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09. Februar 2013

Anna Loos und Jan Josef Liefers: „Traumpaar? Ist doch absurd“

Jan Josef Liefers und Anna Loos.  Foto: Berliner Zietung/Paulus Ponizak

Anna Loos und Jan Josef Liefers sprechen über ein Leben in der Öffentlichkeit, heimliche Botschaften in der Musik und die Frage, ob man vom Reichstagsbrand im Fernsehen heute nur noch als Liebesgeschichte erzählen kann.

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Die Stimmung in der Agentur, die Anna Loos und Jan Josef Liefers betreut, ist entspannt. Die beiden Schauspieler und Musiker sind öfter hier, tief im Westen Berlins, um mit ihrer Managerin ihre Medienauftritte zu besprechen. Am Konferenztisch im hellen Altbau-Wohnzimmer wird Milchkaffee geschlürft und geplaudert, nebenbei signiert Anna Loos einen Stapel CDs. Gerade ist die neue Platte ihrer Band Silly eingetroffen. Stolz spielt sie ein paar Titel an, bis auch Liefers zum gemeinsamen Interview erscheint, privat wie immer ohne das Bärtchen seines Professor Boerne, den er im „Tatort“ aus Münster, spielt. Selten, aber bewusst treten sie von Zeit zu Zeit gemeinsam auf, sagt er. Auch im Film geben sie nun wieder ein Paar, in der ARD-Produktion „Nacht über Berlin“, die in den Tagen des Reichstagsbrands 1933 spielt. Auch bei diesem Thema bleibt die Atmosphäre ungezwungen, die beiden nehmen sich Zeit, hören einander zu. Einmal verlässt Loos das Zimmer, als ihr Telefon klingelt: „Sorry, das ist mein krankes Kind, da muss ich rangehen.“

Frau Loos, Herr Liefers, kann Popmusik die Welt verändern?

JAN JOSEF LIEFERS: Vielleicht nicht die Welt, aber den einzelnen Menschen. Ist ja auch schon was.

Sie sind beide in der DDR aufgewachsen – und haben beide gegen sie opponiert. Welche Rolle spielte dabei die Musik, die Sie in Ihrer Jugend gehört hatten?

LIEFERS: Schwer zu sagen. Bei mir war es wie bei vielen Jugendlichen in der DDR. Ich habe mich musikalisch vor allem am Westen orientiert, von den Beatles bis zu Pink Floyd. Erst als ich Jahre später wieder in meine alten Ostplatten von Bands wie Lift, Karat, Pankow oder Silly reingehört habe, wurde mir klar, dass sie mich mehr beeinflusst hatten, als ich lange dachte.

ANNA LOOS: Ich glaube, es war ein Wechselspiel. Die DDR-Bands, die ich mochte, kamen aus demselben Umfeld. So entstand die stille Übereinkunft, dass in der Musik versteckt, alles angesprochen wurde, was uns nervte, vom Liebeskummer bis zur Obrigkeit mit ihren Reise- und Meinungsverboten. Wir haben erwartet und erhofft, etwas zwischen den Zeilen zu finden. Ich weiß noch, wie ich bei jeder neuen Silly-LP gesucht habe, welche Aufmüpfigkeiten sie an der Zensur vorbeibringen konnten.

Silly war eine der erfolgreichsten Bands der DDR. Nach dem Tod von Sängerin Tamara Danz wurden Sie 2008 die neue Frontfrau. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute auf der Bühne die alten DDR-Hits von Silly singen? Ist das reine Nostalgie?

LOOS: Auf keinen Fall. Natürlich ist Musik immer auch ein Spiegel ihrer Zeit. Und gerade die lyrische Arbeit der Ostbands hat über die Jahre einen Dreh bekommen, den es im Westen nicht gab. Wenn Silly 1985 ein Lied brachte wie „Ich seh’ so gerne in die Ferne“, wusste jeder, wie es gemeint war. Aber auf neue Weise funktioniert das auch heute noch. Natürlich denkt dabei keiner, der im Westen aufgewachsen ist, daran, dass man vierzig Jahre lang sein Land nicht verlassen durfte. Aber vielleicht an einen Aufbruch in die Ferne, der am nötigen Mut oder auch am Geld scheitert.

