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Als Kind missbraucht: Auf Opas Schoß

Das könne so nie vorgefallen sein, ganz unmöglich, blockte ihre Mutter ab und atmete auf, als sie hörte, dass keine körperliche Gewalt angewendet worden war. Sie wisse von nichts, behauptete die Großmutter. Die Verwandtschaft war sich einig, den Kontakt zum Kinderschänder abzubrechen. "Warum hat damals keiner den Mut besessen, ihn anzuzeigen?" Antje Gruber zweifelt an der Loyalität ihrer Familie. "Welche Kinder saßen noch auf seinem Schoß?"

Gesicherte Zahlen gibt es kaum. Das Bundeskriminalamt spricht von rund 15.000 Kindern unter 14 Jahren, die jedes Jahr in Deutschland sexuell misshandelt werden. Die Experten vom Opferschutzverein "Dunkelziffer" gehen von bundesweit jährlich 200.000 Missbrauchsfällen aus. Das Schwierigste sei, die Taten im Nachhinein zu beweisen, sagt die Opferanwältin Anke Sefrin. Mit Hilfe eines Gutachtens müsse die Glaubwürdigkeit der Aussage überprüft werden. Für die Missbrauchten eine oft unerträgliche Tortur.

Unbehelligt von der Justiz lebt der Großvater inzwischen in einer Wohnanlage bei Stuttgart. "Alles erstunken und erlogen", sagt er auf Anfrage der Stuttgarter Zeitung. Wie könne sie so etwas einem alten Mann nur antun, wehrt er am Telefon die Vorwürfe seiner Enkelin ab. Das sei üble Hetze gegen ihn, der pure Hass.

Zusammen mit ihrer Therapeutin hat Antje Gruber den Großvater zur Rede gestellt. Sie hat ihn beschimpft in seinem Wohnzimmer, ihm gesagt, dass er für das, was er mit ihr gemacht hat, büßen muss. "Soll ich dafür jetzt Gift nehmen?", sei seine lakonische Antwort gewesen, erinnert sich Antje Gruber und fühlte sich wieder so hilflos wie früher.

Vieles ist im Dunkeln verschwunden

Als Erwachsene schaut sie sich an, was sie so lange verdrängt hat. Das ist Steinbrucharbeit. Manches kommt nie zutage, manches bricht an unerwarteter Stelle auf. "Mein halbes Leben ist wie ausgeblendet", sagt sie, vieles sei im Dunkeln verschwunden, hinter den fest verschlossenen Augen, die die erlebten Grausamkeiten ausblenden wollten. Geblieben sind die Ängste. Wenn ihr jemand mit einer Bierfahne zu nahe kommt, spürt sie wieder das flaue Gefühl im Magen, das Herzklopfen, den Ekel, der hochstieg, als sich der Mund des angetrunkenen Großvaters ihr näherte.

Es sind Gerüche, die das Verdrängte freilegen. Schweiß, Sperma, der Mief im Treppenhaus, dessen Stufen sie hinaufgehen musste in das ehemalige Büro mit der Schaumstoffmatraze. Mit der Therapeutin an ihrer Seite wagte sie auch die Rückkehr an den Tatort. Längst hat sich in den renovierten Räumen eine Familie eingerichtet. "Das Schlimmste war das Bad", erzählt Antje Gruber. Die graugeflammten Steinzeug-fliesen, die Enge und das Gefühl von früher, es wieder mal überstanden zu haben. Am Waschbecken spülte sie das Sperma an ihrem Körper weg, die schmierige Vaseline.

Es gibt die leichten Tage, an denen Antje Gruber Freunde trifft, im Fitnessstudio Kraft tankt oder sich einfach aufs Sofa legt. Es gibt die anderen Tage, da überlegt sie sich, wie es wäre, einen kleinen Fahrfehler zu begehen. Sie müsste das Steuer nur ein bisschen drehen, um die Schwere nie wieder zu spüren. Seit sie die Psychotherapie begonnen und das Schweigen beendet hat, geht es ihr besser. "Ich kann allen Frauen nur raten, aus ihrer Isolation zu kommen", sagt Antje Gruber, die erst nach dem Tod ihrer Mutter vor drei Jahren an Aufarbeitung denken konnte. "Ich dachte immer, das erledigt sich von allein."

Im Fotoalbum finden sich nur wenige Aufnahmen vom Großvater. Eine zeigt ein Mädchen auf dem Schoß eines älteren Mannes, ein gemütlicher Märchenonkel. Beide lachen. "Ich kann es nicht ansehen", sagt Antje Gruber und dreht das Foto um. "Er verdient eine gerechte Strafe." Die Justiz mit ihrer Verjährungsfrist ist ihr keine Hilfe, deshalb ist sie zu einem Pfarrer gegangen. Man müsse verzeihen und vergeben, hat der ihr geraten. Antje Gruber verzieht das Gesicht. Sie will erst mal aufdecken und anklagen.

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Autor:  Christine Keck
Datum:  10 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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