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19. Dezember 2014

Antisemitismus in Frankreich: Frankreichs Juden haben Angst

 Von 
Wer sich offen als Jude zu erkennen gibt, lebt besonders in Pariser Vorstädten gefährlich.  Foto: REUTERS

In Frankreich wächst die Zahl antisemitischer Angriffe verstörend schnell. Tausende Juden sind bereits nach Israel gezogen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen. Wer bleibt, versucht nicht aufzufallen.

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Paris –  

„Nennen Sie mich Annie“, sagt sie. Was vertraulich klingt, ein Angebot zum Du sein könnte, ist reine Vorsichtsmaßnahme. Die 67-jährige Jüdin mit dem glasklaren Blick aus graublauen Augen heißt nicht Annie. Aber wenn sie sich in Zeiten wachsender Judenfeindlichkeit namentlich hervortut, muss sie „mit Repressalien rechnen“, wie sie sagt. Ein Zahnarzt aus Annies Freundeskreis hat sich Telefonterror und Morddrohungen eingehandelt, als er im Internet gegen antisemitische Parolen Front machte.

Ob Davidsterne an Briefkästen jüdischer Hausbewohner, brennende jüdische Geschäfte oder ein Synagogen stürmender Mob – was tabu war, ist es nicht mehr. Die Zahl antisemitischer Angriffe hat sich in Frankreich in den ersten zehn Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast verdoppelt. Judenfeindliche Gräueltaten machen von sich reden.

Anfang Dezember ist in der Pariser Vorstadt Créteil ein jüdisches Paar in seiner Wohnung überfallen worden. Die Täter, drei junge Männer, fesselten die Opfer, misshandelten sie, erpressten Kreditartencodes, plünderten die Wohnung, vergewaltigten die Frau. „Wir brechen ein und attackieren Juden, beides auf einmal, mit ein und derselben Tat“, ließ ein sichtlich zufriedener Angreifer wissen.

Ein halbes Jahr zuvor hatte ein Franzose im Jüdischen Museum von Brüssel das Feuer eröffnet und vier Menschen getötet. Vorausgegangen war der Anschlag Mohamed Merahs auf eine jüdische Schule in Toulouse. Der sich zu Al Qaida bekennenden Algerier erschoss im Frühjahr 2012 drei Kinder und einen Lehrer. Ein Jahr nach der Eröffnung des Gerichtsverfahrens gegen die „Bande der Barbaren“ war das gewesen, die einen Juden entführt, drei Wochen lang gefoltert und das sterbende Opfer nackt an einem Bahndamm ausgesetzt hatte.

Die Angst geht um

Für Frankreichs Regierungschef Manuel Valls sind das keine Einzelfälle. „Ein in der Gesellschaft wucherndes antisemitisches Krebsgeschwür“ hat der Premier ausgemacht. Unter Frankreichs Juden geht die Angst um. Rund 5000 haben die Koffer gepackt, um nach Israel auszuwandern. Seit Jahrzehnten haben die Behörden in Jerusalem nicht solch einen Andrang erlebt. Auch Annie denkt manchmal daran, einfach fortzugehen.

Mit 14 Jahren war die aus Algerien stammende Jüdin schon einmal geflohen. Der politisch links stehende Vater war in Oran, wo die Familie lebte, ins Visier französischer Faschisten geraten. Er hatte 1961 für den Rückzug der Besatzungstruppen plädiert, die ein Jahr später tatsächlich abziehen sollten. Annie und ihre Familie kehrten der algerischen Hafenstadt den Rücken, ließen sich in Lyon nieder.

Ein jüdischer Friedhof im Straßburger Stadteil Cronenbourg mit Nazi-Schmierereien.  Foto: REUTERS

Aber kampflos wird Annie das Terrain nicht räumen. Das ist nicht ihre Art. Zur Französisch-Lehrerin ausgebildet, hatte sie nicht in dem großbürgerlichen Pariser Vorort eine Anstellung gesucht, in dem sie heute lebt, sondern dort, wo es wehtut, wo Schuldienst Sozialarbeit ist: In einer von arabisch-afrikanischen Einwanderern geprägten seelenlosen Mietskasernenvorstadt nördlich des „Périphérique“, der Paris umgebenden Stadtautobahn.

