Wenn so die Sixties aussahen, wäre man damals gern dabei gewesen. Im Saal junge Menschen zwischen 20 und 40 in Partylaune, scherzend, schäkernd, ab dem zweiten Stück der Band mit den Hüften kreisend.
Auf der Bühne eine Tanzkapelle, die das Publikum mit sattem Bläsersound und Mitklatsch-Rhythmen antreibt. Zwei schwarze Tänzer und Backgroundsänger heizen die Hütte mit einer sportiven Choreografie weiter an.
Und der Lead-Vokalist versprüht einen lässigen Charme, den man zuletzt in Kindertagen in der Dean-Martin-Show gesehen hat: weißes Hemd und schwarze Fliege, Bundfaltenhose und gewinnendes Lächeln; der unrasierte Sohn von Nick Knatterton und Aretha Franklin.
Zugegeben: So sahen die Sixties nie aus. Was die Band Ben L’Oncle Soul in diesen Tagen auf ihrer ersten Tour präsentiert, ist schon eher eine Cartoon-Version des legendären Motown-Stils der 60er Jahre. Den Beteiligten ist das egal, allen voran dem Mann, der sich all das ausdachte: Ben L’Oncle, 26, Frankreichs derzeit erfolgreichster Pop-Export, unterwegs in Clubs in Europa und Kanada, um noch mehr Menschen anzustecken mit seiner Phantasie der Sixties. In Frankreich hat das Debütalbum schon Platin-Status, sechs Monate rangierte es in den Charts unter den 25 meistverkauften Alben. In Köln und München waren die Häuser ausverkauft, in anderen Städten knapp davor. Es sind die ersten Auftritte im Ausland überhaupt.
Der junge Charmebolzen, der sich Onkel nennt, lümmelt vor dem Gig im Frankfurter Club Batschkapp mit Sweater und Zigarette auf seinem Garderobenstuhl. Leicht aufgekratzt vor Vorfreude, aber nicht wirklich nervös. Im Saal nebenan probt seine Band eine schmissige Nummer namens „Soulman“, die Otis Redding sicher gefallen hätte. Gutes Stichwort: „Meine Mutter, eine Sozialarbeiterin, verliebte sich in Otis Redding, als sie 19 war“, erzählt er seine Geschichte.
Ben L’Oncle, 1984 im französischen Tours geboren, studierte in seiner Heimatstadt Kunstgeschichte und schrieb nebenher mit einem befreundeten Keyboarder Songs im Stil der 60er. Nach nur wenigen Clubkonzerten wurde das Fernsehen auf ihn aufmerksam.
2009 trat er mit einer Band und mit Tänzern in der Arte-Konzertreihe „One Shot Not“ auf.
Sein Debütalbum „Ben L’Oncle“ mit selbstkomponierten Stücken und Coverversionen ist bei Motown France/Universal erschienen – eine Gute-Laune-Platte mit clever arrangiertem Bigband-Sound, abwechselnd zwischen Tanznummern und Balladen. Kostproben seiner Musik gibt’s im Internet unter www.myspace.com/oncleben zu hören. (two)
„Von sieben Uhr früh bis Mitternacht hörte sie diesen amerikanischen 60er-Jahre-Soul.“ Das war in den 80ern im südfranzösischen Tours schon eine Ausnahme; eine Erklärung für Mutters Passion hat der Sohn nicht. „Ich weiß nur, sie kannte einen Plattenverkäufer, der ihr diese Importalben besorgte.“ Söhnchen Ben hätte das Zeug zu den Ohren rauskommen müssen. Stattdessen sog er alles begierig auf und ging 1998 in den Kirchenchor, um seine Stimme auf seelenvollen Gesang zu trainieren.
Nicht lange, bis der Chorleiter auf ihn aufmerksam wurde. Der kräftige Pop-Tenor, mal leicht angeraut, mal samtweich, empfahl sich für höhere Aufgaben. Doch die ließen eine Weile auf sich warten. Ben nahm ein Studium an der Kunsthochschule auf, traf den Keyboarder Gabin Lesieur, nahm mit ihm zwei alte Motown-Nummern auf und postete sie unter dem Namen „Oncle Ben“ auf der Musik-Website Myspace. „Dann lief die Maschine an.“
Zunächst mal meldete sich die französische Sektion des US-Reis-Herstellers „Uncle Ben’s“ und verlangte eine Umbenennung des Projekts. Dann folgten Auftritte als Vorband für größere Pop-Acts in Pariser Clubs. Jedes Wochenende pendelte der Kunststudent in die Metropole, um ein paar Nummern zu singen. Bis an einem Abend ein Talent-Scout von Motown France dabei war – jenem Plattenlabel, mit dessen Musik er daheim in Tours groß geworden war. ich
Tags darauf kam der Anruf. Wie es mit einem Vorvertrag aussähe? „Schrecklich gern“, antwortete der Neuling, „aber meldet euch doch noch mal in sechs Monaten, wenn ich wirklich genügend gute Songs habe.“ Chapeau!
Genügend Selbstbewusstsein ist vorhanden
Die Songs hat er inzwischen. Und ein künstlerisches Konzept dazu. Die Rolle als netter Onkel aus den Sixties spielt er perfekt: Auf den Fotos im CD-Booklet posiert er im großkarierten Sakko als Traveller mit Stil, im rosa Pullunder und Schiebermütze als Golfer, schließlich daheim im Designersessel, umgeben von floralen Tapeten und glänzendem Furnier-Mobiliar aus den später 60ern. „Das ist keine Maskerade“, sagt er, „es geht um einen Lifestyle.“ Genau benennen kann er ihn freilich nicht. Die Möbel sind jedenfalls seine eigenen.
Als Sammler von Sixties-Memorabilia möchte er sich dennoch nicht sehen. Was er am Motown-Sound der 60er schätzt, seien vor allem die Stimmen gewesen, beziehungsweise „die Persönlichkeit hinter den Stimmen“, wie er sagt. Wenn Otis Redding und Aretha Franklin auf der Bühne standen, „wirkten sie absolut überzeugt von dem, was sie machten – man spürte: Sie meinten es wirklich ernst, sie machten dem Publikum nichts vor“.
Aber so sehr er diesen Geist des frühen Soul schätzt, zu Hause ist er ganz im postmodernen Hier und Jetzt. Sein bisher größter Hit ist eine gut gelaunte Bigband-Version des White-Stripes-Hits „Seven Nation Army“, auch die Red Hot Chili Peppers und die Spice Girls stehen auf seinem Programm – alles neu im Stil der goldenen Motown-Ära arrangiert.
Ob Ben mit seinem Gesamtkunst-Konzept dauerhaft Erfolg hat, wird sich in diesen Wochen zeigen. Während er weiter tourt, kommt im Februar die Single „Soulman“ heraus, Bens erste Eigenkomposition.
Genügend Selbstvertrauen, dass das Ganze gut geht, hat er jedenfalls schon demonstriert. Den White-Stripes-Hit, der ihn gerade erst ein wenig bekannt machte, ließ er beim Konzert einfach weg und sang den Text schelmisch grinsend zur Musik einer ganz anderen Nummer. Gefeiert wurde er trotzdem.
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