Sie ist jung, sie ist sexy, sie hat als Fotomodell gearbeitet - und sie stand auf der Fahndungsliste von Interpol. Angie Sanclemente Valencia, 31, gilt als Chefin eines internationalen Drogenschmuggler-Ringes. Nun ist sie in Buenos Aires verhaftet worden.In der Presse wird sie als Kokain-Königin apostrophiert, denn die Behörden werfen ihr vor, ein raffiniertes Schmuggel- und Transportsystem für kolumbianisches Kokain aufgebaut zu haben.
Die Sache war im Dezember aufgeflogen, nachdem die Polizei auf dem Flughafen von Buenos Aires eine ebenfalls schöne und junge Frau mit einem Koffer voller Kokain erwischt hatte - über 50 Kilo hatten die Ermittler sichergestellt. Die Drogen-Kurierin wollte ins mexikanische Seebad Cancún fliegen, von dort aus sollte das Kokain nach Europa weitergeleitet werden.
Angie Sanclemente Valencia, 31, gewann vor zehn Jahren in ihrer Heimat Kolumbien den Titel der "Kaffee-Königin" und startete danach eine Karriere als Bikini- und Unterwäschemodel. In ihrer späteren Wahlheimat Mexiko versuchte sie sich auch als TV-Schauspielerin - ohne großen Erfolg.
Die Königin des Kokains, wie Sanclemente in Latainamerika nun genannt wird, soll laut Interpol an der Spitze eines Schmugglerrings stehen. Grundlage für den Haftbefehl war die Aussage einer mutmaßlichen Komplizin. Sanclementes Anwalt hat erklärt, es gebe keinerlei Beweise gegen seine Mandantin.
In der Untersuchungshaft begann die Botin zu reden, und so deckte die Polizei das System auf: Einmal am Tag reiste eine junge, hübsche, aber nicht allzu auffällige Frau mit Kokain nach Cancún, um die Drogen dort an Händler zu übergeben - so der Plan, den Angie Sanclemente ausgeheckt hatte.
Seit wann die Bande nach dieses System operiert, ist unklar. Nach der Festnahme des "Maultiers" im Dezember freilich - "mula" nennt man in Lateinamerika die Kuriere des Drogen-Handels - wurde die schöne Angie mit internationalem Haftbefehl gesucht. Damals logierte sie noch in Luxushotels in Buenos Aires. Im März zog sie bereits in die bescheidene Pension "K-Lodges" im Touristen-Viertel Palermo, wo die Übernachtung im Vierbettzimmer neun Dollar kostet.
Die Drahtzieherin hatte ein Doppelzimmer gemietet - und Verdacht erregt, weil sie sich dort einmal als kolumbianische, einmal als mexikanische Studentin ausgegeben hatte. Als die Polizei nun zugriff - Interpol hatte eine anonyme E-Mail erhalten, die sie denunzierte und ihren Aufenthaltsort nannte -, stand sie gerade unter der Dusche. Auf dem Tisch lag Platons "Gastmahl".
Angie Sanclemente stammt aus bescheidenen Verhältnissen, fing in Barranquilla an der kolumbianischen Karibik-Küste mit 15 als Model an, zunächst ohne allzu großen Erfolg. Nebenher arbeitete sie als Verkäuferin in einem Autozubehör-Laden. Im Jahr 2000 erlangte sie landesweite Prominenz oder jedenfalls Bekanntheit, als sie zur Kaffee-Königin gewählt wurde - was in Kolumbien etwa so bedeutend ist wie der Titel einer Weinkönigin in Rheinland-Pfalz.
Aber auch dieser Erfolg währte nur kurz: Ihren Thron musste Sanclemente schon nach zwei Tagen räumen, als publik wurde, dass sie mit ihren 21 Jahren schon einmal - drei Monate lang! - verheiratet gewesen war. Und Kaffee-Königinnen müssen in Kolumbien jungfräulich sein.
Später hatte sie als Model unter anderem für Bikinis und Unterwäsche einigen Erfolg - ihre beachtlichen, Experten zufolge freilich silikonverstärkten Kurven sicherten ihr damals stets Aufmerksamkeit und Aufträge. Dann heiratete sie ein zweites Mal, und zwar einen "El Monstruo" genannten mexikanischen Drogenhändler. Auch die Ehe mit dem "Monstrum" ging auseinander - ihre geschäftlichen Beziehungen aber erhielten die geschiedenen Eheleute aufrecht, wie die Polizei herausfand.
Die Buenos-Aires-Connection gehörte dazu, und sie fügte sich in ein größeres Schema ein. Denn die festgenommene Kurierin führte den Zentner Kokain einfach so im Koffer mit sich - ohne sich die Mühe zu machen, das Rauschgift zu verstecken. Ein Anzeichen dafür, dass Komplizen an den Flughäfen tätig werden sollten - bloß dass sich Angie damals irgendwie verrechnet haben musste.
Frauen haben traditionell im von Männern beherrschten Drogen-Geschäft wenig zu sagen und kommen fast nie über die Rolle der Schmugglerin hinaus. Auch die im Dezember Festgenommene wollte nur schnell die 5000 Dollar für ihren Flug verdienen. Sie war die Freundin eines argentinischen Mitarbeiters Sancelementes, der die Mädchen auftreiben sollte und für jede von ihnen 2000 Dollar bekommen sollte.
Gangster-Braut hingegen gilt in Lateinamerika nach wie vor als verblüffend populäres Lebensziel. Vor wenigen Jahren machte in Kolumbien die Tele-Novela "Ohne Titten kommst du nicht ins Paradies" dieses Phänomen zum Thema: Junge Frauen lassen sich die Brüste vergrößern und hoffen, sich dadurch einen reichen "Narco", wie die Drogengangster genannt werden, angeln zu können.
Angie Sanclemente hat sich deutlich über dieses Niveau erhoben. Unter Gauner-Namen wie "Diamante" und "Lucy" nahm sie offenbar eine zentrale Stelle im Schmuggelsystem ein. Nur wenige Frauen im Drogen-Geschäft übertreffen sie an Macht und Einfluss. Sandra Ávila Beltrán etwa, die "Königin des Pazifiks", wurde 2007 in Mexiko verhaftet - ebenfalls eine Schönheit, die zur Aristokratie der Kokain-Kriminalität gehörte.
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