Dort draußen hat sie den Antisemitismus kennengelernt, erst als Lehrerin, dann als Schulleiterin. Sie hat ihn bekämpft. Sie hat Niederlagen eingesteckt. Zu den schmerzlichsten zählte der vergebliche Versuch, einen von den Kameraden gemobbten jüdischen Schüler zu schützen. Immer wieder sei der Junge zusammengeschlagen worden, ohne dass die Täter gestellt, gar bestraft worden wären, erzählt Annie. Die Eltern hätten ihn schließlich von der Schule genommen.

Die Toleranz schwindet

Hilflos hatte Annie auch zusehen müssen, wie Schüler einen arabisch-stämmigen Aufseher fertigmachten, von dem es hieß, er habe eine jüdische Großmutter. Die Schule strotzte auf einmal von antisemitischen Graffitis. „Sale Juif“, „dreckiger Jude“, prangte an Hausmauern, Türen, Toilettenwänden.

Die Toleranz schwinde von Jahr zu Jahr mehr, sagt Annie. Sie spricht mit fester Stimme, das Kinn kämpferisch nach vorne geschoben. Aber da sind auch Gesten, die eine andere Sprache sprechen. Wenn Annie mit den Händen ringt, wirkt sie ratlos, verloren.

Zumal unter den Nachfahren nordafrikanischer Einwanderer greift der Antisemitismus um sich. Nicht nur Annie ist zu diesem Schluss gelangt. Erkenntnisse der „Stiftung für politische Innovation“ und des Meinungsforschungsinstituts Ipsos weisen in die gleiche Richtung. Stiftung und Institut attestieren „Teilen der von Einwanderern abstammenden Jugend zunehmende Judenfeindlichkeit“.

Junge Muslime, die sich als Bürger zweiter Klasse erleben, die ihre maghrebinischen Wurzeln verloren und in Frankreich nicht wirklich Fuß gefasst haben, sind demnach in ihrer Verlorenheit zunehmend empfänglich für einen von islamischen Fanatikern geschürten Judenhass. Die Wirtschaftskrise, eine sich in Pariser Vorstädten der 40-Prozentschwelle nähernde Jugendarbeitslosigkeit, wirken als Katalysator. Sie verstärken das Gefühl der Verlorenheit und die Bereitschaft, den als Sündenböcken ausgewiesenen Juden die Schuld an der Misere aufzubürden.

In Sarcelles liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 37 Prozent. Alles scheint dort grau an diesem Wintertag: die von Schlieren und Schimmel überzogenen Plattenbauten, die ausgeblichenen Jacken und abgetragenen Schuhe der Bewohner, der wolkenverhangene Himmel. Am Straßenrand steht der 30-jährige Yoni, eine jüdische Kippa auf dem Kopf. „Juden und Muslime sind in Sarcelles dazu verdammt, irgendwie miteinander klarzukommen“, sagt der Besitzer eines Großhandelsgeschäfts für koschere Lebensmittel.

"In Frankreich töten wir Schwarze, Juden und Araber" steht auf einem Banner, das Jugendliche auf einem Schweigemarsch für die Getöteten eines Angriffs auf eine jüdische Schule vor sich her tragen.  Foto: Reuters

Auf den ersten Blick scheint das miteinander Klarkommen ganz gut zu klappen. Das an der Hauptstraße gelegene Bistro schmückt sich mit Glaslampen aus Marokko und Fotos des jüdischen Sängers und Komponisten Serge Gainsbourg. Am Tresen dringen arabische Wortfetzen ans Ohr. Yoni sagt, er habe seit Schulzeiten gute muslimische Freunde.

Sehr belastbar ist der Religionsfrieden allerdings nicht. „Tod den Juden“, hallte es im Sommer durch Sarcelles. Ein mit Äxten und Metallrohren bewaffneter, 3000 Angreifer zählender Mob versuchte, die große Synagoge zu stürmen. Jüdische Geschäfte gingen in Flammen auf. Es war die Zeit, da Israel im Gazastreifen Krieg führte. Die in Sarcelles lebenden Juden sollten dafür büßen.

Die Ausschreitungen haben Spuren hinterlassen. Die große Synagoge des Orts erinnert an einen Militärstützpunkt in Feindesland. Haushohe Mauern, besetzt mit engmaschigem Zaundraht und Speerspitzen, bilden einen ersten Befestigungsring. Ein von Halogenscheinwerfern ausgeleuchteter Innenhof schließt sich an. Es folgen vergitterte Tore, hinter denen ein Wachmann patrouilliert.

