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23. Juni 2013

Arab Idol: "Der Stolz Palästinas"

 Von 
Mohammed Assaf nach seinem Sieg bei "Arab Idol".  Foto: rtr

Mohammed Assaf, ein Flüchtlingsjunge aus Gaza, ist das neue arabische Gesangsidol und ein Held: Der 23-Jährige gewinnt die Casting-Show "Arab Idol" und wird zum Symbol der lang vermissten palästinensischen Einheit.

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Mohammed Assaf, ein Flüchtlingsjunge aus Gaza, ist das neue arabische Gesangsidol und ein Held: Der 23-Jährige gewinnt die Casting-Show "Arab Idol" und wird zum Symbol der lang vermissten palästinensischen Einheit.

Ramallah –  

Schon seit Stunden harren sie auf Brüstungen, Dächern und sogar auf den Löwen-Statuen am Manara-Platz aus, um einen Blick auf das Spektakel zu erhaschen. Die Spannung hat sich schon seit Wochen aufgebaut, nicht nur im Gazastreifen, auch im Westjordanland wie hier in Ramallah. Heute ist die Nacht der Entscheidung, das Finale. Wird Mohammed Assaf, der Junge aus dem Flüchtlingslager in Chan Junis, der schon im Kindesalter auf Hochzeiten sang, tatsächlich die meisten SMS bekommen, um neuer Superstar von „Arab Idol“ zu werden, dieser erfolgreichsten Casting-Show des saudischen Satellitensenders MBC-1 mit über hundert Millionen Zuschauern?

Beinahe erstes Casting verpasst

„Es gibt keinen Palästinenser, der jetzt nicht vor einem laufenden Fernseher sitzt“, sagt Hala Abu Shilbayih. „Wir alle fiebern mit Assaf. Er ist einer von uns, wir fühlen mit ihm wie mit einem Bruder oder Sohn.“ Die 33-jährige Grafikerin sitzt mit Mann und Kindern im Laden an der Ecke, um sich von dem Rummel zu erholen. Am Manara-Platz wird es immer voller. Auf der Hauptstraße Richtung Jerusalem, in die ein hoch aufgehängter Videobildschirm hineinragt, ist kein Durchkommen. Die Menge badet in der Vorfreude. Wie steigerungsfähig diese Stimmung noch ist, zeigt sich kurz vor Mitternacht. Ungeheurer Jubel bricht aus, als der Sieg ihres Idols verkündet wird. Ganz Palästina scheint in einen kollektiven Begeisterungstaumel zu fallen. Feuerwerkskörper krachen, Nationalfahnen werden geschwenkt, es wird getanzt, gesungen, gejohlt.

Mohammed Assaf ist ein Held, wie sie noch keinen hatten. „Die Stimme Palästinas“ nennen sie den 23-Jährigen aus Gaza. Mit seinem ausdrucksvollen Gesang, patriotischen Volksliedern und einem strahlenden Lächeln hat er sich gegen 26 Mitbewerber aus nahezu allen arabischen Staaten durchgesetzt. Eine große Karriere wird ihm vorhergesagt. Den Plattenvertrag hat er bereits unterschrieben. Einen Sportwagen gab es für ihn in Beirut, wo „Arab Idol“ produziert wird, dazu jede Menge Glitter, Kitsch und Pomp.

Seine Geschichte wird vermutlich irgendwann als palästinensische Variante von „Slumdog-Millionär“ verfilmt werden. Jedes Kind, ob in Ramallah, Gaza-City oder Nazareth, kann sie erzählen. Wie Mohammed Assaf es wegen der Grenzschikanen in Rafah beinahe nicht zum ersten Casting nach Kairo geschafft hätte. Wie die Türen dort schon geschlossen und die Anmeldenummern vergeben waren. „Aber er ließ nicht entmutigen und kletterte über eine Mauer“, weiß die neunjährige Hiam. „Und weil er so schön singen kann, überließ ihm ein Mitbewerber seinen Platz“. Hiam und ihre Freundinnen sind glühende Verehrerinnen. „So einen möchten wir heiraten“, bekennt Hiam.

„Jeder kämpft auf seine Art“

Doch seine Wirkung geht über Schwärmerei weit hinaus. „Assaf hat eine Botschaft, die die Leute einander näher bringt“, sagt Hiams Vater, Ashad Hamideh, der mit seiner Familie in Kalifornien lebt, aber den Sommer über die Verwandten in Ramallah besucht. „Er präsentiert sich bei seinen Auftritten als Sohn Palästinas. Damit können wir uns alle identifizieren, in Gaza, der Westbank und im Exil.“ Assaf scheint etwas geglückt zu sein, woran die Politiker gescheitert sind: Das Volk sieht in ihm ein Symbol der lang vermissten palästinensischen Einheit. Sogar die Hamas in Gaza, deren erzkonservative Klerikale die freizügig inszenierte Show, in der Männer und Frauen gemeinsam antreten, als unislamisch verurteilte, versucht es nun mit Vereinnahmung. Präsident und Fatah-Chef Mahmud Abbas kam ihr noch zuvor und pries Assaf als „Stolz Palästinas und der arabischen Nation“.

Für das frisch gekürte Idol ist das alles ein bisschen viel. „Jeder kämpft auf seine Art“, sagte er nach der Preisverleihung. „Ich tue es mit meiner Kunst.“ Den Palästinensern hat er damit mehr als eine unvergessliche Nacht beschert.

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