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Ariane Sommer: Der Wanne entstiegen

In Mousse baden war gestern: Unterwegs mit Deutschlands erstem It-Girl - Ariane Sommer liest aus ihrem Buch über die Glücksblase des Jetsets und gibt sich reif. Von Rudolf Novotny

Deutschlands erstes It-Girl gibt sich reif.
Deutschlands erstes It-Girl gibt sich reif.
Foto: dpa

Ihre Finger betasten den Einband des Buches. Lila, schwarz, mit geriffeltem Muster, wie Schlangenhaut. Sie blickt in den Raum. Getuschel. "Haben Sie es gelesen? Sehr schönes Buch." - "Hätte ich nicht von ihr gedacht." Kichern. Noch einen Prosecco. Frankfurt, Moulin Rouge-Bar.

Rotes Dämmerlicht, bordeaux-farbene Vorhänge. Sitzecken aus Leder, so dunkel wie die Abendkleidung der Zuhörer. Ariane Sommer schlägt das Buch auf, räuspert sich. Ihre Haut schimmert weiß. Das Getuschel verstummt. "Natürliche Selektion. Genf." Sie streicht ihr Haar zurück. "Haben Sie keine Angst davor, ertappt zu werden?, frage ich Frau Doktor Brunner, während kühler Stahl mir den Schritt spreizte und ein Katheter zwischen meine Beine geführt wurde."

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Ariane Sommer, 32, gilt als erstes deutsches It-Girl. Bekannt wurde sie Ende der 90er Jahre durch ein Bad in einer Wanne voll Mousse au chocolat. In der Folgezeit berichteten Boulevardmedien über ihre Auftritte auf Partys. Nebenher schrieb sie Kolumnen für Magazine wie Max und moderierte TV-Sendungen. Die Diplomatentochter wuchs unter anderem in Sierra Leone, Madrid und Miami auf. Nach dem Abitur im Internat Salem studierte sie Politik in Berlin. Heute lebt Ariane Sommer in Los Angeles.

Ihr Buch "Foreign Affairs", in dem sie amüsant und in lockerem Ton das Treiben des internationalen Jet-Sets karikiert, ist bei Weissbooks erschienen. rn

Ariane Sommer ist auf Lesereise. Das Buch mit dem Schlangenhaut-Cover ist ihr Werk. "Foreign Affairs", geschrieben zusammen mit der befreundeten Journalistin Esma Annemon Dil, ist eine Sammlung von Kurzgeschichten. Inhalt ist "die Glücksillusion" des internationalen Jet-Sets, sagt Sommer. Anderthalb Stunden geht es um Affären von hübschen Mädchen mit derben österreichischen Fernsehköchen, "teakholzfarbenen" Basketballspielern und Sergej, Türsteher einer Nobeldisko in Hollywood. Unterbrochen nur von Lachern und Applaus. Sommer lächelt bei anzüglichen Stellen, ahmt gekonnt Akzente nach - ist der Mittelpunkt.

Es ist fast wie um die Jahrtausendwende, als Deutschland über die neue Berliner Republik sprach und die neue Republik über Ariane Sommer. Über die Diplomatentochter und Nichte des Zeit-Herausgebers Theo Sommer, die in Berlin Politik studierte und auf jeder Party, in jeder Klatschzeitung der Hauptstadt zu finden war. Über die Frau, die mit einem einzigen Foto berühmt geworden war. Das Bild zeigt Ariane Sommer im pinkfarbenen Bikini, lachend, in einer Wanne voll Mousse au chocolat. Manchmal fasst ein Bild ein Leben zusammen. Manchmal verschwindet ein Leben hinter einem Bild.

Der Weg zum verschwundenen Leben der Ariane Sommer führt in ein kleines Städtchen in der Pfalz. Ein paar tausend Einwohner, ein Eisenbahnmuseum, mehrere Kirchen. Ein Ort, an dem, so sagt sie kichernd, sie nur "das Ariane" sei. Drei Tage vor dem Auftritt in Frankfurt. Das Ariane sitzt in einem Weinlokal am Marktplatz. Schwarzer Rollkragenpullover, kurzärmelig. Vor sich eine Tasse Tee.