Auch Sie, Herr Liefers, arbeiten wieder an einem Musikprogramm, diesmal mit eigenen Songs. Zuletzt waren Sie mit DDR-Rocksongs auf Tour. Wieso kommen diese Lieder heute auch im Westen an?

LIEFERS: Nicht alle! Wenn Lieder, ob im Osten oder Westen, nur aufs Zeitgeschehen reagierten, sind sie in Vergessenheit geraten. Aber Kunst, die eine generelle Aussage transportiert, kann auch spätere Generationen berühren. Ein paar DDR-Hits funktionieren noch, sogar ohne eine Erklärung.

Zum Beispiel?

LIEFERS: In meiner Jugend hatte ein Song von Lift große Bedeutung für mich: „Am Abend mancher Tage, da stimmt die Welt nicht mehr. Irgendetwas ist zerbrochen, wiegt so schwer.“ Das hab ich rauf und runter gehört, als klar war, dass ich kein Abitur machen darf, wenn ich mich nicht für drei Jahre bei der NVA verpflichte. In meiner Schulzeit passte „Als ich wie ein Vogel war“ von Renft auf das, was ich fühlte. Die DDR wollte, dass jeder Einzelne im Kollektiv aufgeht. Mir war aber wichtig, eine eigenständige Person zu sein. Davon sangen Renft: „Als ich wie ein Vogel war, der am Abend sang, riefen alle Leute nur: Sonnenuntergang.“ Du lässt dir was einfallen, machst auf dich aufmerksam – und alle gucken weg.

LOOS: Das deutet jeder auf seine Weise. Heute gibt es die Mentalität, zu jedem Lied zu sagen, was es sagen soll. Ich mag das nicht. Ich will, dass der Zuhörer zum Teil des kreativen Prozesses wird, durch seine Interpretation. Dann ist egal, ob der Text in der DDR oder im Westen entstand. Ein Song, der ohne Erläuterung nicht wirkt, ist tot. Dann funktioniert die Kunst nicht mehr.

LIEFERS: Dass die Musiker gezwungen waren, ihre Aussagen zu verkleiden in eine manchmal anstrengende Lyrik, um die Zensur zu überstehen, macht die Songs heute etwas sperrig. Aber so entstand Poesie. Ein Hit von Lift hieß „Nach Süden, nach Süden (wollen wir fliegen)“ – einfach, weil sie nicht singen durften: Nach Westen, nach Westen. Aber dann wäre der Song auch nicht so schön gewesen.

Sie meinen, durch die vielen Metaphern funktionieren diese Songs heute noch, während politische Texte aus dem Westen jetzt oft peinlich klingen – wie Joseph Beuys’ Rockexperiment „Sonne statt Reagan“ oder Wolf Maahns Atomkraft-Song von 1986: „Oh, oh, Tschernobyl, das letzte Signal vor dem Overkill, hey hey, stopp die AKW“.

LIEFERS: Es kommt auf die Qualität insgesamt an. Was Beuys da gemacht hat, war eben auch musikalisch nicht doll. Und während Beuys und Maahn tagespolitische Statements abgeben wollten, waren viele Ost-Songs als Kunstwerke mit politischen Anklängen gemeint.

Entsteht in einer Diktatur also bessere politische Kunst als in einer freien Gesellschaft?

LIEFERS: Künstler wie Heiner Müller haben es so gesehen: Kunst in einer Diktatur sei interessanter, weil sie ernster genommen wird, fand er. Du erzielst größere Wirkung als in einer Gesellschaft, in der jeder alles sagen darf. Hättest du im DDR-Fernsehen gesagt, „Honecker ist ein Gauner und gehört ins Gefängnis“, hättest du einen Grund bekommen, das ausgiebig zu bereuen. Heute erntest du für so was nur ein Schulterzucken.

