Das Grauen begann nachmittags um vier. Was zuerst nur wie ein Wohnungsbrand in der kleinen Ortschaft Kinston im US-Bundesstaat Alabama aussah, wurde zu einem schrecklichen Amoklauf.
Michael M. hatte, wie sich herausstellen sollte, das Haus in Brand gesetzt, in dem er mit seiner Mutter lebte, und die Frau erschossen. Aber das war erst der Anfang. Am Ende hinterließ er eine Spur des Todes mit insgesamt elf Opfern, wie der örtliche Sender Wear-TV berichtete.
September 2008: An einer Berufsschule der südwestfinnischen Kleinstadt Kauhajoki erschießt ein 23-Jähriger neun Klassenkameraden, einen Lehrer und sich selbst.
Februar 2008: Ein 27-jähriger Ex-Student erschießt an einer Uni bei Chicago fünf Studenten. Anschließend tötet er sich.
November 2007: Ein Abiturient erschießt an einem Gymnasium im finnischen Tuusula acht Menschen und tötet sich selbst.
April 2007: Bei dem bislang blutigsten Amoklauf an einer US-Hochschule sterben an der Virginia Tech in Blacksburg mindestens 33 Menschen, darunter der Täter.
Oktober 2006: Ein 32-Jähriger ermordet in der Schule in Nickle Mines (US-Staat Pennsylvania) fünf Mädchen der Religionsgesellschaft der Amish und tötet sich.
März 2005: In Red Lake (Minnesota) tötet ein Jugendlicher seinen Opa, dessen Freundin, fünf Schüler, eine Lehrerin und sich.
September 2003: Ein 15-Jähriger tötet auf dem Schulgelände in Cold Spring (US-Staat Minnesota) zwei Jugendliche.
8. Juni 2001: Im japanischen Osaka ersticht ein 37-Jähriger acht Grundschüler.
März 2001: Im kalifornischen Santee tötet ein 15-jähriger Teenager zwei Mitschüler.
April 1999: An der Columbine-Schule in Littleton (Colorado) erschießen zwei Jugendliche zwölf Mitschüler und einen Lehrer. Danach bringen sie sich um.
März 1998: Ein elf- und ein 13-Jähriger lösen an ihrer Schule in Jonesboro (Arkansas) Alarm aus und töten aus dem Hinterhalt vier Mädchen und eine Lehrerin.
Oktober 1997: In der High School von Pearl (Mississippi) tötet ein 16-Jähriger zwei Klassenkameraden. Zuvor hatte er seiner Mutter die Kehle durchgeschnitten.
August 1966: Ein Heckenschütze tötet an der University of Texas in Austin 16 Menschen, bevor ihn die Polizei erschießt.
März 1996: Im schottischen Dublane eröffnet ein Amokläufer das Feuer in der Turnhalle einer Schule. 16 Kinder und ihre Lehrerin werden getötet, bevor sich der Täter selbst erschießt.
Nachdem der 27-jährige Amokläufer das Haus verlassen hatte, flüchtete er mit seinem Auto in die Nachbarregion Geneva County. Dort erschoss M. seine Großeltern, bei denen er als Kind gelebt hatte, sowie Onkel und Tante, die in der Nähe der Stadt Samson ahnungslos zusammen auf ihrer Veranda saßen.
Gegenüber starben zwei weitere Menschen: die Frau des Hilfssheriffs und ihr 18-monatiges Kind, die der Familie zufällig gerade einen Besuch abgestattet hatten. Ein weiteres Kind wurde schwer verletzt in eine Klinik geflogen. Auf einem Hof soll der Killer auch einen Mann in einem Wohnmobil erschossen haben.
"Ich kann nicht beschreiben, was passiert und und warum es passiert ist", sagte Behördensprecher Greg Ward dem CNN-Partnersender WTVY. "Ich kann nur sagen, es ist ein trauriger Tag für unsere Region." Auf seiner Flucht in Richtung Highway 52 gab der Täter anschließend sieben Schüsse auf einen Polizeiwagen ab. Ein Beamter erlitt leichtere Verletzungen. Offenbar schoss der Amokläufer wahllos auf alles, was sich bewegte. Weitere Todesopfer wurden ein Mann vor einem Haushaltswarenladen und eine Frau, die gerade eine Tankstelle verließ.
