Der Mann hat eine Menge vor in diesem Jahr. Workshops in Guatemala. Ein Buch über den Dresdener Maya-Kodex. Ausgrabungen im mexikanischen Dschungel. Nikolai Grubes Blick geht in die Ferne. Ein paar vereinzelte Schneeflocken wirbeln am Fenster seines Arbeitszimmers im Institut für Alt-Amerikanistik vorbei. Grube scheint zu frösteln. Die feuchte Schwüle eines mittelamerikanischen Dschungels ist Deutschlands bekanntestem Maya-Forscher eindeutig lieber als das deutsche Winterwetter.
Seit fünf Jahren leitet Grube das Institut für Altamerikanistik und Ethnologie an der Universität Bonn. Ein Jahr später startete unter seiner Regie das derzeit wohl ambitionierteste Projekt des Instituts: die Ausgrabung der verschollenen Maya-Stadt Uxul im Süden Mexikos. Uxul, was übersetzt "am Ende der Welt" heißt, wurde 1934 von zwei amerikanischen Archäologen entdeckt. Doch die Stadt an der Grenze zu Guatemala, im heißen Dschungel des Bundesstaates Campeche gelegen, geriet schnell wieder in Vergessenheit. Mehr als 70 Jahre sollten vergehen, ehe sich Grube mit einem 20-Mann starken Team aufmachte, Uxul ein zweites Mal dem Vergessen zu entreißen.
Nikolai Grube, 1962 in Bonn geboren, leitet das Institut für Alt-Amerikanistik und Ethnologie an der Universität Bonn. Er ist Direktor des Ausgrabungsprojekts Uxul im Süden Mexikos.
Die Ruinenstadt Uxul liegt im mexikanischen Bundesstaat Campeche zwischen den Mayastädten El Mirador im Süden und Calakmul im Nordosten. Die Stadt war über Jahrhunderte besiedelt und wurde vermutlich im 9. Jahrhundert n.Chr. von ihren Bewohnern verlassen.
Mit der Machete habe man sich Meter um Meter durch den Urwald gekämpft, erinnert sich Grube mit leuchtenden Augen an die beschwerliche Suche nach der versunkenen Stadt. Satellitenbilder dienten zur groben Orientierung im endlosen Grün des Dschungels. Umso schöner die Entdeckung der ersten Mauerreste. Allerdings sei man zunächst nicht sicher gewesen, ob sie tatsächlich zu Uxul gehörten "Es gibt so unendlich viele Ruinen im Urwald", sagt Grube. Inschriften auf einer Stele, einer freistehenden Steinsäule, brachten schließlich Gewissheit: Das Bonner Team hatte die Stadt am Ende der Welt gefunden. 2009 begannen die ersten Ausgrabungen, im Februar 2010 sollen sie fortgesetzt werden.
Alles in allem ein mühsames Unterfangen. Der nächste Ort ist rund 100 Kilometer entfernt; bei schlechten Wetterbedingungen dauert es bis zu vier Tagen, ehe die Fundstelle erreicht ist. "Teamfähigkeit und psychische Belastbarkeit aller Beteiligten sind angesichts der äußeren Umstände eine grundsätzliche Voraussetzung zum Gelingen dieses Projektes!" heißt es denn auch auf der Homepage des Instituts, wo regelmäßig Teilnehmer für die Grabungen gesucht werden. Weitere Voraussetzungen für die Teilnahme sind Grabungs- und Tropenerfahrungen und die Fähigkeit, sich drei Monate lang unter schwierigen Umständen in eine Gruppe einzufügen. Der Zulauf ist dennoch groß. Mehr als 20 Kandidatinnen und Kandidaten meldeten sich auf den Aufruf im vergangenen Jahr, weit mehr, als gebraucht werden: Zehn Studenten und zwei Wissenschaftler werden letztendlich im Februar nach Mexiko reisen. Vor Ort werden sie unterstützt von 35 Arbeiter sowie einem mexikanischen Wissenschaftler und zwei seiner Studenten.
Man erhoffe sich von den Ausgrabungen unter anderem Antworten auf so wichtige Fragen wie die, warum die Maya im 9. Jahrhundert n. Chr. ihre Städte verließen, erläutert Grube den wissenschaftlichen Hintergrund des ehrgeizigen Projektes. Waren eventuell klimatische Veränderungen schuld daran, dass Metropolen wie Chichen Itza in Mexiko oder Copan in Honduras aufgegeben wurden? Ein hochaktuelles Problem: "Wie reagieren Menschen, wenn sich das Klima in ihrer Region verändert?"
Lernen von den Maya? Warum nicht. Bislang, so Grube, sei die Altertumswissenschaft sehr eurozentrisch gewesen. "Viele unserer früheren Theorien über die Menschheitsgeschichte, über die Entstehung von Ackerbau, von Urbanität, beruhen auf europäischen Beispielen." In Amerika seien große Kulturen entstanden, "die in keinem Kontakt zur Alten Welt standen und dennoch zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Sie kannten das Ballspiel, entwickelten ein Göttersystem und hatten Könige und Adelige".
Es fasziniere ihn, "Brücken zu bauen zwischen den Welten", sagt Grube. Schon als Jugendlicher beschäftigte sich der heute 47-Jährige mit der Entzifferung der bis dato nur in Ansätzen entschlüsselten Maya-Schrift. Bücher zum Thema gab es Mitte der 70er Jahre nur wenige; und die "verstaubten Zeitschriften", die Grube unter anderem im Kölner Rautenstrauch-Jost-Museum aufstöberte, waren Jahrzehnte alt. Erst Anfang des 20. Jahrhundert hatten einige wenige Wissenschaftler zaghaft begonnen, sich mit der Kultur der Maya auseinanderzusetzen. Doch Grube blieb am Ball. "Ich wollte etwas erforschen, was noch gänzlich unbekannt war und wo mir keiner reinreden konnte", erinnert er sich an die Ambitionen jener Jugendjahre. Gemeinsam mit Studenten und jungen Wissenschaftlern aus aller Welt begann er, die Bilder und Zeichen der Maya zu entziffern. Mit Erfolg.
Heute sind rund 70 Prozent der Schrift lesbar, und Grubes Interesse gilt weniger der Entschlüsselung weiterer Zeichen denn der Deutung ihres Inhaltes. Längst lassen sich anhand des bereits Bekannten ganze Königsdynastien rekonstruieren. Man weiß, welche Rolle die Frauen in der Gesellschaft spielten und dass viele von ihnen lesen und schreiben konnten.
Doch es gilt noch viele Geheimnisse zu lüften. Seit Mitte der 80er Jahre ist das Interesse der westlichen Welt an dem Volk aus dem Urwald kontinuierlich gewachsen. Zu einem weiteren Popularitätsschub mag den Maya Roland Emmerichs Katastrophenfilm "2012" verholfen haben.
Demnach erlischt einer alten Maya-Prophezeiung zufolge am 21. Dezember 2012 alles Leben auf Erden. Das ist natürlich Unfug. Sagt Nikolai Grube und schaut hinaus auf den fallenden Schnee.
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