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AKW in Nachbarländer und deutscher Protest: Gefährliche Nähe

Deutschland ist umgeben von Atomkraftwerken. Einige Meiler in den Nachbarländern gelten als anfällig. Das schafft Konflikte. Eine Reise an Grenzbereiche.

Kapitän Lüder Rosenhagen sitzt im Straßencafé, vor sich Himbeersahnetorte, das Meer könnte kaum weiter weg sein. Damals auf dem Schiff, sagt er, da hätten sie Einfluss gehabt auf den Reaktor, „da haben wir viel rumexperimentiert mit der Technik“, ob es zum Beispiel stimmt, dass sich die Neutronen im Behälter abbremsen, wenn man den Druck erhöht. Es war ja alles so neu. Es stimmte.

        

 Fußgängerin auf der deutschen Rheinseite, AKW in Leibstadt in der Schweiz.
Fußgängerin auf der deutschen Rheinseite, AKW in Leibstadt in der Schweiz.
Foto: Winfried Rothermel/dapd

Heute sitzt Rosenhagen am Rhein, er ist in den Südschwarzwald gezogen, nach Bad Säckingen. Den Reaktor hat er nicht mehr unter dem Hintern, wie damals auf See. Der steht jetzt drüben in der Schweiz. Gleich auf der anderen Seite. „Mit den Schweizern“, sagt Rosenhagen, „ist es sehr schwer ins Geschäft zu kommen.“

Es wird Frühling am Hochrhein, in den Vorgärten blühen Kirschbäume, unten am Ufer sind die Schwäne munter geworden in den letzten Tagen. Rosenhagen rückt seinen Stuhl mit der Sonne, immer ein kleines Stückchen weiter, es ist fast wie mit den Schweizern, man muss dran bleiben, aber behutsam.

Als Kapitän hat er einst das nuklearbetriebene Forschungsschiff „Otto Hahn“ gesteuert, es war weltweit eines der ersten seiner Art, ein Atomschiff. Als es 1964 vom Stapel lief und den Weg weisen sollte in eine strahlende Zukunft, da stand Lüder Rosenhagen auf der Brücke und gab die Anweisungen. Im selben Jahr begannen sie in Leibstadt im schweizerischen Aargau mit den Planungen für das Atomkraftwerk.

Leibstadt, so sagen es deutsche Kernkraftgegner, wenn sie spötteln, ist das gefährlichste deutsche AKW. Der Kanton auf der anderen Rheinseite, sagt Rosenhagen, heiße ja nur abgekürzt Aargau, eigentlich: Atomargau.

Rosenhagen ist jetzt 72 Jahre alt, hat in Antwerpen gearbeitet und in Düsseldorf, er arbeitet immer noch, für ein Versicherungsunternehmen begutachtet er Transportschäden. Als er vor gut 30 Jahren vom Schiff gegangen ist, hat er eine Skepsis gegenüber der Kernkraft mitgenommen, die ihn zwar um die ganze Welt gebracht hat, ihm aber doch nie ganz geheuer war. Also schloss er sich den Grünen an und dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), in Bad Säckingen ist er die Anti-AKW-Bewegung. Mit dem Beharrungsvermögen des Seemanns hat er sich auch diesen Platz erkämpft: Lüder Rosenhagen sitzt in einem schweizerischen Forum für Atomkraft und Endlagersuche, er ist dort der einzige Deutsche. Leicht ist das nicht.

„Die Energiepolitik in der Schweiz ist stark von den Konzernen gesteuert“, sagt Rosenhagen, „da wird viel gemauschelt, man kommt da kaum richtig ran.“ Also stellt er Anträge, schreibt Einwände, wartet, bis er wie immer als Letzter endlich Rederecht hat. „Und am Ende sagen sie: Luegen mer mol.“ Schauen wir mal.

Es sind zwei Strömungen, in die sich alles teilt, seit am anderen Ende der Welt das Gebäude des Reaktors Fukushima Daiichi 1 in die Luft geflogen ist und die Kernfrage alles andere verdrängt hat. Für die einen muss Deutschland so schnell wie möglich raus aus der Atomenergie, weil sie eben doch nicht beherrschbar ist, diese Technik, die zwar billigen Strom produziert und einigermaßen umweltschonend ist, aber irgendwie auch unberechenbar. Die anderen sagen: Das ist ja alles richtig, aber was hilft es, wenn Deutschland aussteigt, und die anderen drinbleiben?

Deutschland protestiert gegen Atomkraft

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Mehr als 90 Atomkraftwerke sind in der Europäischen Union am Netz, viele der ältesten, anfälligsten Meiler stehen gleich hinter der deutschen Grenze. Das hat weniger mit bösem Willen zu tun als mit der Tatsache, dass die Grenzen in Europa zumeist durch Flüsse definiert sind, die die Kernkraftwerke zum Kühlen brauchen: Leibstadt in der Schweiz, ein paar Kilometer rheinabwärts Beznau, dann Fessenheim und Cattenom in Frankreich, dazu Tihange in Belgien und Temelin in Tschechien.
Störfälle gibt es immer wieder, am längsten sind die Listen in Leibstadt, in Fessenheim und in Temelin. Immer auf der anderen Seite. Muss Deutschland jetzt also ein Vorbild sein? „Unbedingt“, sagt Kapitän Rosenhagen, „leuchtend!“ Man müsse jetzt einfach zeigen, dass ein mächtiges Industrieland abschalten kann, ohne zusammenzubrechen. Dann würden die anderen schon folgen.

So sieht das der Kapitän, aber es gibt andere, sie sind Konzernkapitäne, die sehen das ganz anders. Die EDF und Areva in Frankreich, die Nordostschweizerische Kraftwerke AG, der Temelin-Betreiber CEZ, die deutschen Energiekonzerne Eon, EnBW und RWE, sie alle sind längst Teil eines Machtkampfes um die Zukunft einer Branche, die schwach ist wie noch nie. „Für uns ist das eine ganz große Chance“, sagt Axel Mayer.

Die Freiburger Wilhelmstraße ist eine Baustelle, es werden neue Leitungen verlegt, der Weg zum Regionalbüro des BUND führt über einen Hinterhof. Axel Mayer sitzt im Erdgeschoss in einem kleinen Büro, bis unter die Decke stapeln sich Bücher und Aufrufe, Anzeigenmotive und Fähnchen, der Dielenboden knarzt bei jedem Schritt. Der Regionalchef des Bundes für Umwelt und Naturschutz springt auf, läuft quer durchs Haus, setzt sich wieder, steht wieder auf, rotiert auf seinem Drehstuhl.

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Autor:  Felix Helbig
Datum:  13 | 4 | 2011
Seiten:  1 2 3
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