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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

09. Januar 2013

Amoklauf in Finnland: „Er schoss, um zu töten“

 Von Hannes Gamillscheg
Hiltunen nahm die Waffen aus dem Gewehrschrank seines Vaters. (Symbolbild)  Foto: dpa

Ein 18-jähriger schießt in einer finnischen Kleinstadt wahllos auf Menschen. Jetzt beginnt der Prozess gegen Amokschützen.

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Eines der Opfer richtet die Frage, die all bewegt, direkt an den Attentäter: Warum? Warum hat er wahllos auf Menschen geschossen? Doch der 19-jährige Eero Hiltunen, der wegen zweifachen Mordes und Mordversuchs in sieben Fällen im finnischen Hyvinge vor Gericht steht, hat nur eine Erklärung: Er sei wütend gewesen. Er sitzt auf der Anklagebank, klein, blass, die Kapuze in die Stirn gezogen und den Blickkontakt mit den Opfern meidend. „Ich weiß nichts anderes“, sagt Hiltunen mit leiser Stimme, und dass er um Vergebung bitten wolle. „Mir ist klar, welche Konsequenzen das für mich hat.“

Das wissen auch alle Zuhörer im Gericht der Kleinstadt, 50 Kilometer nördlich von Helsinki: Am Schuldspruch und Gefängnis auf Lebenszeit herrscht kein Zweifel, auch wenn Hiltunens Verteidiger sich bemüht, die Tat als Affekthandlung darzustellen und daher auf Totschlag und eine mildere Strafe plädiert. Aber wie kann einer im Affekt gehandelt haben, der zwischen dem auslösenden Moment und seinem Amoklauf drei Stunden verstreichen ließ? „Er hatte alle Möglichkeiten, sich zu besinnen“, sagt die Anklägerin. „Er tat es nicht.“

"Die Wut wollte nicht weichen"

In der Gerichtsverhandlung wird vor allem darüber gesprochen, welche Folgen Hiltunens Wahnsinnstat für die Opfer hatte. Da ist die Polizistin, die getroffen wurde, als sie aus dem Streifenwagen sprang. 48 Mal ist sie seither operiert worden, immer noch leidet sie unter großen Schmerzen. Da ist der junge Mann, der zu Finnlands Baseballhoffnungen zählte und jetzt verkrüppelt ist, die Studentin, deren Hand zerschmettert wurde und damit auch der Traum von einer Karriere als Flötistin. Da ist die Barkeeperin, die sagt, sie könne keinen Milchkarton mehr heben, der Wächter, dessen Leben eine Schmerzenshölle wurde. Da ist die junge Frau, deren Freund ihr kurz zuvor einen Heiratsantrag gemacht hatte, und die jetzt Witwe ist. Und das alles, weil ein Jüngling sich rächen wollte, wie Hiltunen seine Tat zu begründen sucht.

Im Mai letzten Jahres ging Hiltunen nach einem Tag mit Bier und Computerspiel mit zwei Gleichaltrigen in ein Pub, geriet in Streit und forderte den einen der beiden zum Ringkampf heraus. Wenig später lag er besiegt auf dem Boden, der andere lachte höhnisch. „Ich fühlte mich erniedrigt, ich drohte, ihn umzubringen. Die Wut wollte nicht weichen“. So nahm er ein Taxi nach Hause. Die Mutter riet ihm, sich hinzulegen, doch er wies sie ab. Stattdessen nahm er aus dem Gewehrschrank des Vaters zwei Waffen, eine kleinkalibrige und einen Elchstutzen, füllte die Taschen mit Munition, stieg auf sein Moped und fuhr zurück in den Ort.

Wahllos auf Leute geschossen

Zweimal stürzte er unterwegs, beim zweiten Mal fragte er sich: Was tust du da eigentlich? Er feuerte einen Schuss in den Wald, dann fuhr er weiter. In Hyvinge kletterte er über die Feuerleiter auf ein Hausdach und nahm den wie immer belebten Platz ins Visier. 25 Minuten lag er dort, schickte einem Freund eine SMS, in dem er ihm sein Hab und Gut vermachte, erneuerte sein Facebook-Profil mit den Worten: „Hat Spaß gemacht, Kumpels“ und begann wahllos auf die Leute auf dem Platz zu schießen – „ruhig, entschlossen, systematisch“, wie die Anklägerin beschrieb. „Er schoss, um zu töten.“ Und traf.

Im Getümmel merkten zuerst viele nicht, was geschah. Dann nahm er die schwere Waffe für die Elchjagd und feuerte weiter. Er ist ein erfahrener Schütze, der mit dem Vater oft geübt hat und Kriegsspiele mag. Er schoss einem Mann in den Kopf und Panik breitete sich aus. Als der erste Polizeiwagen eintraf, streckte er die Polizistin nieder, dann hatte er genug. Er kletterte vom Dach, entkam, fuhr in einen Wald, wo er übernachtete. Da erst sei ihm aufgegangen, was er getan habe, behauptet er. Als er heimkam, wartete die Polizei auf ihn.

Jetzt versucht sein Verteidiger zu beweisen, dass der damals 18-Jährige durch die Schmach seiner Niederlage so außer sich gewesen sei, dass er nicht klar denken konnte. Doch ein psychiatrisches Gutachten hat ihn als zurechnungsfähig eingestuft.

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