Winnenden. Einen Tag nach dem Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart gibt es offenbar Hinweise auf das Motiv des Täters.
Es lägen erste Anhaltspunkte zu der Tat mit insgesamt 16 Toten vor, sagte der Waiblinger Polizeichef Ralf Michelfelder am Donnerstag im ZDF-"Morgenmagazin" in Winnenden. Während der ganzen Nacht sei das Umfeld des Amokläufers Tim K. ausgeleuchtet worden. Einzelheiten sollten voraussichtlich auf einer Pressekonferenz am Donnerstag um 11 Uhr mitgeteilt werden.
Thomas kennt Tim K. gut. Als Kinder haben sie häufig zusammen gespielt. Der 19-Jährige, der seinen richtigen Namen lieber nicht nennen will, wohnt in Leutenbach in der Nachbarschaft von Tim. In den vergangenen Jahren habe er wenig mit Tim zu tun gehabt, sagt Thomas. Tim K. sei "ziemlich eigen" geworden. Ein ganzes Arsenal von Luftdruckwaffen habe der in seinem Zimmer gelagert. Der 19-Jährige Michael V., der mit dem Amokläufer Tischtennis spielte, fügt hinzu: "Er hatte Tausende Horrorvideos zu Hause." Andere Schüler bezeichnen Tim als still.
Softairwaffen und Luftdruckpistolen hätten bei Tim einfach so herumgelegen. Die habe er wohl aus dem Keller seines Vaters gehabt, sagt Thomas. Der Vater, der nach der Schilderung von Nachbarn ein "typischer Patriarch" sei, habe eine ganze Sammlung besessen. Auch die Tatwaffe stammte nach Angaben der Polizei vom Vater, der einen Waffenschein hat.
Die Pistole hatte Tim offenbar aus dem Schlafzimmer seines Vaters entwendet. Es deute alles darauf hin, dass der Vater die Waffe nachlässig aufbewahrt habe, sagt Polizeichef Michelfelder. Die Staatsanwaltschaft werde nun prüfen, welche Maßnahmen gegen das Mitglied eines Schützenvereins eingeleitet werden müssten.
Schlecht in der Schule
Bislang galt der 17-Jährige als "völlig unauffällig", wie auch Kultusminister Helmut Rau (CDU) sagte. Der Täter habe die Schule im Vorjahr mit mittlerer Reife abgeschlossen und danach eine Ausbildung begonnen. Offensichtlich habe er eine "doppelte Identität" gehabt. Nachbarn beschreiben den Amokläufer, der eine 15-jährige Schwester habe, als "schüchtern". Die Familie, die in einem Neubau im Ortsteil Weiler zum Stein wohnt, sei recht wohlhabend.
Leutenbachs Bürgermeister Jürgen Kiesl kennt die Familie nur "oberflächlich", aber als sehr "freundlich". Sie lebe schon lange in der Gemeinde und sei "integriert ins Vereins- und Gemeindeleben". Der Vater sei im Schützenverein aktiv. Den Sohn zeichnete der Bürgermeister vor ein paar Jahren bei einer Sportlerehrung aus, auch einen Wettbewerb im Armdrücken gewann er schon.
Nun rätseln alle, was Tim zu der Tat getrieben haben könnte. "Er war halt schlecht in der Schule", versucht der 19-jährige Thomas eine Erklärung. Zumindest sei er "mehr ein Einzelgänger geworden". Sein wichtigstes Hobby jedoch habe er nie aufgegeben: "Tischtennis war seine Leidenschaft", sagt Tomas. Mit Computern hatte Tim nicht viel am Hut. Für das Internet habe er sich auch nicht begeistert. Während Thomas das sagt, presst er plötzlich seine Hand auf den Mund und dreht sich weg. Soeben hat er die Bestätigung erhalten, dass die Schwester seines besten Freundes unter den Todesopfern ist. (ddp)
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