Heißt das, während Silly früher relevante Kunstwerke schrieben, sind Ihre neuen Songs heute vor allem Konsumgüter, Frau Loos?

LOOS: Nein, das glaube ich nicht. Musik spiegelt ihre Zeit, wie gesagt. Ich habe Wert darauf gelegt, dieses Mal selbst Texte beizusteuern, und ich bin, würde ich sagen, ein sehr politischer und kritischer Mensch. Ich habe auch die Texte von unserem alten Texter aus einem großen Stapel ausgesucht und bin sicher, dass das kritische Gefühl, das im Herzen von uns vier Sillys liegt, sich auf der neuen Platte entdecken lässt. Silly hat sich nie mit Tagespolitik beschäftigt, sondern mit Kritik an der Gesellschaft insgesamt. „S.O.S.“ zum Beispiel wurde für viele im Osten zu einem Soundtrack der Wende – weil ein Untergangsszenario beschrieben wird, das die meisten beim Fressen und Saufen ignorieren. Dieses Gefühl, auf einem Pulverfass zu sitzen, während die „Kapitäne“ schlafen, gibt es heute wieder.

Jan Josef Liefers

"Mir wäre es zu anstrengend, ständig ein Bild von mir zu erzeugen, das nichts mit mir zu tun hat."

Aber die Vieldeutigkeit entstand aus Angst vor Zensur. Wenn man heute singen kann, was man will – verlieren politische Texte dann ihren Reiz?

LOOS: Sicher, heute werden Texte mehr eins zu eins gehört. Aber es ist doch auch toll, so offen sein zu können wie wir auf der neuen CD, etwa im Song „Vaterland“: „Wir bringen für Geld den Tod in die Welt. Wie lieb ich so ein Land, mit Herz oder Verstand?“ Das hätte man früher nicht schreiben und aufführen können.

Sie beide reflektieren Politik aber nicht nur in der Musik oder durch Ihre Auftritte in zeitgeschichtlichen Filmen. Sie treten auch als öffentliche Personen für politische Anliegen ein, etwa für intelligente Entwicklungshilfe in Afrika. Was ist wirkungsvoller?

LOOS: Mit Filmen oder Musik erreicht man mehr Leute, weil viele Menschen sich gegen solche Statements von Promis sperren und generell politikverdrossen sind. Für meine politische Meinung interessieren sich viel weniger Leute – aber über Filme oder Texte komme ich mit Fans oder Bekannten oft in Gespräche, die ich direkt so gar nicht ansteuern könnte.

LIEFERS: Es gibt viele Themen, die ich für wichtig halte – von der Frage, wie groß der Einfluss der Wirtschaft auf die Politik ist, bis zur Frage, welche Vision wir für Europa in 20 Jahren haben. Ich finde, diese Debatten sollten auch Personen anstoßen, die kein Politsprech reden. Als wir uns zum Beispiel über die Entwicklungsfortschritte und ungelöste Probleme in Ghana informiert haben, haben wir sowohl in klassischen Medien, als auch in sozialen Netzen davon berichtet – und das Interesse war erstaunlich groß. Viele Leute interessieren sich durch eine Geschichte von jemandem, den sie gut finden, eher für ein neues Thema. Man muss sich im Klaren sein: Sich als öffentliche Person nicht politisch zu äußern, ist auch eine politische Entscheidung.

Öfter als im Politikteil werden Sie allerdings in den bunten Spalten erwähnt – als „öffentliches Paar“, über dessen Essensgewohnheiten oder Streitkultur berichtet wird. Ärgert Sie das Ausmaß, in dem Ihr Privatleben inzwischen publik gemacht wird?