"Hier haben wir immer unseren Heimaturlaub verbracht. Meine Mutter hat ein Haus in der Gegend. Ich bin hier sogar in den Kindergarten gegangen. Das ist für mich Heimat." Sie grinst. "Ai, isch kann sogar rischtisch bälzisch babbeln." Lautes Lachen. "Frau Sommer, wie wird man ein It-Girl?" Schulterzucken. "Da habe ich nicht wahnsinnig viel Kontrolle gehabt. Ich kam frisch vom Internat, studierte und fand das Nachtleben ziemlich anziehend. Drag Queens, Lebenskünstler, DJs. Das kannte ich vorher nicht."

Neben ihrem Studium modelt sie, macht Werbespots, dann die Sache mit der Mousse. "Und dann kamen irgendwann die Einladungen." Und die Medien. "Da dachte ich: Lass mal gucken." Sie guckt. Zunächst alleine, dann handelt eine Agentur Verträge für sie aus. Eine Moderation bei NTV. Eine Kolumne im Playboy. Auftritte in Vorabendserien und bei Harald Schmidt. Das Spiel funktioniert. Weil sie nicht mitspielen muss. Sie hat die materielle Sicherheit, das Zuhause. "Ich habe darauf geachtet, dass das Private privat bleibt."

"Okay, time to go"

Dann zerbricht ihre Ehe. Nichts Besonderes. Eigentlich. "Auf einmal standen Fotografen vor der Tür. Sogar vor der Tür eines Freundes. Das war der Punkt, wo ich merkte, dass es von Seiten der Boulevardpresse keine Grenze mehr gibt." Ariane Sommer zieht aus Deutschland weg. Erst nach London, dann nach Los Angeles. "Ich dachte: Okay, time to go." Sie lacht. Kurz. Leise.

Die Lesung im Moulin Rouge ist beendet. Auf Sommers Tisch steht ein Glas Rotwein, davor einige Menschen aus dem Publikum. Sommer signiert, lächelt, lässt sich von Männern im Rentenalter den Arm tätscheln. In einer Ecke der Bar sitzt ein älterer Herr mit schwarzer Intellektuellenbrille. Rainer Weiss, Sommers Verleger. "Die Direktheit der Stories, das hat mich beeindruckt." Er nippt am Rotwein. "Obwohl ich anfangs dachte: Ariane Sommer, das ist nicht so mein Ding. Ich bin darauf reingefallen, was man über sie lesen kann." - "Und das hat Sie abgeschreckt?" Weiss beugt sich vor, seine Stimme wird leiser. "Hören Sie, ich bin ein 60-jähriger, würdevoller Mann." Manchmal kann ein Bild erdrücken.

"Frau Sommer, nervt es, wenn das mit der Mousse immer wieder thematisiert wird?" - "Warum wird das thematisiert? Sagen Sie es mir!" - "Weil es zu der Figur Ariane Sommer dazugehört." - "Es ist einfach langweilig. In meinem Leben hat sich in den letzten acht Jahren viel getan." In Los Angeles trifft sie Clay. Er arbeitet in der Finanzbranche, irgendwann liest er eine ihrer Geschichten. Clay sagt: "Wenn du dich nicht auf deinen Hintern setzt und schreibst - dann verzeihe ich dir das nie."

Und Sommer schreibt. Und lächelt ein bisschen, als sie erzählt, dass die Vogue zwei Geschichten aus "Foreign Affairs" druckte, und die Süddeutsche einen positiven Bericht. Sie holt kurz Luft. "Keiner will ein Bild sein. Niemand möchte immer der sein, der in der Schule getriezt wurde, der mit der roten Strickmütze mit den Bommeln. Menschen entwickeln sich weiter. Man möchte in seiner Gesamtheit wahrgenommen werden. Ich glaube, das ist normal."

Es ist spät geworden im Moulin Rouge. Viel Wein, viele Gespräche. Ariane Sommer steht in der Mitte der Bar. Im roten Mantel, die Hand am Rollkoffer. Sie muss los. "Übermorgen nach Los Angeles, aber jetzt erstmal in die Pfalz." Papa hat Linsensuppe gekocht.

Autor:  Rudolf Novotny
Datum:  21 | 1 | 2010
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