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09. November 2009

Armin Maiwald im Interview: "Das tut fast weh"

Die deutschen Sesamstraßenbewohner Krümelmonster, Finchen, Buh, Ernie, Bert, Feli Felu und (oben von links) Tiffy, Grobi Samson, Elma, Rumpel und Gustav.  Foto: NDR/Sesame Workshop

Zum 40-jährigen Jubiläum der Sesamstraße rechnet Armin Maiwald, Vater der "Sendung mit der Maus", mit den Öffentlich-Rechtlichen ab. Ein Gespräch über den Bildungsauftrag und Konsumterror.

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Zur Person

Armin Maiwald, 1940 geboren, zählt zu den Erfindern des bekannten Kinder-TV-Formats "Die Sendung mit der Maus". Sie wurde 1971 zum ersten Mal ausgestrahlt.

"Der Spatz vom Wallrafplatz", "Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" und "Hallo Spencer" gehören ebenso zu seinem Repertoire.

Den Adolf-Grimme-Preis erhielt der Autor, Regisseur und Produzent 1988; 1995 das Bundesverdienstkreuz. (ber)

Herr Maiwald, Ernie, Bert und Ihre Maus standen am Anfang einer fatalen Entwicklung.

Wie meinen Sie das denn?

Armin Maiwald kann mit dem Kinderfernsehen von heute nicht viel anfangen.
Armin Maiwald kann mit dem Kinderfernsehen von heute nicht viel anfangen.
 Foto: ddp

Mit der "Sesamstraße" und der "Sendung mit der Maus" begann vor 40 Jahren das Kinderfernsehen. Heute sitzen die Elf- bis 13-Jährigen im Schnitt täglich 100 Minuten vor dem Fernseher. Ist das gut?

Natürlich nicht. Es stimmt, dass es damals Kritik gehagelt hat, als wir angefangen haben, Fernsehen für Kinder zu machen. Wie konnten wir nur! Alle, die uns heute loben - die Lehrer, die Pädagogen, die Kindergärtner -, die hätten uns damals am liebsten auf den Mond geschossen. Heute ist die Entwicklung aber eine andere. Das Problem ist nicht das Kinderfernsehen, es nützt ja nichts, die Kinder von etwas fernzuhalten, das die Erwachsenen die ganze Zeit tun. Das Problem ist die Qualität des Kinderfernsehens. Wenn sie sich auf solche Läden wie RTL2 einlassen, wo ein Schundprogramm läuft, dann können Samson und die Maus nichts dafür. Unsere Sendungen sind ein Angebot, zu dem wir niemanden zwingen können.

Auch Ihre Sendergemeinschaft ARD zieht sich immer mehr aus dem Kinderprogramm zurück und überlässt diesen Läden, wie Sie sagen, das Feld.

Ich halte das für eine schlechte Entwicklung. Vor Jahren noch gab es etwa im WDR eine lange Strecke für Kinderprogramm, die ist weg, alles abgebaut zugunsten von irgendwelchen Talkshows oder sonstigem Kram. Seit 20 Jahren herrschen nur noch Quotendruck und Kommerz.

Sie klingen wütend.

Das macht es mich ja auch. Die beste Zeit für Kinderfernsehen ist der frühe Abend, wenn die Kinder mit den Hausaufgaben fertig sind und vom Spielen kommen. Aber den frühen Abend will das Werbefernsehen, und da wird natürlich auf die Kunden geschaut und nicht auf die Kinder.

Und die Programmchefs von ARD und ZDF reden nach wie vor gerne von Qualität und Bildungsauftrag.

Nur erfüllen sie den nicht mehr in dem Maße, wie sie das früher einmal getan haben. Die haben als Alibi vor etwas mehr als zehn Jahren den Kinderkanal ins Leben gerufen. Dahin wurden die ganzen Kindersendungen verdrängt. Aber das Programm dort überzeugt mich nicht.

Warum nicht? Im Kinderkanal läuft abends kurz vor 19 Uhr das Sandmännchen, danach kommt der kleine Nils Holgersson. Das ist doch nicht schlecht.

Das ist gutes Kinderprogramm, ja. Aber das war es dann auch schon. Ansonsten ist beim Kinderkanal alles nur schrill und schreiend bunt, das nähert sich immer mehr dem Privatfernsehen an. Der Kinderkanal wird zwar gespeist von ARD und ZDF, aber da wurden kaum eigene Formate entwickelt.

"Bernd, das Brot" ist eine Kika-Produktion und wurde ebenso mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wie Sie.

"Bernd, das Brot" fand ich zumindest in der Anfangszeit auch richtig gut. Aber wenn man sich das gesamte Kika-Programm anschaut, dann laufen da Spielshows und Serien mit einer beständigen aufgesetzten Dauerfröhlichkeit in einer Lautstärke und einer Sprach-Frequenz, die fast schon wehtun. Natürlich finden Kinder Spaß und Gags und Tricks ganz lustig, natürlich verlangen Kinder nach Unterhaltung im Fernsehen. Aber zwischendurch wollen die auch mal was Ernstes, was zum Denken anregt. Da stimmt einfach die Mischung nicht.

Angenommen, Sie wären Programmdirektor, ...

... dann dürfte ich das alles gar nicht sagen. Aber wenn ich es wäre, würde ich die Werbung komplett rausschmeißen aus dem Öffentlich-Rechtlichen. Und nachmittags, wenn die Kinder Zeit haben, so zwischen 17 und 19 Uhr, liefe gutes Kinderfernsehen.

Was ist denn gutes Kinderfernsehen?

Es muss die Kinder ernst nehmen, sie mit ihren Themen beliefern, das können Geschichten sein, kleine, gute, große, lange, dicke, dünne Geschichten, vor allem gut gemachte Geschichten, die mit dem Alltag der Kinder zu tun haben. Und es muss informieren, es muss die Kinder neugierig machen und dazu anregen, hinauszugehen und sich die Welt genauer anzuschauen.

Was hat sich verändert im Kinderfernsehen, seit vor 40 Jahren "Sesamstraße" und bald darauf die "Sendung mit der Maus" gestartet sind?

Wir haben damals mit den Sachgeschichten, also den kleinen Einspielfilmen, die es schon vor der Maus gab, ja nicht nur Dinge erklärt, sondern auch Probleme thematisiert. Wir haben später zum Beispiel einmal eine Sondersendung zu Tschernobyl gemacht, die "Atom-Maus". Inzwischen findet Kinderfernsehen ja überwiegend im Privatfernsehen statt, und da geht es fast nur noch darum, den Kindern etwas zu verkaufen, also sie dazu zu verleiten, von ihren Eltern gewisse Dinge zu verlangen. Da laufen Formate, für die zunächst eine Merchandising-Strategie entworfen wurde und dann erst die Sendung. Das ist der zentrale Punkt. Mit kindgerechter Problematisierung von gesellschaftlichen Entwicklungen hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Da geht es nur um Kommerz.

In der "Sesamstraße" hat man die Kinder noch zur Kommerz-Kritik erziehen wollen mit Figuren wie Schlemihl, der die bunte Warenwelt unter seinem Mantel feilbot.

Ja, natürlich. "Hey du!" - "Wer, ich? "- "Genaaau!" Das war das echte Leben, aber in einer Weise dargestellt, dass Kinder damit umgehen können.

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