LIEFERS: Es hält sich in Grenzen, finde ich. Dass Leute, die uns als Schauspieler oder Musiker schätzen, sich auch fragen, „Wie sind die so als Paar? Wie machen sie das mit den Kindern?“, gehört eben dazu. Der Wunsch, hinter die Kulissen zu gucken, ist so alt wie die Bühne selbst. Diesen Blick ein Stück zuzulassen, ist nicht unsere Lieblingsbeschäftigung. Aber ab und zu sagen wir: Ist in Ordnung.

Sie gehen gemeinsam über rote Teppiche, sitzen nebeneinander bei „Wetten, dass..?“, singen Duette. Andere Künstlerpaare treten nicht so offensiv auf.

LOOS: Die arbeiten halt nicht so häufig – und vielleicht auch nicht so gern – zusammen wie wir. Immerhin haben wir schon sieben Filme miteinander gemacht.

Ist es nicht anstrengend, wenn Privates und Berufliches nahtlos ineinander übergeht?

LOOS: Partnerdreh ist nicht jedermanns Sache, ich weiß. Weil jeder für sich wahrgenommen werden will. Als ich Jan kennenlernte, und wir zusammen auftraten, habe ich auch schon geschauspielert. Aber in den Zeitungen war ich immer nur – Vorname: Freundin, Nachname: von Jan Josef Liefers. Ich habe es registriert, ohne dass es mich sonderlich gestört hätte. Und es hat sich ja geändert. Wenn ein Partner im Dauerneid lebt, weil der andere prominenter ist, darf man nicht gemeinsam arbeiten. Wir sind da entspannt. Wenn wir zu zweit in Talkshows gehen, dann immer mit dem Wissen: Das ist Arbeit. Zu „Wetten, dass..?“ gehen, heißt, einen Film verkaufen, für ein Buch werben. Deshalb sitzen 99 Prozent der Gäste da.

Zur Arbeit gehört auch, dass Sie beide schon mal als „Brangelina des Ostens“ bezeichnet werden oder als „Berlins Lieblingspaar“. Ist das nicht sehr dick aufgetragen?

LOOS: Ach, das ist nur noch lustig – absurd irgendwie. Brad Pitt und Angelina Jolie! Also wirklich. Wir sind auch Schauspieler, das stimmt. Wir haben auch Kinder, okay. Aber ansonsten haben wir denselben Brassel wie alle anderen Leute. Gerade liegt eines der Kinder krank zu Hause – mit Fieber und Kotzeritis. Wie’s überall ist. Wir zoffen uns, wir vertragen uns, alles stinknormal. Von wegen Traumpaar. Auch so eine absurde Überhöhung. Wir versuchen jedenfalls immer, den Eindruck zu schwächen, wir seien als Paar perfekt.

Anna Loos

"Wer seine Hochzeit der Bild-Zeitung verkauft, muss sich nicht wundern, wenn die Bild-Zeitung sich die Scheidung umsonst nimmt."

LIEFERS: Es waren vor allem die Fans selbst, die mir geholfen haben, meinen Frieden mit all dem zu machen. Weil sie mir in Gesprächen und so weiter klargemacht haben, dass sie wissen, dass nicht alles so heiß ist, wie es die Medien kochen. Dass es halt Teil des Spiels mit der Öffentlichkeit ist.

Keine Angst vor dem Fahrstuhl-Effekt: Wen der Boulevard nach oben befördert, den begleitet er auch auf dem Weg nach unten?

LOOS: Sicher, wer seine Hochzeit der Bild-Zeitung verkauft, muss sich nicht wundern, wenn die Bild-Zeitung sich die Scheidung umsonst nimmt. Aber wir haben unsere Hochzeit ja nicht verkauft. Also gibt’s auch nichts gratis zu holen.

