbefehl rechnet sie seither täglich.
Die Atomkraft aber versteht sie am allerwenigsten. Dass die Politik allen Ernstes eine Energieform als sauber und günstig preise, deren Hinterlassenschaften noch Jahrtausende strahlen werden und für die es europaweit kein sicheres Depot gebe, gehe ihr nicht in den Kopf, sagt sie. Deswegen hängt sie sich rein. Bei jedem Transport, von dem sie Wind bekommt. Als im Januar 2008 ein weiterer Transport mit radioaktivem und hochgiftigem Uranhexafluorid von Grohnau nach Russland startete, setzte sich auch Cécile Lecomte in Bewegung, spannte im Wald von Steinfurt ein Seil zwischen zwei Bäume und baumelte in der Eiseskälte über den Gleisen. Mehr als sechs Stunden hielt der Zug ihretwegen. Das Eichhörnchen hatte den Biber gestoppt. Sie hat ein gerahmtes Foto von der Aktion in ihrem Bauwagen stehen: Es zeigt einen Polizisten in einer Baumkrone, der sie vorsichtig zu sich hinüber zieht. Sie lächelt dabei.
Natürlich wurde ihr auch deshalb der Prozess gemacht. Und auch diesen hat sie, fürs Erste, gewonnen. Lecomte, befand das Gericht, habe nicht im „Regellichtraum“ des Zuges gehangen, dieser hätte also, theoretisch, unter ihr hindurch fahren können. „Zu hoch für die Justiz!“, jubelte die linke Presse. Schon aber steht der nächste Prozess vor der Tür. Weil sie bei einer weiteren Zugblockade im April 2009 einem Polizisten zurief, er solle ihr Seil loslassen, sie werde sonst stürzen, folgte prompt wieder eine Anzeige. Diesmal wegen „verbaler Nötigung“. „Die lassen nicht locker“, sagt Lecomte, die gerade dabei ist, ein Buch zu schreiben. Es handelt sich um schrullige Kurzgeschichten aus deutschen Gerichtssälen. Sie lässt ebenfalls nicht locker. Als eines ihrer unzähligen Verfahren eingestellt wurde, protestierte sie auch dagegen – und pochte auf einen Freispruch.
Das Schlimmste: vier Tage im Gefängnis
Wie wenig Spaß allerdings die Behörden verstehen, wenn es um Cécile Lecomte geht, zeigte sich wenige Tage vor dem Castor-Transport 2008. Damals besetzte die Französin mit vier Mitstreitern eine Brücke und wurde dabei festgenommen. Während die anderen Aktivisten danach wieder gehen durften, wurde Lecomte abgeführt und vier Tage lang in Braunschweig in eine Einzelzelle gesperrt. Was sie dort erlebte, ist inzwischen Gegenstand einer Verfassungsbeschwerde. Nicht nur sollen die Polizisten die ganze Nacht über das Licht in Lecomtes Zelle angelassen haben. Vor allem kann die Aktivistin beweisen, dass in ihrem Gewahrsamstrakt bizarre Fotos und offenbar witzig gemeinte Polizei-Kunst an den Wänden hingen. Ein Bild zeigt einen Gefangenen, der an Händen und Füßen gefesselt auf einer Pritsche kauert. Daneben eine tiefe Delle in der Wand auf Kopfhöhe, um die ein Rahmen gehängt wurde – darunter die Textzeile „Kopfstoß gleich kopflos“.
Die vier Tage im Gefängnis, sagt Lecomte heute, gehörten zum Schlimmsten, das sie je erlebt habe. Noch einmal werde sie das nicht aushalten. Umso beunruhigter ist sie, seit der NDR jüngst eine Dokumentation über den Widerstand im Wendland ausstrahlte. Der Polizeipräsident von Lüneburg, Friedrich Niehörster, sagt darin unumwunden über Lecomte: „Das ist absolut krank, was sie da macht.“ Es sei im Übrigen „nicht undenkbar“, dass man besondere Störenfriede auch in diesem Jahr gesondert behandeln werde.
Die Kletter-Aktivistin, da kann man sicher sein, wird das nicht davon abhalten, auch in dieser Sturmsaison auf den Bäumen zu sein. Gerade dieses Mal sei die Hoffnung so groß wie nie, „dass wir den Castor zurückschicken werden“. In diesem Herbst hätten sogar Pfadfinder, Katholiken und die SPD Widerstand angekündigt. Letzteres wird in der Szene zwar als durchsichtiger Populismus beschimpft, andererseits nehmen es die Uralt-Aktivisten als Zeichen dafür, dass ihr Protest endgültig in der Mitte angekommen ist. „Dieses Jahr ist ein total anderes Ausmaß des Widerstands“, sagt Lecomte. Kneifen gelte nicht. „Ich würde nicht klar damit kommen, nichts zu machen.“
Irgendwann allerdings wird sie damit wohl klar kommen müssen. Cécile Lecomte nämlich ist inzwischen schwerbehindert. Seit bei ihr vor sechs Jahren Rheuma diagnostiziert wurde, fällt es ihr immer schwerer, sich zu bewegen. Bisweilen schwellen die Gelenke auf Ballongröße an, mehr als zwei Kilometer am Stück kann die trotzige Frau längst nicht mehr laufen. In den Bergen war sie seit Jahren nicht mehr. Bäume aber schafft sie noch mit erstaunlicher Flinkheit. „Klettern“, sagt das Eichhörnchen, „ist für mich wie ein Schmerzmittel.“ Aber wie lange noch? Cécile Lecomte versucht den Gedanken an diese traurige Ironie so weit es geht zu verdrängen: dass das Gesicht der Bewegung sich irgendwann wohl nicht mehr wird bewegen können.
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