Fast 20 Kilometer weit ging die Fahrt bis in den Ort Geneva. Dann rammte ein Polizeiwagen das Fluchtfahrzeug. Daraufhin überschlugen sich die Ereignisse. Auf dem Gelände der Metallfabrik von "Reliable Metal Products", in der McLendon gearbeitet hatte, schoss er mit seiner halbautomatischen Pistole noch einmal wild um sich und verletzte dabei auch den Polizeichef von Geneva, Frankie Lindsey. Dann flüchtete er sich in ein Gebäude. "Drinnen waren Schüsse zu hören. Wenig später fanden Polizisten den Mann tot auf", zitierte CNN einen Beamten. Vermutlich habe er sich erschossen.
Kurz darauf machten erste Spekulationen über das Tatmotiv die Runde. Ein Reporter berichtete, dass der Mörder vor kurzem seinen Arbeitsplatz bei der Firma verloren hatte. Andere Spekulationen gingen in Richtung Familiendrama.
Der Bürgermeister von Samson, Clay King, zählte zu denen, die in den Stunden nach dem Schock hilflos nach einer Erklärung suchten. "Das alles ergibt keinen Sinn", sagte er. "Das ist so, als ob man ganz unvermittelt einen Schlag in die Magengrube bekommt." Samson ist ein ländlicher Weiler mit nur 2000 Einwohnern, jeder kennt hier jeden. "Es ist ein enormer Verlust für die Stadt", sagte King. "Alle kannten die Opfer." Besonders tragisch: Hilfssheriff Josh Myers, der sich an der Verfolgungsjagd auf den Amokläufer beteiligte, erfuhr erst hinterher, dass seine Frau und sein 18 Monate altes Kind von M. erschossen wurden. Myers sprach wenige Stunde nach der Tat mit Journalisten. "Ich habe so viel geweint, ich habe keine Tränen mehr übrig", sagte er. "Ich werde nie in meinem Leben verstehen, was passiert ist. Ich kannte den Täter nicht. Ich habe ihn nie getroffen."
Das Blutbad weckt Erinnerungen an ein anderes schreckliches Drama in Alabama, das sich vor sieben Jahre ereignet hatte: Ein junger Mann schoss damals sechs Angehörige der Familie seiner 16-jährigen Freundin auf einer Farm in Luverne nieder. Der Täter wurde drei Jahre später zum Tode verurteilt.
Wer war Michael M.? Nach Aussage eines ehemaligen Kollegen ein "sehr ruhiger, sehr zurückhaltender Mensch". Er "war niemand, der Probleme machte", betonte Wayland Tharp gegenüber afp. Im Auto des Amokläufers wurden nach der Tat weitere Waffen und Munition gefunden. Ein Waffennarr also? Eine Schusswaffe zu erwerben, ist in den USA mit ihren liberalen Waffengesetzen jedenfalls kein Problem. Das Recht auf Waffenbesitz ist in der Verfassung garantiert, in einzelnen Bundesstaaten können sogar Privatpersonen ganz legal Maschinengewehre kaufen. Insgesamt sind mindestens 200 Millionen Schusswaffen im Umlauf.
Zu erwarten ist, dass der Amoklauf von Alabama wieder einmal den Ruf nach strikterer Waffenkontrolle laut werden lässt. Vom demokratischen Präsidenten Barack Obama erwarten viele eine Verschärfung der Gesetze. Das hat dazu geführt, dass amerikanische Waffennarren nach Obamas Wahl vorsichtshalber ihren Vorrat an Pistolen, Gewehren und Munition aufgestockt haben.
Gegen strengere Regeln kämpft seit Jahren erfolgreich die mächtige Waffenlobby. Die National Rifle Association mit ihren 4,3 Millionen Mitgliedern, 138 Jahre alt, hat eine schlichte, aber durchschlagende Argumentation: Nicht die Waffen töten Menschen, sondern Menschen töten Menschen. (rin/afp/dpa)
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