LIEFERS: Der Umgang mit dem Boulevard ist ein Teil unserer Presse-Arbeit. Zu Recht. Weil ein großer Teil des Publikums sich seine Informationen vom Boulevard holt. Das Verhältnis kann immer mal kippen. Aber auch „seriöse“ Zeitungen haben mir schon dermaßen eine reingeleiert, dass ich fast sagen müsste, ich rede nie wieder mit einem von diesem Blatt. Du denkst, „Hey, ich bin doch euer Freund, ich lese euch doch!“ Aber das hilft dann auch nichts.

LOOS: Vor ein paar Wochen war ich mit den Kindern im Supermarkt. Die Große ist jetzt zehn. Im Zeitschriftenständer entdeckte sie plötzlich auf einer bunten Titelseite ein Bild von Jan und mir mit der Zeile: „Verlässt er seine Familie?“ Sie hat sofort angefangen, wie wild zu weinen. In irgendeinem Interview hatte Jan auf die Frage, wie man eine Liebe ewig jung hält, gesagt, das gehe nicht. Das sei wie mit Salat, den man auch immer wieder frisch anmachen muss.

LIEFERS: Daraus haben die sich eine Ehekrise zusammenfantasiert.

LOOS: Ich war supersauer auf den Journalisten. Das war das erste Mal, dass ich dachte, wenn du den vor dir hättest, würdest du ihn verprügeln. Ich habe ernsthaft überlegt, da anzurufen. Aber die Spucke kannst du dir sparen.

Aber wenn es tatsächlich mal kriseln würde, müssten Ihre Kinder das vielleicht auch alles haarklein in der Zeitung lesen.

LIEFERS: Zeitungen können auch nur schreiben, was sie erfahren. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht vorher wenigstens rückfragen würden, und sei es nur für ein Zitat aus erster Hand. Dann würde man merken, dass es vielleicht eng wird. Aber ehrlich gesagt, spüre ich da keine Bedrohung. Wir haben uns für ein Leben in der Öffentlichkeit entschieden. Dann ist es jetzt halt so. Wir leben gut damit, wir kommen gut zurecht, wir können uns vieles leisten, nicht zuletzt, um unser Leben als Familie zu organisieren.

LOOS: So habe ich das auch den Kindern erklärt. Beide wollen später auch auf der Bühne stehen, Schauspieler werden, Musiker, sowas. Ich habe gesagt: Wenn ihr Erfolg habt, werden sich viele Leute für euch interessieren. Und die Journalisten liefern ihnen die Informationen. Das Bild, das die Medien bauen, ist selten das Bild, das dieser Mensch tatsächlich abgibt. Das sollte man wissen, wenn man sich darauf einlässt. Ich erwarte von keinem Journalisten, dass er – selbst wenn er sich viel Zeit nimmt und sich wirklich öffnet – mich zu 100 Prozent versteht. Aber ich erwarte, dass er, wie auch wir, immer versucht, die Wahrheit zu beschreiben.

Dann schrecken Sie auch öffentliche Trennungen wie die des Ehepaars Wulff nicht? Sie kennen die beiden ja sogar persönlich.

LIEFERS: Ein bisschen, ja. Aber nicht wirklich privat.

LOOS: Trotzdem taten die beiden mir leid. Jede Trennung ist schlimm, vor allem für die Kinder. Aber wenn jeder Zentimeter Privatsphäre ausgeleuchtet und durchgekaut wird, muss es der absolute Horror sein.

LIEFERS: Politiker stehen noch in einem ganz anderen Spannungsfeld. Bis ein Politiker bekannt ist und etwas zu sagen hat, musste er so oft mit der eigenen Meinung hinter dem Berg halten, so oft gegen die eigene Überzeugung argumentieren – es ist schwer, Politiker dann noch in einem authentischen Moment zu erwischen. Wenn dazu das Privatleben ins öffentliche Bild platzt, ist der Scherbenhaufen umso größer.

Rafael und Sylvie van der Vaart sind beide keine Politiker – das Getöse um ihre Trennung blieb ihnen trotzdem nicht erspart.

