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Analphabeten: Lesen lernen hinter Gittern

Sie freuen sich, wenn sie ihrer Frau zum ersten Mal einen Brief schreiben oder die Biografie von Oliver Kahn lesen können: In Münster lernen Häftlinge, was vier Millionen Einwohner nicht können.

Im Knast in Münster lernen Häftlinge lesen und schreiben.
Im Knast in Münster lernen Häftlinge lesen und schreiben.
Foto: dpa

Münster. Werner will nach seiner Entlassung kein Professor werden. Aber Frachtbriefe möchte er schon ausfüllen können. Der Lastwagenfahrer sitzt wegen Raubes für fünf Jahre im Gefängnis. Und er will diese Zeit in der Zelle nicht verschwenden. Werner, einer von geschätzten vier Millionen Analphabeten in Deutschland, hat im Knast von Münster lesen und schreiben gelernt. "Wenn man mit 37 Jahren das erste Mal seiner Frau einen Brief schreiben kann, dann ist das schon cool", findet der hagere, dunkelblonde Häftling und schaut mit großen Augen stolz durch seine Brille. In seiner Jugend hatte er als Heimkind nie richtig lesen gelernt und früh die Schule abgebrochen.

Am Unterrichtsraum irritieren nur die Gitterstäbe vor den Fenstern. Ansonsten findet sich in der Justizvollzugsanstalt Münster das typische Inventar einer deutschen Volkshochschule: Zimmerpflanzen in Terrakotta-Töpfen, Lernposter an hellbeigen Wänden, ein etwas in die Jahre gekommener Computer. Ralf Häder vom Bundesverband Alphabetisierung, der den Kurs organisiert, sieht mit den Augen eines Pädagogen aber doch einen Unterschied: "Hier herrscht eine Lern- und Sprechkultur, die ich in Volkshochschulen ganz selten sehe. Toll!" Die Motivation sei enorm hoch.

Gefängnisleiterin Maria Look ist sichtlich stolz auf den Lernerfolg ihrer "Jungs". Im legeren grünen Sommerkleid sieht sie nicht aus, wie die Leiterin einer Anstalt mit 606 Insassen, sondern eher wie eine wohlwollend strenge Schulleiterin. Tatsächlich haben hier seit 2002über 1400 Gefangene das ganz normale Abitur gemacht. Die Gefängnisbücherei wurde sogar zur "Bibliothek des Jahres 2007" gekürt. Damals setzte sich der Knast von Münster gegen die Universitätsbibliothek Karlsruhe und die Stadtbücherei München durch.

Student als ehrenamtlicher Lehrer

Doch wenn jemand nicht lesen kann? Seit Oktober 2008 gibt es nun die bundesweit einmalige Kooperation zwischen einem Gefängnis und dem Alphabetisierungsverband.

Der Bundesverband für Alphabetisierung schätzt den Anteil funktionaler Analphabeten in Deutschland auf fünf Prozent. "Funktionaler Analphabetismus" beschreibt unzureichende Lese- und Schreibkenntnisse für die Bewältigung alltäglicher Aufgaben. Für seine Führerscheinprüfung musste Werner eine Theorieprüfung machen. Weil er vier Monate lang alles auswendig gelernt hatte, war er nach drei Minuten fertig. Ohne Fehler. Ralf Häder hört solche Geschichten immer wieder: "Das fotografische Gedächtnis ist oft besonders ausgeprägt und gleicht das Lesedefizit im Alltag ein wenig aus." "Wer nicht lesen kann, gilt schnell als dumm. Auch im Knast.

Deshalb heißt der Kurs ganz unauffällig "Lese-Workshop". So ist nicht direkt erkennbar, dass hier junge Erwachsene auf einem Niveau von Zweit- oder Drittklässlern an ihren Lese- und Schreibfertigkeiten arbeiten, meint Kursleiter Tim Tjettmers. Der 25-jährige Pädagogikstudent mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung kommt zweimal pro Woche für den Unterricht vorbei. Ehrenamtlich und ohne Bezahlung: "Wenn sich schon Gefangene freiwillig melden, dann will ich auch helfen", erklärt Tjettmers seine Motivation. Mangels entsprechender Haushaltsmittel wird seine Hilfe bis auf weiteres unbezahlt bleiben.

"Wie 'Polizei' geschrieben wird, wusste ich schon"

Seinen Schülern öffnet Tjettmers eine neue Welt. Mohamed aus Sierra Leone, seit 1999 in Deutschland, liest gerade die Biografie von Oliver Kahn: "Das geht ganz gut. Immer weitermachen", schmunzelt er. Sein Klassenkamerad Ali schmökert derzeit in "Ein Wort zehn Cent". In der Geschichte von Michael Freund knöpfen Häftlinge ihren schreibschwachen Zellengenossen Geld für das Ausfüllen von Anträgen ab. Unrealistisch findet die Münsteraner Lerngruppe das nicht.

Auch der ehemalige Fernfahrer Werner wollte ursprünglich nur einen Antrag auf Telefongenehmigung stellen. Ein fast unmögliches Unterfangen, bei dem seine Lese- und Schreibschwäche offenbart wurde. Nach neun Monaten im Kurs ("Wie "Polizei" geschrieben wird, wusste ich schon") wird Werner jetzt nach Hagen verlegt. Einen Kurs wie in Münster gibt es dort nicht.

Autor:  MALTE SCHÖNEFELD, DPA
Datum:  10 | 7 | 2009
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