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25. Juni 2008

Apostel Paulus: Ein heiliges Phantom

 Von ROLAND MISCHKE
Manche sehen in ihm den wahren Gründer des Christentums: Apostel Paulus im Phantombild. Foto: dpa

Er war klein, hellhäutig, hatte eine ausgeprägte Stirnglatze und krumme Beine: Deutsche Kriminalbeamte erstellten ein Profil des Ur-Missionars.

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Müssen die Phantombildzeichner der Kripo ran, geht es normalerweise um Verbrechen. Vor kurzem wurden die Experten des Landeskriminalamts aber bei einem Fall zu Rate gezogen, der für sie ganz und gar ungewöhnlich war. Denn erstens lebte der Unbekannte vor fast 2000 Jahren. Und zweitens gilt der einstige Missetäter längst als geläutert und rehabilitiert - er wandelte sich sprichwörtlich vom Saulus zum Paulus. Für Christen ist der Gesuchte ein alter Bekannter: der Apostel Paulus.

Es gibt Unterlagen über ihn: historische Skizzen, Angaben über sein Alter, seine Familienverhältnisse - und eine Personenbeschreibung bereits aus dem zweiten Jahrhundert. Paulus' Vorgeschichte ist fast lückenlos dokumentiert, ebenso seine Reisewege im Gebiet des östlichen Mittelmeers. Zahlreiche historische Dokumente und Texte hat der Düsseldorfer Theologe und Paulus-Biograf Michael Hesemann gesammelt und zu den Experten des Landeskriminalamtes gebracht, damit dort ein Bild des Apostels gezeichnet werden konnte.

Anlässlich des Paulus-Jahres, das Papst Benedikt XVI. am 29. Juni feierlich eröffnen wird, fügten die Kriminalisten nun erstmals alle Teile des Puzzles zusammen. Die Beamten ließen das Bild aber nicht in der Geheimakte "Paulus" verschwinden, sondern stellten es auf ihre Internetseite www.polizeipresse.de.

Der kriminalistischen Ermittlung zufolge erscheint Paulus als kleiner Mann mit weißer Hautfarbe, ausgeprägter Stirnglatze und krummen Beinen. Er trägt einen schwarzgrauen Bart und seine Augenbrauen über der Hakennase sind nahezu zusammengewachsen. Auffällig sind die scharf geschnittenen Gesichtszüge und vor allem die großen braunen Augen. Dem Mann mittleren Alters könnte man täglich auf den Straßen einer südeuropäischen Stadt begegnen.

Bevor Paulus geläutert wurde, war der aus dem kleinasiatischen (heute türkischen) Tarsus stammende Apostel Zeltmacher. Als religiöser Jude Saulus wütete er mit wahrem Furor gegen die ersten Christen. Brutal und ruhmsüchtig soll er gewesen sein. Die Steinigung des Diakons Stephanus soll er beaufsichtigt und gutgeheißen haben. Doch dann erschien ihm laut der Apostelgeschichte des Lukas vor den Toren von Damaskus Jesus. Durch die Vision wurde er zum Christentum bekehrt und nannte sich fortan Paulus.

Paulus wurde zum großen Lehrer des Christentums, seine Briefe und Aussagen stehen für den Universalismus der biblischen Botschaft wie keine anderen. Er hat Jesus von Nazareth nie persönlich kennen gelernt und gehörte nicht zu den von Christus ernannten zwölf Aposteln. Dennoch besaß Paulus im jungen Christentum eine Ausnahmestellung - die ganze Geschichte der Ausbreitung des christlichen Glaubens wäre anders verlaufen, hätte es ihn nicht gegeben.

Paulus' Missionarstätigkeit war von einer solchen Kraft, dass sie großen Eindruck hinterließ. Die von ihm selbst stammenden Schriften, Römerbrief, 1. und 2. Korintherbrief, Galater-, Philipper- und 1. Thessalonikerbrief, sind zentrale Teile des Neuen Testaments. Daneben spielen Schriften eine große Rolle, die später andere verfassten, aber erfüllt sind vom Geist des Lehrers Paulus.

Paulus gelang es, seine Demutshaltung in wenigen Worten zu beschreiben: "Paulus, Diener Jesu Christi, berufen zum Apostel, ausgesondert für das Evangelium Gottes" (Römer 1,1). Klar ist dennoch: Paulus war der Kosmopolit unter den weitgehend aus ärmlichen Verhältnissen stammenden, ungebildeten Aposteln, ein intimer Kenner des Judentums und der griechisch-römischen Geisteswelt in der Antike. Damit war er der erste Globalisierer und der "beste PR-Experte, den Christus für die Verbreitung des Evangeliums rekrutieren konnte", wie Michael Hesemann in seinem Buch zum Paulus-Jahr formuliert.

Paulus war wohl nicht der Sozialrevolutionär, zu dem ihn manche Exegeten machen wollen. Mit vielen Großen der Geschichte teilt er das Schicksal, oft einseitig interpretiert worden zu sein. Seine Gedanken waren anregend, er war kühn in seinen Schlussfolgerungen, provozierend in der Sprache. "Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau", schrieb er. Alle würden eins in Christus. Das war die neue, radikale Botschaft an die Menschheit.

Albert Schweitzer sah in Paulus deshalb hauptsächlich den Denker. Er warnte: "Und alle, die meinen, dem Glauben zu dienen, indem sie die Freiheit des Denkens vernichten, tun besser daran, ihm aus dem Weg zu gehen."

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