LOOS: Ich denke, da ist auf allen Seiten ein Stück Berechnung im Spiel. Man versucht, einen kleinen Deal zu machen. Eine Art Tauschgeschäft: „Passt auf, wir trennen uns – wie können wir es so hinbekommen, dass wir öffentlich unser Gesicht wahren und ihr trotzdem was schreiben könnt?“ So stelle ich mir das vor. Dann wird so eine Trennungsgeschichte dreimal nacheinander zum Aufmacher. Und der kleine Voyeur in jedem von uns kriegt sein Futter.

Was unterscheidet am Ende Prominente wie Sie in der öffentlichen Wahrnehmung vom prominenten Politiker?

LIEFERS: Glaubwürdigkeit ist eine harte Währung, für den Schauspieler wie für den Politiker. Viele Leute sagen mir, ich finde Sie als Schauspieler gut, und ich nehme Ihnen ab, wie Sie auftreten. Das ist mir für meine Arbeit total wichtig. Mir wäre es zu anstrengend, ständig ein Bild von mir zu erzeugen, das nichts mit mir zu tun hat. Das macht einen auch extrem angreifbar.

LOOS: So entsteht dieser Druck bei Politikern, bloß keine Fehler zu machen, bloß nichts Falsches zu sagen. Da bin ich viel freier. Ich brauche keinen Pressesprecher, der ständig neben mir steht und jedes Wort kontrolliert.

Auch in Ihrem neuen Film treten Sie wieder gemeinsam auf – noch dazu als Liebespaar. Zögern Sie bei solchen Anfragen eher, oder nehmen Sie sie besonders gern an?

LIEFERS: Für Filmprojekte werden wir bestimmt vier, fünfmal im Jahr im Doppelpack angefragt. Wir sagen aber meistens ab. Auch weil sich manchmal der Boulevard-Aspekt zu sehr nach vorne drängt. Damit so etwas nicht zu wichtig wird, machen wir nur dann gemeinsam Filme, wenn es sehr gute Gründe gibt. Dann kriegt es was Normales.

Ihr neuer Film, „Nacht über Berlin“, erzählt von der Zeit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten – im Rahmen einer Liebesgeschichte. Braucht man eine Lovestory, um Themen wie den Reichstagsbrand heute publikumswirksam umzusetzen?

LIEFERS: Ein guter Geschichtsfilm muss einen Einblick in die Gefühlslage der Menschen der jeweiligen Zeit geben. Das ist ja das Einzige, was der Wissenschaftler außen vor lässt: Gefühle. Gerade im deutschen Film kommt es sehr auf historische Genauigkeit an. Einfach zu behaupten, „so könnte es gewesen sein“, wie das in Amerika üblich ist – das geht bei uns so gut wie gar nicht. Wobei es mit der Genauigkeit beim Reichstagsbrand nicht so einfach ist. Zu DDR-Zeiten habe ich in der Schule gelernt: Ganz klar, das Feuer haben die Nazis gelegt und dem Kommunisten Marinus van der Lubbe angehängt, um gegen die Kommunisten losschlagen zu können. Vor dem Dreh lernte ich nun: Heute geht man davon aus, dass van der Lubbe wohl doch Einzeltäter war.

LOOS: Der Reichstagsbrand ist ein ungeklärter Kriminalfall, der wohl nicht mehr gelöst werden kann. Für eine der Theorien, wie es gewesen sein könnte, muss sich ein Drehbuchautor am Ende entscheiden.

Und für eine Geschichte: In Ihrem Fall wurde der jüdische Arzt und Sozialdemokrat Albert Goldmann erfunden – der am Ende sogar in den brennenden Reichstag rennt, um van der Lubbe zu stoppen. Das geht zwar noch nicht so weit wie Quentin Tarantino, der Hitler in einem Pariser Kino in die Luft fliegen lässt. Aber es ist doch ein kühner Wurf, oder?