Die Mehrheit ist tolerant

Die eine Straße weiter gelegene jüdische Mädchenschule ist wegen des steten Kommens und Gehens von Lehrern und Schülerinnen schwerer abzuriegeln. Auf dem mannshohen Gitterzaun am Rand des Geländes hat die Schulleitung Stahlplatten aufschweißen lassen. Die Frage nach dem Namen der Schule löst auf der anderen Seite des Zauns Alarm aus. Mädchen weichen erschrocken zurück. Ein Wachmann eilt herbei. Er kenne den Namen der Schule nicht und bitte darum, zügig weiterzugehen, sagt er.

„500.000 französische Juden werden für Israels Politik verantwortlich gemacht, so wie sechs Millionen in Frankreich lebende Muslime mit den Gräueltaten Al Qaidas und des Islamischen Staates in eins gesetzt werden“, sagt Yoni. Ein jüdischer Rentner tritt hinzu, stellt sich als Julien vor, pflichtet Yoni bei. Die überwältigende Mehrheit der Muslime wie der Franzosen überhaupt sei tolerant, hege keine Vorbehalte gegenüber Juden, versichert er. Das Problem seien islamische Fanatiker und in ihren Bann geratende Jugendliche. Meinungsforscher können das bestätigen. Laut einer Erhebung der Beratenden Nationalen Kommission für Menschenrechte gelten Juden in Frankreich als die am besten integrierte und mit Abstand beliebteste Minderheit.

Julien zieht ein Smartphone aus der Jackentasche. Er klickt auf einen Link. Ein Videoclip der Gaza Girls erscheint, ihre Debut-Single „Kill all the Jews“ erklingt. Um die Botschaft „Bringt alle Juden um“ zu illustrieren, fahren sich die singenden Teenager mit der flachen Handkante die Kehle entlang. Julien klickt weiter, ruft die nächste Internetseite auf. „Ein guter Jude ist ein toter Jude“, hat dort jemand unter einem Pseudonym gepostet. „Wer im Netz dagegen protestiert, riskiert Kopf und Kragen“, sagt Julien. Frankreichs Regierung müsse sich auf die Seite der gemäßigten Muslime schlagen, die schweigende Mehrheit ermutigen, die Stimme zu erheben. Sie habe vor den islamischen Fanatikern doch genauso Angst wie die Juden.

Frankreichs Regierungschef Manuel Valls spricht von einem "antisemitischem Krebsgeschwür".  Foto: AFP

Innenminister Bernard Cazeneuve will im Kampf gegen den Antisemitismus die Nation in die Pflicht nehmen. Schulen, Justiz, Präfekturen, Abgeordnete, Verbände und Repräsentanten der Religionsgemeinschaften sollten gemeinsam gegen die Judenfeindlichkeit vorgehen, fordert der Minister. Was das im Einzelnen geschehen soll, hat er nicht gesagt. Und es sieht bisher auch nicht so aus, als wolle die Bevölkerung die Reihen schließen, gar auf die Barrikaden gehen. Nach dem Überfall von Créteil kamen ganze 1000 Menschen zusammen, um gegen den Antisemitismus zu demonstrieren. Gleichgültigkeit und Resignation bestimmen das Bild. Der Staat sei gefordert, hat Roger Cukierman gesagt, der Vorsitzende des Nationalrats der Jüdischen Einrichtungen Frankreichs (CRIF), nachdem die gesellschaftliche Solidarität hinter den von der Politik geweckten Erwartungen zurückgeblieben war.

Annie ist mittlerweile pensioniert. Sie verspürt ein wachsendes Bedürfnis, zu den Wurzeln ihres Glaubens vorzudringen. Im 15. Pariser Arrondissement hat sie sich einem jüdischen Gesprächskreis angeschlossen. „Wir versuchen nicht aufzufallen“, sagt sie. Die Teilnehmer kommen in einem schmucklosen Saal zusammen. Raum und Menschen sind religiös schwer zuzuordnen. An der Tür prangt kein Davidstern. Niemand trägt eine Kippa. Trotzdem müssen sich die Treffen herumgesprochen haben. „Wir machen euch kaputt“, schallte es neulich von der Straße herauf. Seitdem melden die Mitglieder des Gesprächskreises jede Zusammenkunft der Polizei.

Annie hat kürzlich einen Brief aus Kalifornien bekommen. Ihr Sohn lebt dort. Er macht sich offenbar Sorgen. Immer mehr französische Juden ließen sich in seiner Umgebung nieder, schreibt er. Sie sagten, sie hätten sich in Frankreich nicht mehr sicher gefühlt. Der Brief schließt mit der Frage: „Magst du nicht lieber auch kommen?“

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