LOOS: Kühn? Eine Figur zu erfinden, ist im Film das Normalste der Welt. Und die erfundene Figur, eingewoben in das Geflecht der Ereignisse, macht ja nicht die historische Wahrheit zunichte. Klar müssen die Fakten stimmen. Aber noch wichtiger ist, dass das Gesamtgewebe stimmig ist.

LIEFERS: Zumal die „Wahrheit“ realer Figuren eine zwiespältige Sache ist. Das kennt man vom eigenen Opa: Wie schnell wird die vermeintlich echte Erinnerung zur Geschichtsklitterung! Nicht mal in böser Absicht, sondern, weil wir die Vergangenheit in der Erinnerung deuten.

LOOS: Das Wichtige für mich ist das Eintauchen in die fremde Zeit. Es war, als hätte ich wirklich auf der Bühne des Ballhauses gestanden und vor dem bunten Publikum der Goldenen Zwanziger gesungen. Als hätten wir echt auf einer jüdischen Party in einem Berliner Keller getanzt. Dadurch habe ich zum ersten Mal auf sinnliche und dadurch schmerzvolle Weise begriffen, was für ein riesiger Verlust die Ausrottung der jüdischen Kultur für Deutschland war. In Amerika ist sie lebendig, bei uns verloren. Oder die Frauen: In der Weimarer Zeit gab es viele moderne Frauen – in Hosen und auf schweren Motorrädern. Erst bei den Nazis prägte wieder das Heimchen das Bild.

Welches Geschichtsbild wollten Sie denn mit diesem Film vermitteln?

LOOS: Die Geschichte ist ja bekannt. Wir wollten einen kleinen Teil davon plastisch machen und den Zuschauer emotional in die Zeit einsteigen lassen. Natürlich kann man auch etwas mitnehmen: 1933 ging es Deutschland wirtschaftlich schlecht, die Demokratie war desolat. Viele Parteien, zwei extreme Lager, wobei das linke zersplittert war. Das sollten wir uns auf den Merkzettel schreiben, denn die Demokratie ist ein wichtiges Gut. Gerät sie ins Wanken, ist der Weg für extreme Kräfte frei.

Das wissen wir heute. Sagen Historienfilme also mehr über die Zeit aus, in der sie entstehen, als über die Zeit, die sie behandeln?

LIEFERS: Filme können nie losgelöst von ihrer Entstehungszeit betrachtet werden, Stoffe schon. Um ein Beispiel zu nennen …

LOOS: In der Rückschau auf eine abgeschlossene Vergangenheit funktioniert das. Aber während Geschichte passiert, kennt man ja den Ausgang nicht. Was wir über unsere Gegenwart sagen, werden uns unsere Kinder in 30 Jahren um die Ohren hauen: „Habt ihr denn nicht gesehen, dass …?“

LIEFERS: Dafür wollte ich gerade ein Beispiel bringen, als du mich unterbrochen hast, Anna.

LOOS: Ohhh, Schatz, entschuldige! Mein Lieblingshobby, dich unterbrechen …

LIEFERS: Die Aussage eines Textes kann sich später ins Gegenteil verkehren, ohne dass der Text sich ändert. Heiner Müller hat in den Fünfzigerjahren ein Stück geschrieben, „Der Lohndrücker“. Es ging um einen Helden der Arbeit, der am Hochofen freiwillig Sonderschichten schiebt für den aufstrebenden Arbeiter- und Bauernstaat. Alles positiv gemeint. Kurz vor der Wende wurde das Stück wieder aufgeführt, von Müller selbst inszeniert. Und nur durch die Entwicklungen in der DDR hatte es nichts mehr von sozialistischem Heldentum, sondern wurde ein melancholischer Abgesang auf all die Ideale und Parolen der Entstehungszeit des Stücks. Es war immer noch ein guter Text. Nur die Aussage hatte sich total geändert.

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